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Bild: Friso Gentsch, dpa
Bild: Friso Gentsch, dpa

Zana Ramadani hat beobachtet, dass sich auch in Deutschland immer mehr Frauen verschleiern. Für sie ist das Kopftuch ein Zeichen der Unterdrückung.

Interview
10.04.2017

"Das Kopftuch ist ein Symbol, wie wenn Rechtsradikale Springerstiefel tragen"

Von Orla Finegan

Von der Protestlerin zur Kopftuchgegnerin: Zana Ramadani kämpft mit provokanten Thesen an Schulen gegen das Kopftuch. Ist das Stück Stoff ein Zeichen der Unfreiheit?

Frau Ramadani, Sie haben die Frauenprotestbewegung Femen in Deutschland mitgegründet und gehören heute zu den prominentesten muslimischen Kopftuch-Kritikerinnen. Was halten Sie von Forderungen, das Kopftuch zu verbieten?

Zana Ramadani: Man kann nicht alles verbieten. Aber für mich gehört es in öffentlichen Bereichen wie Schulen und Universitäten auf jeden Fall verboten. Ich wünschte, dass wir darüber gar nicht diskutieren müssten. Ich lehne sowohl das Frauen- als auch das Männerbild ab, das hinter dem Kopftuch steht. An uns Frauen ist nichts Unsittliches. Und Männer sind nicht alle Triebtäter. Nur weil sie Haare oder Brüste sehen, werden sie nicht zu Vergewaltigern. So sieht mein Männerbild nicht aus. Aber ich fordere auf jeden Fall für Minderjährige ein absolutes Kopftuchverbot. Vor allem in Schulen sollten Kinder kein Kopftuch tragen dürfen. Das ist für mich völlig inakzeptabel.

Warum sollen muslimische Mädchen nicht mit einem Kopftuch im Unterricht sitzen dürfen, wenn es Ausdruck ihrer Religion ist?

Ramadani: In öffentlichen Schulen haben religiöse Symbole nichts zu suchen. Wir müssen den Kindern in der Schule diese Neutralität vermitteln. Wir müssen ihnen die Freiheiten beibringen und die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Und vor allem müssen wir den Mädchen klar zeigen, dass sie genauso viel wert sind wie die Jungs. Wir können zwar nicht in den Familien eingreifen und den Eltern über die Schulter schauen. Aber wir können die Kinder in der Schule schützen. Damit verhindern wir auch Gruppenzwang, wenn das erste Mädchen anfängt, ein Kopftuch zu tragen. Nicht jeder ist von klein auf stark genug, um sich solchen Zwängen zu wiedersetzen. Es ist viel schwerer, das Kopftuch abzulegen, als es anzulegen.

Es gibt junge muslimische Frauen, die tragen nach Generationen als Erste wieder das Kopftuch. Nicht aus Zwang, sondern als Zeichen ihrer Freiheit. Halten Sie das für verwerflich?

Ramadani: Es gibt in Deutschland hochgebildete muslimische Internet-Bloggerinnen, die stark von Islam-Verbänden gefördert werden. Die schreiben Sätze wie: „Ich verschleiere mich, um als Mensch wahrgenommen zu werden.“ Für mich hieße das im Umkehrschluss, dass ich nicht als Mensch wahrgenommen werde. Warum soll ich so etwas tolerieren? Diese Frauen stellen das Kopftuch als Freiheit dar, aber es ist ein radikales, politisches Symbol. Wer das Kopftuch mit Freiheit verbindet, blendet aus, dass fast überall in der muslimischen Welt die Mehrheit der Frauen überhaupt keine Wahl haben, sich zu entscheiden, ob sie sich verschleiern wollen oder nicht. Sie werden dazu gezwungen. Das ist das Gegenteil von Freiheit und Toleranz.

Ist das nicht von allen Seiten eine sehr ideologisch aufgeladene Debatte um ein Kleidungsstück, ein Stück Stoff?

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Bild: Bernd Thissen, dpa (Symbolfoto)
Bild: Bernd Thissen, dpa (Symbolfoto)

Für Zana Ramadani ist das Kopftuch ein Zeichen für Radikalität, ähnlich wie die Springerstiefel in der rechtsradikalen Szene.

 

Ramadani: Für mich ist ein Kopftuch ein ähnliches Statement, wie wenn Rechtsradikale Springerstiefel tragen. Ich will auch nicht, dass meine Kinder in der Schule eine Frau in Springerstiefeln unterrichtet. Im Bundestag sind für alle Mitarbeiter bestimmte Marken als Kleidung verboten, wenn sie Ausdruck einer radikalen politischen Meinung sind. Warum sollte man dann das Kopftuch tolerieren? Das Kopftuch ist ein Symbol für Radikalität und Geschlechterapartheid. Es widerspricht unseren Werten.

Wo würden Sie sie ziehen, die Grenze der Toleranz?

Ramadani: Unsere Werte spiegeln sich in unserem Grundgesetz wider. Wir haben Religionsfreiheit. Das bedeutet aber auch, dass jeder das Recht hat, frei von Religion leben zu können. Gerade im öffentlichen Raum hat ein Kopftuch als religiöses Symbol nichts zu suchen. Von mir aus kann sich zu Hause jeder vermummen, wie er will. Aber endlose Toleranz halte ich in dieser Frage für einen großen Fehler.

Man hat den Eindruck, heute trägt in Deutschland ein größerer Teil der jungen muslimischen Frauen Kopftuch als vor zehn Jahren. Woran liegt das?

Ramadani: In Deutschland ist das eine Trotzreaktion. Anstatt eine gemeinsame Identität zu entwickeln, zählt für viele Muslime nur noch das Muslimsein. In den Moscheen in Deutschland wird kein spiritueller Glaube gelebt, sondern ein politischer Islam. Auch die Islam-Verbände tragen zu dieser Entwicklung stark bei. Daran ist auch die Bundesregierung schuld, sie hat diese Islam-Verbände erst stark gemacht. Die Politik hat nicht die emanzipierten Muslime, sondern Islamisten hofiert. Diese Verbände trichtern den Menschen ein, dass sie zuallererst Muslime sind und vielleicht irgendwo nachrangig Deutsche. Diese Verbände haben mit zur Spaltung geführt – zu einem immer größer werdenden Identitätskonflikt. Kopftuch und Verschleierung sind die sichtbaren Folgen.

Ist es auch die Folge einer Polarisierung, die seit dem islamistischen Terror auch in der breiten deutschen Gesellschaft zugenommen hat und oft den Islam unter Generalverdacht stellt?

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Bild: Ralf Hirschberger, dpa
Bild: Ralf Hirschberger, dpa

Muslimische Gläubige müssen sich mit den negativen Inhalten in ihrem heiligen Schriften auseinander setzen, so Ramadani.

Ramadani: Ich halte das Gerede von einer Polarisierung oder einer Islamophobie für unsinnig. Wir müssen die Probleme des Islamismus und der Gewalt klar benennen. Natürlich hat islamistischer Terror mit Religion zu tun. Nur wenn man die negativen Inhalte im Koran oder in den Hadithen klar benennt, kann man sich von ihnen trennen und den rein spirituellen Glauben leben. Der gewalttätige Teil der Religion muss bekämpft werden. Die islamische Welt – und da zähle ich mich auch dazu – ist verpflichtet, ihre eigenen Pappenheimer zu bekämpfen. Das passiert zu wenig. Die am lautesten schreien, sollten sich in die Pflicht nehmen und den Kulturkreis von innen heraus emanzipieren. Das kann nur von innen gelingen. So, wie es auch die Christen getan haben.

Verstehen Sie sich selbst als westlich geprägte Muslimin?

Ramadani: Ich bin ein westlich geprägter Mensch, ich definiere meine Identität nicht über eine Religion. Ich bin Muslimin, weil ich in diese Religion hineingeboren bin. Ich habe weder das Glaubensbekenntnis abgelegt, noch habe ich mich von der Religion abgewandt. Aber ich habe mich nie Religions-Inhalten unterworfen, das konnte ich als Kind schon nicht. Ich stehe zu meiner deutschen Identität und bin froh, dass ich sie ausleben kann. Für mich gehört zum Westen der Feminismus. Und der Feminismus ist für mich ein Kampf für Gleichwertigkeit und Gleichstellung. Deswegen behaupte ich, dass das Kopftuch westlichen Werten widerspricht. Wer ein Symbol trägt, das Geschlechterapartheid predigt, ist für mich alles andere als westlich.

Es gibt aber auch westliche Feministinnen, die das Kopftuch als Zeichen der Selbstbestimmung verteidigen…

Ramadani: Wenn im Westen ausgerechnet Feministinnen das Kopftuch verteidigen, finde ich das abartig und absurd. Da könnte ich mich wirklich aufregen. Da empfehle ich als Beispiel, auf die Frauenbewegung im Iran zu schauen: Da rasieren sich Frauen die Haare ab und schnüren sich die Brüste ab, um nicht verschleiert auf die Straße gehen zu müssen. Wenn ich keine Haare habe, brauche ich keinen Hijab tragen, ich habe ja keinen Reiz mehr. Genauso absurd ist es, wenn es hier in Deutschland Frauen als Befreiung empfinden, sich zu „entweiblichen“, indem sie Kopftuch tragen. An Weiblichkeit ist nichts Unsittliches. Es kann kein schlechtes Benehmen sein, wenn Frauen keinen Schleier tragen.

Sie gehen selbst in Schulen, um gegen Unfreiheit und Kopftuch zu kämpfen. Welche Reaktionen erleben Sie?

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Bild: Frank Rumpenhorst, dpa (Symbolfoto)
Bild: Frank Rumpenhorst, dpa (Symbolfoto)

Ramadani geht in Schulen um aktiv gegen das Tragen von Kopftüchern zu kämpfen. Allerdings klärt sie die Menschen nur auf. "Befreien" könne sie niemanden, so Ramadani.

Ramadani: Ich war letzte Woche in einer Klasse mit 18 Jahre alten Mädchen, die ihren Hauptschulabschluss nachholen. Da waren auch Kopftuchträgerinnen dabei. Eine sagte: „Das ist doch meine Freiheit.“ Ich habe gefragt, warum sie es macht, weil sie es erst seit einem Jahr trägt. Am Ende sagte sie, dass ihr Verlobter sehr eifersüchtig sei. „Aber ich tue es ihm zuliebe“, sagte sie. „Das ist doch frei!“ Nein, das ist nicht frei! Sie muss sich einhüllen und empfindet das als Freiheit.

Haben Sie Erfolg mit Ihrer Arbeit?

Ramadani: Ich kann die Mädchen nicht befreien. Ich bringe sie nur dazu, sich selber zu hinterfragen, indem ich ihnen immer wieder dumme Fragen stelle. Und ich merke, dass sie irgendwann stutzen. Sobald sie stutzen, habe ich etwas ausgelöst. Ich kann ihnen zumindest sagen: Du bist genauso viel wert wie ein Mann und du musst das nicht tun. Wenn du das nicht willst – und du musst es nicht wollen –, dann kannst du da raus. Viele kennen die Schutzmöglichkeiten in Deutschland nicht. Ich kläre sie auf. Es gibt Frauenhäuser, auch die Kinder werden einem in Deutschland nicht weggenommen.

Sie haben vor einigen Jahren den deutschen Ableger von Femen gegründet und mit blankem Oberkörper für Menschenrechte protestiert. Sie sind auch Mitglied in der CDU und kämpfen gegen das Kopftuch. Wie passt das alles zusammen?

Ramadani: Die Werte und Ziele meiner politischen Arbeit waren immer die gleichen. Femen war nur eine neue Ausdrucksform. Ich will Menschen aufrütteln und mich selber immer weiter emanzipieren. Ich bin froh, dass ich das in diesem Land machen kann und als Frau das Recht dazu habe. Auch wenn es schwer ist, in einer Männerpartei Fuß zu fassen, gerade als eine Frau, die viel kritisiert. Aber in der CDU ist viel in Bewegung. Ich bin heute glücklich über jede Entscheidung, die ich getroffen habe. Ich bin auch für jede Fehlentscheidung dankbar, weil ich die Freiheit hatte, sie selbstständig treffen zu können. Dafür kämpfe ich, und für nichts anderes.

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