Sonntag, 20. August 2017

14. September 2013 08:09 Uhr

Zwölf Stämme-Aussteiger

"Kriegen sie die Kinder wieder, setzen sie sich ab“

Die Anhörungen zur Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" haben begonnen. Unsere Zeitung sprach mit einem Aussteiger. Von Holger Sabinsky-Wolf und Anika Taiber

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Im bayerischen Klosterzimmern lebt die umstrittene Glaubensgemeinschaft der «Zwölf Stämme».
Foto: Daniel Karmann (dpa)

„Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ Die Bibel hält für jede Lebensphilosophie den scheinbar richtigen Spruch bereit. Das Zitat aus Sprüche 13, 24 jedenfalls dient der Sekte „Zwölf Stämme“ als Rechtfertigung für die systematische Misshandlung ihrer Kinder. Immerhin geben Mitglieder der umstrittenen urchristlichen Glaubensgemeinschaft im Ries inzwischen die Rutenschläge zu. Sie finden diese Art der Züchtigung aber nicht schlimm.

Am Freitag haben die Anhörungen in Ansbach begonnen

Ob die Sektenmitglieder am Familiengericht in Ansbach genauso argumentiert haben, ist nicht bekannt. Dort haben am Freitag die Anhörungen begonnen. Es geht um den vorläufigen Entzug des elterlichen Sorgerechts.

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Am Donnerstag vergangener Woche haben Polizei und Jugendamt 28 Kinder und Jugendliche zwischen sechs Monaten und 17 Jahren vom Gut Klosterzimmern bei Deiningen geholt. Die Kinder wurden in Pflegefamilien und Heimen untergebracht. Zwölf weitere Kinder wurden gleichzeitig Sekteneltern im mittelfränkischen Wörnitz weggenommen.

Eltern fordern Aufhebung des vorläufigen Sorgerechtsentzug

Der Anhörungstermin am Amtsgericht Ansbach begann am Freitag um 9.45 Uhr. Alle fünf Elternpaare der Kinder aus Wörnitz waren gekommen. Sie fordern die Aufhebung des vorläufigen Sorgerechtsentzugs und werden dabei von einem Rechtsanwalt aus Nördlingen vertreten. Zunächst wurden sieben Zeugen vernommen – sechs von ihnen sind Aussteiger aus der Sekte. Wie die Direktorin des Amtsgerichts Ansbach, Gudrun Lehnberger, mitteilte, schilderten sie ausführlich die Erziehungspraktiken in der Glaubensgemeinschaft. Während ihrer Aussagen hielten sich die Aussteiger demnach an einem geheimen Ort auf. Die Aussagen wurden per Video direkt in den Sitzungssaal im Gericht übertragen. Fragen an die Zeugen stellte der Richter am Telefon.

Lehnberger gab an, dass bei der Anhörung auch das auf Englisch abgefasste, 146 Seiten umfassende Erziehungshandbuch der Zwölf Stämme eine Rolle spiele. Als Zeugin wurde am Freitagnachmittag außerdem eine Beauftragte für Weltanschauungsfragen der katholischen Kirche befragt. Nach dem gemeinsamen Verhandlungsteil hörte der zuständige Richter die Eltern den ganzen Nachmittag über einzeln an. Die Sitzungen am Amtsgericht Ansbach sind nicht öffentlich.

Am Mittwoch beginnen die Anhörungen in Nördlingen

In Nördlingen beginnt nach demselben Muster die Anhörung des ersten Elternpaars aus Klosterzimmern am kommenden Mittwoch. Dort liegen wegen der Zwölf Stämme insgesamt 17 Verfahren an, berichtet Amtsgerichtsdirektor Helmut Beyschlag.

Die Sekte selbst kritisiert den Polizeieinsatz und den vorläufigen Entzug des Sorgerechts scharf. Auf der deutschen Internetseite ist von „staatlichem Kinderraub“ die Rede. Mitglieder der Gemeinschaft schreiben in Augenzeugenberichten ihre Version der Polizeiaktion von vergangener Woche. Die Grundbotschaft: Es ist eine harte Prüfung, aber am Ende wird Gott schon für uns sorgen.

Ein Aussteiger hofft, dass die Kinder in der Obhut des Jugendamtes bleiben

Einer, der über so viel Verblendung nur den Kopf schütteln kann, ist der Sektenaussteiger Benjamin (Name geändert), mit dem unsere Zeitung schon seit mehr als einem Jahr Kontakt hat. „Die fangen das total fanatisch ab“, sagt er. Es überrascht ihn nicht. 20 Jahre lang hat er in Klosterzimmern gelebt, gehörte eine Zeit lang dem Führungszirkel an. Dann floh er – mit vier kleinen Kindern. Heute ist er alleinerziehend. Seine Frau ist bei den Zwölf Stämmen geblieben. Benjamin hat oft mit jungen Aussteigern telefoniert in den vergangenen Tagen. Und er hat geweint, als er die Videoaufnahmen des Reporters Wolfram Kuhnigk gesehen hat, auf denen die Züchtigungen mit Ruten dokumentiert sind. „Da kamen wahnsinnig viele Erinnerungen hoch“, erzählt Benjamin.

 

Er hofft, dass die Kinder in der Obhut des Jugendamts bleiben und nicht in die Sekte zurückgegeben werden: „Wenn sie die Kinder noch mal kriegen, setzen sie sich schnell ins Ausland ab“, ist seine Überzeugung. Benjamin glaubt auch nicht, dass es allen Kindern, die von ihren Eltern getrennt wurden, schlecht geht. „Die Kleinen kriegen jetzt Spielzeug und so viele neue Einflüsse, die schaffen das“, sagt er. Ein Bekannter, der eine Pflegefamilie mit einem Sektenkind auf einem Volksfest gesehen hat, berichtete ihm, das Kind habe mit einem Teddy in der Hand und einem Lutscher im Mund sehr zufrieden ausgesehen.

Seinen echten Namen will Benjamin immer noch nicht nennen. Er hat Angst um seine Kinder. Die Zwölf Stämme haben ihm nach seiner Flucht einmal einen langen Brief geschrieben. Ihm selbst haben sie eine düstere Zukunft und den direkten Weg ins Fegefeuer prophezeit. Und die Kinder? „Sie haben geschrieben, meine Kinder gehören Gott und der wird sie sich zurückholen.“

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