Herr Käfer, können Sie loslassen? Sie sind 68 Jahre alt und haben verkündet, bis mindestens 2030, also weit über 70 hinaus, arbeiten zu wollen.
MICHAEL KÄFER: Ja, denn 2030 wird unser Feinkost-, Event- und Catering-Unternehmen 100 Jahre alt. Ich werde sogar noch ein klein wenig länger als 2030 arbeiten, weil meine Kinder noch relativ jung sind. Ich erkenne bei unseren Zwillingssöhnen Raphael und Nikolas zwar Talent für das Unternehmertum, sie sind aber erst 15 Jahre alt. Doch ich habe das große Glück, dass wir bei Käfer gute Geschäftsführer haben, die mir viel Arbeit abnehmen. Ich kann immer mehr Aufgaben abgeben.
Können Sie wirklich Arbeit delegieren?
KÄFER: In einem Dienstleistungsberuf wie unserem zu delegieren, ist wahnsinnig schwierig. Denn Dienstleistung, insbesondere Gastronomie und Catering, besteht aus vielen Details. Wir sind kein Industrie-Unternehmen, bei dem man nach einem klaren Plan produziert. Bei Käfer ist jeder Tag anders, je nach Veranstaltung. Wir sind ja auch vom Wetter abhängig. Da muss man schnell umdisponieren können.
So ganz klappt das mit dem Loslassen also nicht, oder?
KÄFER: Auch weil ich als Chef in einem Unternehmen wie unserem vorleben muss, wie wir die hohen Käfer-Qualitätsstandards einhalten können.
Sind Sie ein Perfektionist? Vor unserem Gespräch haben Sie in einem Raum hier am Stammsitz in der Münchner Prinzregentenstraße überprüft, ob der Heizkörper stark genug aufgedreht ist. Sie sollen ja selbst Glühbirnen, die kaputt sind, selbst auswechseln.
KÄFER (LACHT): Ich achte auf Details. Das mit den Glühbirnen stimmt. Bei einer Veranstaltung stellte ich fest, dass die Stühle eiskalt waren. Ich habe mir dann Föhne bringen lassen und die Stühle warm geföhnt.
Sie haben selbst Stühle geföhnt?
KÄFER: Ja, denn solche Details sind so wichtig in der Dienstleistungswelt. Ich hatte schließlich die Stühle vor der Veranstaltung überprüft und habe beim Probesitzen festgestellt, dass sie ausgekühlt sind.
Sie sind als Chef eines Gastro-Imperiums mit 1600 Beschäftigten ein Probesitzer?
KÄFER: Ja, und das versuche ich auch, unseren Mitarbeitenden zu vermitteln. Es ist ratsam, sich vor einer Veranstaltung an einen der Tische zu setzen, um zu begreifen, wie sich ein Gast fühlt, was er sieht und was ihn vielleicht stören könnte. Das ist sehr lehrreich. Manchmal sehe ich Staub in einem Fenster. Den putze ich dann weg.
Bei aller Service-Mentalität: Ist es nicht übertrieben, Stühle vor einer Veranstaltung zu föhnen? Das könnte fast eine Szene aus einem Dietl-Film sein.
KÄFER: Nein, das ist nicht übertrieben. Denn bei der Veranstaltung habe ich durch das Probesitzen herausgefunden, dass die Holzstühle länger im Freien standen und deswegen stark ausgekühlt waren. Ich fragte mich damals: Was empfinden insbesondere Frauen, wenn sie sich mit eleganten dünnen Kleidern auf solche Stühle setzen? Mir war klar, dass gerade Frauen sich dann unwohlfühlen.
Und wie haben Sie so schnell Föhne organisiert?
KÄFER: Das war ein privates Fest. Wir haben alle Föhne, die wir schnell in der Nähe auftreiben konnten, genommen und rasch losgelegt. Das hat ein wenig geholfen. Die Summe der Kleinigkeiten lässt Gäste sich wohlfühlen und einen schönen Abend erleben. Und dann haben Sie mich noch gefragt, warum ich die Heizung in einem Raum vor unserem Gespräch selbst hochgedreht habe.
Nach der Stuhl-Episode liegt Ihre Antwort nahe.
KÄFER: Ja, ich wusste, dass dort in zwei Stunden eine Veranstaltung beginnt. Der Raum war zu kühl. Ich dachte, wenn Gäste in einen solch kühlen Raum kommen, drückt das auf ihre Stimmung. Da hilft das tollste Essen und der beste Service nichts. Ich lebe diesen Sinn für entscheidende Kleinigkeiten meinen Beschäftigten vor. Mir macht diese Arbeit eben Spaß. Und ich sage durchaus auch mal etwa einem Kellner, dass er selbst erkennen müsste, dass ein Raum zu kühl ist oder Gäste Zugluft ausgesetzt sind. Und schauen Sie mal nach oben.
Was sieht man da in Ihrem Büro?
KÄFER (LACHT): Zwei Lampen sind ausgebrannt. Das habe ich gerade erst gesehen.
Sie sind also ein Perfektionist. So lautet eine Ihrer Devisen für Veranstaltungen wie etwa Hochzeiten: „Auch das letzte Bier morgens um halb fünf muss schmecken.“
KÄFER: Das ist meine Philosophie, weil der Gastgeber auch für das letzte Bier morgens um halb fünf Geld bezahlt und eine entsprechende Erwartungshaltung hat. Wenn das Bier morgens um halb fünf perfekt serviert wird, ist der Gastgeber umso mehr überrascht und behält unseren Service in guter Erinnerung. Natürlich funktioniert bei uns nicht immer alles optimal. Mit Checklisten versuchen wir aber, Fehler zu vermeiden.
Wie darf man sich Michael Käfer als Gast vorstellen?
KÄFER (LACHT): Wenn ich bei einer Veranstaltung eingeladen bin, für die wir nicht den Auftrag bekommen haben, ist das ein Problem für mich. Und wenn ich in ein Restaurant gehe, beobachte ich alle Details. So richtig entspannen kann ich dann nicht. So sehe ich etwa, ob Tee richtig serviert wird oder ob wir etwas von anderen Restaurants lernen können. Ich bin eben mit der Gastronomie und dem Catering aufgewachsen. Das schärft den Blick.
Auf alle Fälle sollte man dafür sorgen, dass Ihr Unternehmen die Feier ausrichtet, wenn Sie Gast der Veranstaltung sind. Sind Sie ein ehrgeiziger Mensch?
KÄFER: Ja. So ärgert es mich als treuen Fan des FC Bayern bis heute, dass wir nicht das Catering für die Allianz-Arena bekommen haben und sich ein Konkurrent durchgesetzt hat. Ich gebe jedoch niemals auf und hoffe, dass wir irgendwann den Zuschlag erhalten. Was das Schlimmste für mich ist: Der Kollege macht einen guten Job in der Allianz-Arena.
Beim Wettbewerb um den Auftrag für die Allianz-Arena sollen Sie am Ende zu vorsichtig gewesen sein und der Konkurrent hat Sie ausgestochen. Stimmt diese in München kursierende Geschichte?
KÄFER: Ja, das stimmt. Damals habe ich einen Fehler gemacht. Das gehört zum Geschäft. Das Allianz-Thema arbeitet jedenfalls nach wie vor in mir. Wer weiß, plötzlich tun sich unerwartete Chancen auf. So habe ich das Catering für die Oper in München zurückgewonnen. Ich liebe jedenfalls diesen Beruf, auch weil Kundinnen und Kunden meistens positiv auf unsere Arbeit reagieren. Gibt es kein direktes Feedback, sehe ich etwa an den Tellern, ob die Gäste zufrieden sind.
Sie inspizieren also die Teller nach einer Veranstaltung.
KÄFER: Ja, haben die Kunden aufgegessen, sehe ich, dass sie zufrieden sind.
Und was können Sie sonst noch alles aus Tellern herauslesen?
KÄFER: Unlängst habe ich einen Teller von uns ausgemacht, der mir weniger gefiel.
Warum das denn?
KÄFER: Weil ich erkannte, dass der Lachs nicht so geschnitten ist, wie das Käfer-Standard ist.
Worin besteht der Käfer-Lachs-Standard?
KÄFER: Graved Lachs wird bei uns in Scheiben geschnitten. Auf besagtem Teller wurde er jedoch in Stücken serviert. Am nächsten Tag habe ich die Verantwortlichen darauf angesprochen. Und ich habe Ihnen gesagt, dass ich bei Graved Lachs erwarte, dass immer eine kleine Kartoffel dabei ist. Die Kartoffel fehlte indes. Für mich war der Teller nicht Käfer-like, sondern nur in Ordnung.
So viel ist bislang klar geworden: Sie begnügen sich nicht damit, dass Dinge in Ordnung sind.
KÄFER: Genau. So weit es geht, bin ich eben Perfektionist. Natürlich macht es in unserem Beruf auch einen gewissen Charme aus, wenn die Dinge nicht ganz so perfekt sind. Der Lachs hätte aber perfekt sein müssen.
Damit ist die Käfer-Lachsfrage geklärt. Was zählt für Sie am Ende am meisten im Service?
KÄFER: Eine charmante, lächelnde Servicekraft, die ausnahmsweise einmal Gerichte von der falschen Seite aus serviert, ist mir lieber als ein charmbefreiter Sturschädel, der stets von der richtigen Seite serviert. Perfektion allein reicht nicht. Der Gast muss auch ein gutes Gefühl haben. Zuletzt bekam ich einen mit der Hand geschriebenen Brief über eine Seite von einem liebenswerten Kunden, der sich bei uns bedankt hat. Das ist schöner, als Geld zu verdienen. Natürlich müssen wir aber auch Geld verdienen, zumal wir weiter wachsen.
Wie schaut es mit dem Geldverdienen aus?
KÄFER: Gut. So konnten wir im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von rund 250 Millionen Euro einen Gewinn von rund zehn Prozent erzielen.
Spüren Sie die Wirtschaftskrise gar nicht? Die Menschen müssten doch in Deutschland weniger feiern.
KÄFER: Wir sind zufrieden. Unser Geschäft ist stabil. Der Veranstaltungsbereich bewegt sich auf einem Umsatz-Niveau wie im vergangenen Jahr.
Wie erklären Sie sich diese für Käfer überraschend positive Entwicklung?
KÄFER: Ich habe einen Erklärungsansatz dafür gefunden, weshalb unser Veranstaltungs- und Eventbereich nach wie vor gut läuft. Das hat etwas mit dem Siegeszug von Social Media zu tun. Du brauchst heute Content.
Doch Sie servieren etwa bei einem fliegenden Buffet Häppchen, also Nährwerte, und keinen inhaltlichen Content.
KÄFER: Aber durch Veranstaltungen, bei denen wir das Catering übernehmen, entsteht Content.
Das müssen Sie erklären.
KÄFER: Wenn Unternehmen etwa ein neues Parfüm oder eine neue Mode-Kollektion vorstellen, ist es für sie am günstigsten, die Produkte im Rahmen einer kleinen Veranstaltung zu präsentieren. Dann können Sie diesen Anlass nutzen, um entsprechende Beiträge auf Social Media zu posten. Und Influencer, die auf der Party dabei sind, berichten auf sozialen Medien darüber. Die Rechnung ist ganz einfach: Mit einer Veranstaltung für 200 Leute, die ein Unternehmen für das Catering vielleicht 20.000 Euro kostet, steigert es dank all der Influencer die Reichweite so stark, dass sich das Investment locker rentiert.
Somit werden Influencer als neue digitale Schickeria zu guten Freunden von Käfer. Sie nennen sich einen „geliehenen Freund“, was die Beziehung zu Ihrer Kundschaft ausmacht. Haben Sie noch Zeit, selbst tiefgehende Freundschaften zu schließen?
KÄFER: Das ist schwierig. Durch meinen Beruf lerne ich unglaublich viele Menschen kennen. Doch tiefe Freundschaften, in denen man sich dem anderen weit öffnet, schließt man eigentlich nur in der Jugend. Einige Freunde wie Lothar Matthäus habe ich dann später noch gewonnen. Doch meist bin ich ein Freund auf Zeit, der Kundinnen und Kunden bei Veranstaltungen zur Seite steht.
Sie sollen in Ihrem Leben auf über 30.000 Partys und Veranstaltungen gewesen sein. Kann das stimmen?
KÄFER: Ja, diese Zahl habe ich hochgerechnet. Aber ich habe auch mit zwölf Jahren angefangen, im Betrieb meines Vaters Gerd Käfer zu arbeiten. Ich arbeite seit 56 Jahren in der Gastronomie.
Wie übersteht man so viele Partys, wenn man wie Sie häufig zu spät ins Bett kommt? Sie haben ja auch die Zeit als Chef der legendären Münchner Diskothek P1 überlebt.
KÄFER (LACHT): Ich habe das geschafft, weil ich durch solche Veranstaltungen, aber auch bei den Events im P1 immer wieder einen Adrenalinschub bekommen habe, wenn sich Erfolg eingestellt hat. Dann wiegt auch der Stress nicht mehr so stark. Ich schlafe halt a bisserl weniger. Das geht schon. In den vergangenen Jahren habe ich auch etwas zurückgesteckt, weil ich mich auf unsere guten Leute verlassen kann. So besteht mein Job immer mehr darin, Kunden Wertschätzung spüren zu lassen und auf Details zu achten.
Bei über 30.000 Veranstaltungen: Was war die beste Party Ihres Lebens?
KÄFER: Keine Ahnung. Das Geschäft ist schnelllebig. Eine Party folgt auf die andere.
Aber an manche Partys werden Sie sich doch besonders erinnern.
KÄFER: Ja, so haben wir einmal für einen Münchner Kunden in Marokko ein Fest ausgerichtet. Teil des Festes war ein Ritt mit Kamelen. Nach zehn Minuten sahen die Gäste ein Schild mit der Aufschrift „Oase“.
Das wäre auch eine Episode für Dietls Meisterstück „Kir Royal“ gewesen.
KÄFER (LÄCHELT): Zumal die Oase in Marokko ein bayerisches Bier-Zelt war. Das war genial: Da standen die Kamele vor dem Bierzelt. Die marokkanischen Kellner trugen Lederhosen. Die größte Herausforderung bestand für uns darin, bayerisches Bier nach Marokko einzuführen. Zwar gab es in Marokko Heineken-Bier. Aber kann man Heineken-Bier in einem bayerischen Bierzelt ausschenken?
Das geht gar nicht.
KÄFER: Genau. Das wäre das Schlimmste, was man sich antun kann. Und ich bin ja auch Wiesn-Wirt. Irgendwie ist es uns doch gelungen, bayerisches Bier am marokkanischen Zoll vorbei zu lotsen. Seitdem müssen wir aber als Käfer in Marokko auf dem Index stehen. Es gab immer wieder Stress.
Nun wäre es interessant, wer damals auf Kamelen zur bayerischen Bier-Oase geritten ist und was dort noch so alles passiert ist.
KÄFER: Das sage ich Ihnen aber nicht. Diskretion ist ein wesentlicher Bestandteil meines Geschäfts.
Der geliehene Freund ist also ein diskreter Freund.
KÄFER: Der geliehene Freund muss diskret sein. Zu Zeiten meines Vaters Gerd Käfer war das noch anders. Da war es am wichtigsten, nach einer Party am nächsten Tag in der Zeitung zu stehen. Sonst war die Party nicht gut. Heute wollen Promis in Zeiten von Social Media anonym bleiben. Und das versuchen wir, Ihnen zu ermöglichen.
In Ihren P1-Zeiten war das noch ganz anders.
KÄFER: Damals zwischen Mitte der 80er-Jahre bis hinein in die 90er-Jahre war München eine tolle Stadt.
München leuchtete damals noch, während es heute allenfalls schimmert.
KÄFER: Es ist ein ganz anderes München geworden. München ist eine Wirtschaftsstadt geworden. Es ist mehr Geld in der Stadt. Früher, in den 80er-Jahren, war München eine Kunst- und Kulturstadt. Man sah noch die Kriegsschäden. Bayerischer Charme prägte die Stadt. Wir hatten das Glück, dass der Musik-Riese Ariola in München saß. Viele Schauspieler lebten in München, weil in Geiselgasteig viele Filme gedreht wurden. Daraus entwickelte sich eine spannende Szene. Diese Szene gibt es heute so nicht mehr. München ist anders, aber nach wie vor eine wunderbare Stadt. Ich möchte nirgendwo anders leben.
In Erinnerung an die 80er-Jahre kann man als Münchner wehmütig werden.
KÄFER: Ja, es ist schade, dass es all diese Typen nicht mehr gibt. Typen wie den Vorstadt-Stenz Monaco Franze von Helmut Dietl existierten wirklich in München. Manchmal kommt auch bei mir Wehmut auf, weil ich das alte München so gut kenne.
Ist das Schickimicki-München mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft Geschichte? Wird in München noch kräftig wie in den 80er- und 90er-Jahren gefeiert?
KÄFER: Das Schickimicki-München ist verschwunden, auch wenn sich der Nimbus aus vergangenen Zeiten hält. Auf alle Fälle ist das Oktoberfest nach wie vor das beste Fest, das ich kenne. München ist insofern keine zurückhaltende Stadt wie norddeutsche Städte. Doch München glänzt nicht mehr so wie früher.
Woran liegt das?
KÄFER: Das liegt auch daran, dass es all diese schimmernden Persönlichkeiten wie Rudolph Moshammer, Walter Sedlmayr, Helmut Fischer oder Helmut Dietl nicht mehr gibt. Ich vermisse diese Münchner Originale. Ich vermisse auch Franz Josef Strauß. Die CSU-Legende war gut für München und Bayern. In diesem positiven Klima ist unsere Firma groß geworden. Doch die bayerische Lebensart mit ihrem großen Charme verschwindet immer mehr. Es gibt sie noch ein wenig am Tegernsee. Das war‘s dann aber auch. Ich wünsche mir ein wenig mehr Helmut Dietl für München. Leben und leben lassen, darauf kommt es an.
Einst zog München Stars magnetisch an.
KÄFER: Damals kamen Freddie Mercury, Tina Turner, Whitney Houston oder Mick Jagger nach München.
Haben Sie Jagger kennengelernt?
KÄFER: Jagger stand bei uns im P1 an der Bar, sprach mit einer Frau und keiner hat sich um ihn gekümmert. Das wäre heute unmöglich, würde doch sofort jemand ein Foto von ihm samt der Frau mit seinem Handy knipsen und via Social Media öffentlich machen. Dann würde überall geschrieben: Jagger hat eine neue Freundin. Früher war das alles unkomplizierter. Wir waren damals der beste Club in der Stadt. Nach Schallplattenaufnahmen oder Filmdrehs in Geiselgasteig kamen die Stars zu uns ins P1.
Kam auch Freddie Mercury von seinem geliebten Glockenbach-Viertel rüber zu Ihnen ins P1?
KÄFER: Selten. Die anderen Mitglieder von Queen waren häufiger da. Doch es gab einen legendären Auftritt von Queen mit Freddie Mercury im P1, als die Band-Mitglieder dort ihre letzte Welt-Tournee verkündet haben. Da kamen Journalisten aus aller Welt zu uns.
Sie hatten damals schon ein Händchen dafür, wie man als Unternehmer Aufmerksamkeit erzeugt. Waren Sie in jüngeren P1-Jahren ein Provokateur?
KÄFER (SCHÜTTELT DEN KOPF): Ganz und gar nicht.
Wirklich? Hing da nicht ein Jesus am Kreuz im P1? Das war doch ein pfundiger Skandal.
KÄFER: Wenn, dann wurde ich ganz unbewusst zum Provokateur. Als junger Mann habe ich in New York in Clubs verrückte Partys kennengelernt. Das Konzept habe ich mit nach München gebracht. Und dann gab es in München noch reichlich Klatsch-Journalisten wie Michael Graeter. Der hat viel für uns im P1 getan. Das vergesse ich ihm nie.
Und wie war das mit dem Jesus?
KÄFER: Manchmal sind im P1 Dinge passiert, die ich im Nachhinein bereue. So haben wir damals keine Jesus-, sondern eine Römer-Party veranstaltet. Im Zuge dessen habe ich viel über Journalismus gelernt.
Erzählen Sie.
KÄFER (LACHT): Wie gesagt, es sollte eine Römer-Party werden. Wir haben Schauspieler engagiert, die sich als Römer verkleidet haben. Einer darunter hatte sich als Jesus verkleidet, was ich zunächst gar nicht bemerkt habe. Dann erschien ein cleverer Fotograf und bat den Schauspieler in Jesus-Aufmachung, für ein Foto mit zwei Frauen, die nicht ganz bedeckt angezogen waren, zu posieren.
Der Skandal war perfekt.
KÄFER: Aber unbeabsichtigt. Ich schaffte es damals mit dem P1 in das Streiflicht der Süddeutschen Zeitung auf der ersten Seite. Darauf bin ich bis heute stolz. Aber nach der Sache hatte ich wirklich ein schlechtes Gewissen, was ich einem Journalisten einer Zeitung gestand. Ich sagte ihm dann auch, dass ich alles wieder gutmachen möchte, indem ich die Einnahmen der Römer-Party für einen sozialen Zweck spende. Am nächsten Tag erschien die Schlagzeile: „Katholische Kirche: Wir lassen uns von den Schickimickis nicht kaufen.“
Das ist journalistisch gut gedreht.
KÄFER (LACHT): Die haben mich gut reingelegt. Das war aus Sicht der Journalisten perfekt gemacht. Wir vom P1 haben damals der Abendzeitung drei Tage lang Geschichten für die Titelseite beschert. Ich war selbst schuld. Aber auch eine andere Motto-Party lief aus dem Ruder.
Spielen Sie auf die legendäre Fred-Feuerstein-Party an?
KÄFER: Ja, ein Jahr nach der Römer-Party haben wir uns vorgenommen, mal eine Feier zu veranstalten, bei der nichts passieren kann, aber auch gar nichts. So entschieden wir uns für das harmlose Motto „Fred Feuerstein“. Dann kamen wir auf die Idee, einen Knochen samt einem netten Brief als Einladung zu verschicken. Dummerweise haben wir die Knochen bei einem Metzger bestellt. Sie wurden gefroren geliefert und wir haben nicht gesehen, dass noch ein wenig Fleisch dran war.
Was sich als fatal erwies.
KÄFER: Denn es war damals sehr warm in München. So lagen in den Briefkästen plötzlich blutverschmierte Plastikbeutel mit einem Knochen als Einladung für die Feuerstein-Party im P1. Unter anderem bekam ein Arzt auf diese Weise Post von uns. Seine Arzthelferin rief bei der Polizei an, weil sie befürchtete, dass irgendjemand einen Finger verschickt hat. An dem Tag muss in München sonst gar nichts los gewesen sein, fand der Knochen, der wie ein Finger aussah, doch Eingang in den Polizeibericht.
Was ein Journalist wiederum kundig ausschlachtete.
KÄFER: Und wir hatten wieder Stress. Und wieder geschah es unbeabsichtigt. Heute kann ich darüber lachen.
Damit sind Sie ein unbeabsichtigter Provokateur.
KÄFER: Die Dinge sind einfach so passiert.
Es war jedenfalls alles andere als einfach, als Normalsterblicher ins P1 zu kommen, musste man sich doch einen Weg an der härtesten Tür der Republik vorbeibahnen. Heute können Sie es ja verraten: Wie kam man ins P1? Im Jahr 2017 haben Sie sich von Ihren Anteilen am P1 getrennt.
KÄFER: Ich weiß es nicht. Jan Klophaus verantwortete einst die Tür. Mich hätte er auch nicht ins P1 gelassen, wenn er mich nicht gekannt hätte.
Sie wären damals also als unbekannter Michael Käfer nicht ins P1 gekommen?
KÄFER: Ich wäre nicht ins P1 gekommen. Jan Klophaus war damals voll auf dem intellektuellen Trip. Sein liebster Gast war der Dichter Wolf Wondratschek. Im Nachhinein war die harte Tür des P1 ein geniales Marketing-Instrument. Das geschah wiederum nicht bewusst, sondern hat sich so ergeben. Auf alle Fälle konnte Jan Klophaus Lederhosen und Dirndl nicht ausstehen. Wer während der Wiesn-Zeit bayerisch angezogen war, durfte nichts ins P1 rein. So haben sich am Parkplatz vor dem Haus der Kunst reihenweise Menschen ihrer Tracht entledigt und sich umgezogen.
Trotz aller P1-Erfolge standen Sie irgendwann vor der Frage, ob Sie Nachtclub-König oder Unternehmer werden wollen. Warum haben Sie sich für Letzteres, also die komplette Übernahme des Familienunternehmens entschieden?
KÄFER: Das war die richtige Entscheidung. Der Anfang war hart, geriet das Unternehmen im Zuge der Rezession Anfang der 90er-Jahre in Schieflage. Ich hatte damals meinen Vater ausgezahlt und viel in die Firma investiert. Geld wurde knapp und Banken fragten kritisch bei mir nach. Interessenten machten sich Hoffnungen, unser Unternehmen für einen Schnäppchenpreis zu ergattern. So habe ich gelernt, dass ausreichende Liquidität das Wichtigste für einen Unternehmer ist. Zum Glück ging es gut aus. Das war der entscheidende Punkt in meiner unternehmerischen Karriere. Ich habe mir gesagt: Jetzt erst recht.
Was sagte Ihr Vater zu Ihrem Geschick als Unternehmer?
KÄFER: Unser Verhältnis war damals angespannt. Er hatte Angst, dass ich sein Lebenswerk kaputtmache.
Sie haben bekannt, dass Sie erst am Sterbebett Ihres Vaters erkannt haben, wie sehr er Sie liebt.
KÄFER: Heute ist mir klar, dass mein im Jahr 2015 verstorbener Vater in einer Zeit aufgewachsen ist, in der Männer oft die Liebe zu ihren Kindern anders als heute nicht so sehr zeigen konnten. Ich wollte auf alle Fälle meinem Vater beweisen, dass ich es drauf habe. Hierin liegen sicher auch die Wurzeln meines Ehrgeizes.
Hat Sie Ihr Vater gefördert?
KÄFER: Er hat mir viele Freiheiten gelassen. Mit 15, 16 war ich auf dem Oktoberfest sozusagen der verantwortliche Bauleiter, also Kümmerer für unsere Käfer-Schänke. Und mein Vater hat mich früh zu den Behörden geschickt. Dabei habe ich ungeheuer viel gelernt. Mein Vater war großzügig. Ich habe gutes Geld verdient. Aber er hat mich nicht einfach mal in den Arm genommen, wie ich das mit meinen Kindern mache.
Noch eine Einlass-Frage: Wie kriegt man bei Ihnen einen Tisch auf der Wiesn? Das scheint noch schwieriger zu sein, als früher ins P1 zu kommen.
KÄFER: Die Tische werden im wahrsten Sinne des Wortes vererbt. Wenn jemand einen Tisch hat, gibt er ihn nicht mehr her. Und wenn doch mal ein Tisch frei werden sollte, haben natürlich langjährige Kunden von uns Vorrang.
Also ist es selbst für diejenigen, die „in“ sind, schwer, beim Käfer auf der Wiesn drin zu sein.
KÄFER: Zumal in unserer Wiesn-Schänke exakt nur 1.500 Gäste Platz finden. Mein Tipp ist: Wir haben auf der Wiesn zusätzlich 200 Plätze im überdachten Freisitz und bis zu 1.900 im Garten. Wer etwa am Nachmittag kommt, sollte bei uns im Freien einen Platz finden. Am Mittag oder Nachmittag gefällt es mir bei schönem Wetter und weiß-blauem Himmel auf der Wiesn ohnehin am besten. Ich gehe dann draußen immer wieder durch die Reihen, setze mich auch mal hin, um zu spüren, wie es den Gästen gefällt.
Jetzt hat München mit dem 35-jährigen Grünen Dominik Krause einen neuen Oberbürgermeister und Chef-Anzapfer auf der Wiesn. Reiter und München haben nicht mehr zusammengepasst. Wie schmeckt Ihnen das?
KÄFER: Dieter Reiter hat als Oberbürgermeister sehr viel für München getan. Er war ein großartiger Oberbürgermeister.
So großartig fanden ihn viele Münchner dann auch wegen seiner FC-Bayern-Affäre nicht mehr.
KÄFER: Ich finde, dass man mit Dieter Reiter nicht fair umgeht. Als Demokrat akzeptiere ich aber die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler. Jetzt müssen wir Dominik Krause, der einen sympathischen Eindruck macht, eine Chance geben. Es wird vermutlich nicht ganz einfach für ihn, eine so große Stadt mit all ihren Behörden und in der aktuellen Haushaltslage zu führen. Aber wir Münchner müssen ihm Zeit geben, in die großen Stiefel seines Vorgängers hinein zu wachsen.
Sie sind auf alle Fälle ein Menschenfreund, lautet Ihr Credo doch: „Man muss Menschen lieben.“ Machen uns viele Menschen die Liebe zu ihnen nicht oft allzu schwer?
KÄFER: Meine Frau Clarissa und ich versuchen, unseren Kindern immer wieder zu vermitteln, dass man Menschen gern haben muss. Wer Menschen nicht gerne hat, kann unseren Beruf nicht ausüben. Die Liebe zu Menschen kann man sich nicht antrainieren. Diese Liebe muss in einem heranwachsen. Man muss sie spüren. Ich kenne nicht viele Menschen, die ich nicht mag.
Zu Ihnen in die Käfer-Schänke in der Münchner Prinzregentenstraße kommen jedenfalls auch immer wieder Politiker. So saßen einst der CSU-Grande Edmund Stoiber und Angela Merkel, als sie noch Kanzlerin war, in Ihrem nur sechs Quadratmeter großen, holzvertäfelten Bürostüberl. Heute können Sie ja erzählen, was die beiden damals besprochen haben.
KÄFER (LACHT): Da müssen Sie schon die Stube befragen. Wenn sie reden könnte, wäre das Stoff für spannende Bücher. Das Bürostüberl heißt so, weil es einst das Abrechnungsbüro war. Dort kann man wunderbar Gespräche führen, ohne dass jemals einer davon erfährt.
Es gab also nicht nur das Wolfratshauser Frühstück, zu dem die Stoibers Frau Merkel eingeladen haben, sondern auch das Käfer-Bürostüberl-Treffen.
KÄFER: Nicht nur unser Bürostüberl, auch unsere Besteck-Stube ist legendär. Dort sitzt Uli Hoeneß gerne. Ich habe aber den Eindruck, dass in dieser Stube nicht mehr wie früher entscheidende Gespräche etwa mit Spielerberatern über das Engagement von Fußballern geführt werden. Die Zeiten haben sich auch hier in München geändert. Uli Hoeneß kritisiert zu Recht, dass viele Spielerberater nur noch Dollar-Zeichen in den Augen haben.
Zur Person
Michael Käfer, 68, ist Vorstand der Münchner Käfer AG, einem führenden Gastronomie-, Catering- und Feinkost-Unternehmen. Er führt den von seinen Großeltern als Kolonialwarenhandel gegründeten Betrieb in dritter Generation. Käfer schloss ein Studium an der Fachhochschule München als Diplom-Betriebswirt ab. Als Inhaber und Betreiber des Münchner Clubs P1 wurde er bekannt. 1984 trat er in das Familienunternehmen ein, das er ab 1995 komplett übernahm. Zum Käfer-Imperium mit rund 1600 Beschäftigten gehören neben dem Restaurant und dem Feinkostladen in der Münchner Prinzregentenstraße etwa das Gut Kaltenbrunn am Nordufer des Tegernsees. Das Unternehmen zeichnet unter anderem auch für die Gastronomie in der Münchner BMW-Welt oder für das Dachgarten-Restaurant im Berliner Reichstag verantwortlich. Der Käfer-Party-Service ist eine feste Größe der Branche in Europa.
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