Im Sommer 2006 war der deutsche Fußball plötzlich wieder in Mode. Das lag aber nicht nur an den Spielern – Stichwort „Sommermärchen“. Aufsehen erregte die Mannschaft um Teamchef Jürgen Klinsmann bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land auch durch ihre eleganten Outfits. Während italienische Fußballer seit jeher für stilsichere Auftritte bewundert wurden, fragte sich nun die halbe Welt, wer denn die Deutschen so stylisch eingekleidet hatte. Hinter dem Hingucker steckte die Designerin Gabriele Strehle mit ihrer Marke Strenesse, die damals ihren Sitz im schwäbischen Nördlingen hatte.
Der Hype um den Pulli von Jogi Löw war riesig
Der Hype war riesig. Und vier Jahre später – Klinsmann hatte den Posten des Nationaltrainers inzwischen an Joachim Löw weitergegeben – machte der neue Mann an der Seitenlinie mit einem royalblauen Kaschmir-Pullover unter dem dunklen Sakko prompt neue Schlagzeilen. Der Glanz von Strenesse aber sollte schon bald darauf verblassen. 2014 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Sechs Jahre später war die Geschichte dann vorerst zu Ende erzählt, der Betrieb wurde eingestellt, die eigenen Läden geschlossen. Doch nun erlebt das Label ein überraschendes Comeback auf großer Bühne.
Zwei schillernde Namen stehen hinter dem Comeback
Die Gründerfamilie um Gerd Strehle und dessen Frau Gabriele hat die Markenrechte schon vor Jahren abgegeben. Der einstige Firmensitz in Nördlingen ist dem Erdboden gleichgemacht worden. Wenig erinnert dort noch an die einstige Erfolgsgeschichte. Stattdessen kehrt Strenesse nun ausgerechnet in der Hauptstadt Berlin zurück ins Rampenlicht. Hinter den Scheinwerfern stehen zwei schillernde Namen: Marcus Fürst von Sayn-Wittgenstein und Mariella Baroness von Essen wollen als Hauptanteilseigner und Mitgesellschafterin die untergegangene Kultmarke wieder groß machen.
Ende der 90er hatte Strenesse mehr als 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr gemacht und zu den wenigen deutschen Modeunternehmen gehört, die international einen Namen hatten. Damals stand man in einer Reihe mit Jil Sander, Hugo Boss oder Escada. Superstars wie Gisele Bündchen und Bryan Adams modelten für Strenesse. An diese Tradition wollen die neuen Besitzer anknüpfen: Im berühmten Kaufhaus KaDeWe hängt in diesen Tagen die neue Kollektion in den Schaufenstern.
Neuer Chef Noro Hoferer hat immer an die Marke Strenesse geglaubt
Der neue Firmenchef Noro Hoferer sagte kürzlich in einem Interview mit dem legendären Modemagazin Vogue: „Ich habe immer an den Wert der Marke geglaubt. Die Familie Strehle hat es mit klarem Stil, stringentem Branding und selbst der Uniform der Mitarbeitenden geschafft, einen Kult zu etablieren, der sie von anderen deutschen Brands unterschied. Das hat mich beeindruckt.“ Als kreativen Kopf hat sich Hoferer keinen klassischen Modemacher geholt. Mirko Borsche, geboren am Tegernsee, ist Grafikdesigner und hat in den vergangenen Jahren unter anderem den Stil von Birkenstock mitgeprägt. Er soll aber nicht nur den Produkten seinen Stempel aufdrücken, sondern auch eine neue Strenesse-Geschichte erzählen, ein neues Image kreieren.
Hoferer will die Marke nun „behutsam auf unterschiedlichen Kanälen aufbauen“. Nachdem die Idee eines eigenen Filialnetzes in der Vergangenheit gescheitert war, will er wieder stärker auf Exklusivität und den Glamour-Faktor setzen. Nach dem KaDeWe soll die neue Kollektion auch in Kitzbühel und München zu sehen sein. Eine Parfum-Serie hat Strenesse bereits auf den Markt gebracht. Für die internationale Expansion sucht Hoferer perspektivisch einen strategischen Partner.
Im kommenden Jahr ist übrigens wieder Fußball-Weltmeisterschaft, und Bundestrainer Julian Nagelsmann ist mindestens so modebegeistert wie sein Vorgänger Joachim Löw. Dessen blauer Strenesse-Pullover ist heute im Museum des Deutschen Fußball-Bundes zu sehen.
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