Die erste Spur zu den mutmaßlichen Mördern des Augsburger Polizisten Mathias Vieth hatte die Polizei schon etwa 20 Minuten nach der Schießerei – nur ahnte sie nichts davon. Denn eine Streife fand am Kuhsee-Parkplatz, wo die Verfolgungsjagd zwischen Motorrad und Streifenwagen begann, kurz nach der Schießerei ein Auto mit noch warmem Motor. Die Spur wurde in der Flut der Hinweise zunächst beiseitegelegt, weil der Halter des Autos – das ergab die Computerabfrage – ein unbescholtener Münchner Geschäftsmann war.
"Intensives Aktenstudium"
Wie Leitender Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz gestern bestätigte, wurde der Geschäftsmann zunächst auch nicht persönlich vernommen. Erst als ein Ermittler Anfang Dezember durch „intensives Aktenstudium“ darauf kam, dass der Geschäftsmann und Rudi R., der 1975 bereits einen Polizisten erschossen hatte, verwandt waren, wurde diese Fährte zur „Premium-Spur“ hochgestuft, so Nemetz. Der nichts ahnende Geschäftsmann hatte R. das Auto überlassen, weil dieser offenbar genervt davon war, mit einem auf ihn zugelassenen Wagen regelmäßig kontrolliert zu werden. Neuer Fund: Wollten die Brüder eine Rohrbombe bauen?
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Dass die Polizei nicht sofort nachfragte, erklärt sich wohl aus der Vielzahl an Spuren, die gleich nach der Tat abzuarbeiten waren. Unter anderem fasste die Polizei noch in der Nacht in Tatortnähe mehrere Männer, die sich hinterher als unschuldig herausstellten. Insgesamt gingen die Beamten 850 Spuren nach.
Polizistenmord Augsburg: Tödliche Verfolgungsjagd
Dass der Geschäftsmann aber als potenzieller Zeuge interessant hätte sein können, ist auch klar: Immerhin war sein Auto um den Tatzeitpunkt herum in der Nähe des Parkplatzes gewesen, wo die tödliche Verfolgungsjagd begann. Doch die Staatsanwaltschaft verweist darauf, dass zwischen dem abgestellten Auto und dem Ort, wo Polizist Mathias Vieth und seine Kollegin (30) das Motorrad samt der zwei Männer entdeckten, etwa hundert Meter liegen. Vor allem habe man das Motorrad vom abgestellten Auto aus nicht sehen können, ergab eine Spurenanalyse.
Unklar ist übrigens, wie das Auto wieder vom Kuhsee verschwand. Möglicherweise holte R. es Tage nach der Tat selbst dort ab. Einen Fehler hätten die Ermittler nicht gemacht, als sie den Geschäftsmann nicht sofort persönlich befragten, betont Nemetz. „Gott sei Dank haben sie es nicht getan.“ Schließlich wäre es gut möglich gewesen, dass der Geschäftsmann seinen Verwandten darauf angesprochen und ihn so gewarnt hätte. So observierte und belauschte die Polizei Rudi R. (56) und seinen Bruder Raimund M. (58) noch drei Wochen lang, bevor sie am vergangenen Donnerstag zuschlug. "Bayern Seite 12