Die Lage für viele deutsche Brauereien ist bierernst. Weil immer mehr Menschen in Deutschland immer weniger oder gar keinen Alkohol mehr trinken, sind mit klassischem Bier allenfalls noch Wachstumsraten im Promillebereich zu erzielen. Ein neues Geschäftsfeld muss her. Und zahlreiche Betriebe setzen dabei neben alkoholfreiem Bier, das seit Jahren Marktanteile gewinnt, auf Cola-Mischgetränke. Nicht umsonst machte der Lizenzstreit um die Marke Spezi zwischen den bayerischen Brauereien Paulaner und Riegele bundesweit Schlagzeilen.
Es geht nicht nur um eine Marke, sondern um einen Markt
Es geht hier nicht nur um einen Namen, sondern vor allem um einen lukrativen, wachsenden Markt. Beide Unternehmen haben ihr Spezi schon seit Jahrzehnten im Sortiment. Riegele seit den 60er Jahren, Paulaner immerhin seit Mitte der 70er. Das kann sich nun als Vorteil erweisen. Und die Münchner wollen es bald sogar mit Softdrink-Riesen wie Coca-Cola oder Pepsi aufnehmen.
Seit gut zwei Jahren ist Jörg Biebernick Chef des Paulaner-Konzerns, der seine Produktpalette konsequent neu ausrichtet. Bier bleibt ein wichtiger Faktor, verliert aber zunehmend an Bedeutung. „Jeder sechste Deutsche hat letztes Jahr eine Paulaner Spezi getrunken – das ist fantastisch. Wir haben unser Sortiment zuletzt um eine Zitronen- und eine Orangenlimonade ergänzt. Im März launchen wir eine Cola, von der wir uns auch nochmal einiges an Wachstum erhoffen“, erklärt Biebernick in einem Interview mit der Wirtschaftswoche „Bei Softdrinks, da spielt die Musik“, ist er überzeugt.
Augsburger Spezi-Erfinder profitieren von Paulaner-Erfolg
Die Spezi-Erfinder aus Augsburg sehen den Erfolg des Konkurrenten nach all den juristischen Auseinandersetzungen mit gemischten Gefühlen. Dabei kann auch Riegele direkt davon profitieren. „Wir haben mit Paulaner jetzt einen fairen Vertrag. Wenn Paulaner mit Spezi im Ausland erfolgreich ist, bekommen wir eine faire Lizenzgebühr je nach Absatzmenge. Langfristig hat ein Gegeneinander keinen Sinn“, sagt Brauereichef Sebastian Priller unserer Redaktion. Für ihn gibt es keinen Zweifel: „Cola-Mischgetränke sind bundesweit aus einer Nische zu einem nennenswerten Segment geworden.“ Weil man nicht ganz Deutschland selbst beliefern kann, hat Riegele in den vergangenen Monaten ein Lizenz-Modell aufgebaut. „Im Norden gibt es jetzt Krombacher Spezi, wo wir selbst nicht distribuiert sind. In Kürze wird es auch ein Spezi-Gummibärchen geben und Spezi-Eis“, verrät Priller.
Fritz-Kola oder Afri als Alternative zu US-Platzhirschen
Ob das Spezi-Prinzip auch mit Cola funktioniert? Fakt ist: Der Markt war in Deutschland viele Jahrzehnte lang von wenigen großen ausländischen Firmen dominiert. Doch die US-amerikanischen Platzhirsche Coca-Cola und Pepsi bekommen immer stärkere Konkurrenz. Deutsche Marken wie Fritz-Kola, erst 2003 in Hamburg gegründet, oder Afri-Cola, die in den 60er Jahren durch kreative Werbekampagnen und ihr stilprägendes Flaschendesign Furore machte und nun ein Revival erlebt, haben es geschafft, sich als hippe Alternativen gerade für junge Leute zu etablieren.
Der Retro-Trend hat auch Paulaner geholfen. Firmenchef Biebernick spürt bei den Kunden eine Rückbesinnung auf bekannte Produkte, mit denen viele Menschen aufgewachsen sind. „Wir haben festgestellt, dass unser Etikett durch seine Farbkombination mit Flowerpower, den 60er und 70er Jahren verbunden wird“, sagt er. Die Optik der künftigen Paulaner-Cola soll sich folgerichtig daran anlehnen.
Die Nostalgie-Welle hat auch Ostdeutschland erfasst: Dort ist die einstige DDR-Marke Vita-Cola mit Sitz in Thüringen, die nach der Wende zwischenzeitlich nahezu verschwunden war, heute teilweise populärer als alle anderen.
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