Seit November vergangenen Jahres warnt das Landratsamt Landsberg vor dem regelmäßigen Verzehr von Fischen, die im Verlorenen Bach (Oberlauf der Friedberger Ach) geangelt wurden. Grund: Sie sind mit der giftigen Industriechemikalie PFC belastet. Das Landratsamt Augsburg, das nur für einen kurzen Gewässerabschnitt am Unterlauf zuständig ist, hat seit Jahresbeginn eine Verzehrwarnung und auch ein sogenanntes Verkehrsverbot ausgesprochen. Fische aus der Ach dürfen also dort nicht mehr in den Umlauf gebracht werden.
Dazwischen, für den über 40 Kilometer langen Gewässerabschnitt im Landkreis Aichach-Friedberg, sah das zuständige Landratsamt in Aichach bislang keinen Anlass für eine Warnung. Seit gestern hat sich das geändert: Jetzt gilt laut einer Mitteilung auch im Wittelsbacher Land eine vorläufige Verzehrwarnung für Fische aus dem Verlorenen Bach und der Friedberger Ach wegen erhöhter Werte von perfluorierten Chemikalien (PFC).
Giftstoffe sind über Löschschäume in die Friedberger Ach gelangt
Die Giftstoffe sind über Löschschäume, die über Jahrzehnte hinweg auf dem mittlerweile geschlossenen Militärflugplatz Penzing (Landkreis Landsberg) verwendet wurden, in den Bach gelangt. Der Gewässerverlauf wurde über Jahrhunderte hinweg künstlich verändert und umgeleitet, um Wiesen zu bewässern und Mühlen anzutreiben. Der Bach entspringt in der Nähe des ehemaligen Fliegerhorstes und mündet nach über 100 Kilometern bei Burgheim (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) in die Donau. Einige PFC-Verbindungen stehen unter dem Verdacht, krebserregend zu sein. Seit fast einem Jahrzehnt ist die Altlasten-Problematik durch den Löschschaumeinsatz in Penzing den Behörden bekannt. Bis heute wird untersucht und wann dort eine Sanierung beginnt, ist offen. Das bedeutet: Auf nicht absehbare Zeit bleiben die Giftstoffe in der Ach.
PFC sind schwer abbaubar und bleiben deshalb lange in der Umwelt und in der Nahrungskette nachweisbar. Die Belastung von Fließgewässern sinkt im Verlauf mit weiteren Zuflüssen durch den Verdünnungseffekt. Der Bach wurde vom Wasserwirtschaftsamt Donauwörth bereits mehrmals auf eine Reihe von giftigen PFC-Verbindungen untersucht. Perfluoroktansulfonsäure (PFOS) hatte jeweils den höchsten Gehalt aller festgestellten Substanzen. Die sogenannte Umweltqualitätsnorm in einem Fließgewässer liegt bei 0,65 Nanogramm PFOS pro Liter. Ein Nanogramm ist ein Milliardstel Gramm. An der Kreisgrenze bei Unterbergen (Schmiechen) wurden 16 Nanogramm PFOS pro Liter Wasser gemessen. Also 25-mal so viel, wie die Norm besagt. In der Ach bei Derching (Friedberg) waren es 14 Nanogramm, nördlich von Thierhaupten zehn und bei der Kittelmühle (Rain) noch fünf Nanogramm PFOS. Zum Vergleich: An Messstellen nahe den Quellen des Bachs liegt der PFOS-Korridor zwischen 300 und 150 Nanogramm.
Landkreis Aichach-Friedberg lässt Fischer im Juli beproben
Im Kreis Landsberg wurden im vergangenen Jahr Fische beprobt und im Kreis Augsburg zu Jahresbeginn – anschließend wurden die Verzehrwarnungen ausgesprochen. Ende Juni berichtete unsere Redaktion über die unterschiedlichen Bewertungen der Gesundheitsgefahr durch die jeweils zuständigen Landratsämter. Im Kreis Aichach-Friedberg mit höheren PFC-Belastungen als im Unterlauf bei Thierhaupten wurden Anfang Juli 21 Bachforellen und Aiteln auf Höhe der A8 und bei Kissing entnommen. Der endgültige Befund des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit liege noch nicht vor, heißt es in der aktuellen Mitteilung des Landratsamtes. Es verdichteten sich jedoch die Hinweise, dass die von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit 2018 für eine langfristig als unbedenklich angesehene PFOS-Aufnahmemenge bereits bei niedrigen Verzehrmengen ausgeschöpft werde.
Was sind PFC/PFAS? Verwendung, Verbreitung und Folgen
PFC/PFAS Per- und polyfluorierte Chemikalien/Alkylsubstanzen (PFC/PFAS) sind organische Verbindungen, bei denen an den Kohlenstoffketten die Wasserstoffatome teilweise oder vollständig durch Fluoratome ersetzt sind. Die Gruppe umfasst über 3000 verschiedene Stoffe.
Verwendung PFC weisen Wasser, Öl, Fette und Schmutz ab. Sie werden seit den 1950er-Jahren industriell hergestellt, mittlerweile ist die Produktion stark eingeschränkt. PFC haben aber besondere Eigenschaften – weshalb sie nach wie vor in vielen Alltagsprodukten vorkommen, zum Beispiel in Kochgeschirr, Textilien und Papier, in Outdoor-Kleidung, in Pappbechern und Pizzakartons, in Skiwachsen und in Lacken. PFC befinden sich in Feuerlöschschäumen und Teflonprodukten, Kälte- und Treibmitteln und in Pestiziden.
Umwelt In die Umwelt können PFC bei ihrer Herstellung gelangen. Doch auch beim Gebrauch und der Entsorgung der Produkte können sie freigesetzt werden. Wasserlösliche PFC werden über Flüsse und Meere global verteilt. Sogar in der Arktis und den dort lebenden Tieren werden diese Verbindungen gefunden. Flüchtige PFC, zum Beispiel aus Imprägniersprays, können über weite Strecken in der Atmosphäre transportiert werden. Über Niederschlag gelangen sie in den Boden und in die Gewässer.
Folgen Viele PFC reichern sich in der Umwelt sowie im menschlichen und tierischen Gewebe an. Der Mensch nimmt PFC hauptsächlich über die Nahrung oder über Trinkwasser auf. Auch erhöhte Konzentrationen von PFC in der Innenraumluft, beispielsweise durch Teppiche mit schmutzabweisender Ausrüstung, tragen zur PFC-Belastung des Menschen bei. Einige PFC stehen in Verdacht, krebserregend zu sein. (cli)(Quelle: Umweltbundesamt)
Die vorläufigen Ergebnisse müssten erst durch eine zweite unabhängige Untersuchung bestätigt werden. Dennoch rät die Kreisbehörde „vorerst“ vom Verzehr von allen Fischenarten aus dem Verlorenen Bach und der Friedberger Ach ab. Durch den einmaligen Verzehr von belasteten Fischen bestehe zwar keine akute Gesundheitsgefahr, allerdings sollten sie nicht über einen längeren Zeitraum regelmäßig gegessen werden. Die Untersuchungsergebnisse von Aiteln und Bachforellen waren laut Landratsamt jeweils bezogen auf eine Probenahmestelle sehr ähnlich. Es müsse deshalb davon ausgegangen werden, dass sich der PFOS-Gehalt von Fischen relativ schnell an die Gegebenheiten im Wasser anpasst. Bachforellen werden nämlich im Gegensatz zu den Aiteln von Fischern ins Gewässer eingesetzt.
SPD-Landtagsabgeordnete Strohmayr fordert Aufklärung
Die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr verlangte Ende Juli in einer Anfrage Aufklärung vom Umweltministerium über die PFC-Situation im Landkreis Aichach-Friedberg. Kurz darauf teilte das Landratsamt mit, dass es keinen Anlass für eine Verzehrwarnung von Fischen oder für Genuss von Trinkwasser sehe. Keines der bisherigen Probenergebnisse des Fließgewässers und aus Grundwasser und Oberflächengewässern im Umfeld des Flughafens Mühlhausen (Affing) habe in einem Bereich gelegen, der dies erforderlich mache. Die Umweltqualitätsnorm für Oberflächengewässer sei überschritten, der für das Grundwasser maßgebliche Schwellenwert dagegen deutlich unterschritten.
Den aktuellen Sinneswandel in Sachen Verzehrwarnung begründet das Amt mit den vorläufigen Untersuchungsergebnissen für die Fische. Die im Januar beprobten Fische aus zwei Fischzuchtbetrieben hätten keine PFC-Belastung aufgewiesen.
Lesen Sie dazu den Kommentar PFC: Warum wird jetzt erst gewarnt?
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