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Buchvorstellung

21.10.2019

Aufrechte Bäuerin muss 1943 ins Aichacher Zuchthaus

Buchvorstellung Prieler-Woldan Aichach Oktober 2019
2 Bilder
Ihre Freundlichkeit zum Fremdarbeiter Georges Fontaine (Erster von links) brachte der Bergbäuerin Maria Etzer (Zweite von rechts) das Zuchthaus ein. Zu NS-Zeiten war es strengstens verboten, familiären Umgang mit den Zwangsarbeitern zu unterhalten. Auf dem Foto sind mehrere Enkelkinder, die Ziehtochter von Maria Etzer und eine Fremdarbeiterin aus der Ukraine zu sehen.
Bild: Familienbesitz Brigitte Menne. Foto: Maria Prieler-Woldan

Plus Das Schicksal von Maria Etzer während der NS-Zeit ist Thema des Buches „Das Selbstverständliche tun“. Autorin Maria Prieler-Woldan stellt es in Aichach vor.

Es gibt Menschenleben, die Stoff hergeben würden für zwei oder mehr Leben. Prall gefüllt mit Ereignissen, kann man kaum glauben, dass einer allein das alles stemmt und aushält. Ob das funktioniert, hängt von der Persönlichkeit ab. Duckt man sich oder steht man aufrecht da und schaut den Dingen ins Gesicht? Maria Etzer (1890-1960), Bergbäuerin aus dem Pinzgau im Salzburger Land, ist so eine „Aufrechte“ – hineingeboren in eine schroffe Landschaft, in große Armut. Die Grausamkeiten des Krieges erfährt sie am eigenen Leib. Eine zähe unermüdliche Arbeiterin, eine gläubige Katholikin, eine, die dem Anderen in der Not hilft und „das Selbstverständliche tut“. Das Nazi-Regime steckt Maria Etzer für diese Haltung ins Aichacher Zuchthaus und bringt sie fast um.

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Ihre Enkelin Brigitte Menne, 73, und die Buchautorin Maria Prieler-Woldan haben jetzt in Aichach im evangelischen Pfarrzentrum ein Buch über sie vorgestellt. Der Titel: „Das Selbstverständliche tun“. Vor der Lesung waren Menne und die Autorin in der Kapelle der Aichacher Strafanstalt und legten einen Kranz am Altar nieder. Sehr emotional sei es für sie gewesen, kurz an dem Ort zu verweilen, wo die Oma zwei Jahre lang Unsägliches erleiden musste, so die Enkelin.

Bäuerin fällt durch ihre Menschlichkeit auf

Wodurch hatte sich Maria Etzer nach Ansicht der Nazis schuldig gemacht? Die 53-jährige verwitwete Bergbäuerin Etzer weigerte sich, den französischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter Georges Fontaine, den man ihr 1941 als Hilfskraft an den Hof geschickt hatte, gemäß der NS-Richtlinien als „Fremdarbeiter“ zu behandeln. Sie lässt ihn am gemeinsamen Tisch mitessen, am Sonntag darf er den Gottesdienst besuchen oder andere Kriegsgefangene auf ihrem Hof treffen. „Er war ein fleißiger und williger Arbeiter und daher habe ich ihn auch so behandelt wie einen heimischen Arbeiter“, ist in Maria Etzers Aufzeichnungen nachzulesen.

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Sie wird denunziert, ob vom Nachbarn oder von eigenen Familienmitgliedern, wird nie völlig geklärt. Der „unbotmäßige Umgang“ mit dem Fremdarbeiter wird angereichert mit der Unterstellung, sie habe eine intime Beziehung unterhalten. Das Delikt wird als „Wehrkraftzersetzung“ mit drei Jahren Zuchthaus geahndet. Das Geständnis hat man noch in Salzburg beim Verhör aus ihr heraus geprügelt.

Maria Etzer wird 1943 in das Zuchthaus Aichach überführt. Den Hof bewirtschaftet ihre mittlerweile erwachsene und verheiratete älteste Tochter. Maria hat acht Kinder zur Welt gebracht, drei sind im Kleinkindalter gestorben, ihr 1919 geborener Sohn fällt in Russland. Im Mai 1945 wird Maria Etzer aus der Haft entlassen und macht sich zu Fuß auf nach Salzburg.

Kinder der Bäuerin sind NS-Ideologie verfallen

Eine Zuchthäuslerin könne man daheim nicht brauchen, hat ihr sinngemäß eine Tochter ins Gefängnis geschrieben. Ein Großteil von Maria Etzers Kindern war der Nazi-Ideologie erlegen. Die 55-jährige, völlig ausgemergelte Maria Etzer verdingt sich nach ihrer Rückkehr als Magd, Wirtschafterin und Köchin auf fremden Höfen. Im Lauf der Jahre beruhigt sich das interfamiliäre Zerwürfnis, einige Jahre vor ihrem Tod zieht sie in die obere Kammer ihres Hofes. Dort stirbt sie 1960.

Wer erzählt und wie erzählt man die tragische Lebensgeschichte einer Frau, deren Schicksal die 230 Seiten des Buches „Das Selbstverständliche tun“ sprengt? Brigitte Menne, 73 Jahre alt, ist die 19. der 23 Enkelkinder Maria Etzers. Vor sieben Jahren hat sie intensiv damit begonnen, den Lebensfaden ihrer Großmutter wieder aufzunehmen. Wohl bewusst, dass sie damit in ein Wespennest des Schweigens und Vertuschens familiärer Mitschuld sticht. Ihre Recherchen, ihre Gespräche mit Cousins und Verwandten, und die Fülle an Archiv-Materialien, hat sie in Zusammenarbeit mit der österreichischen Sozialhistorikern Maria Prieler-Woldan bewältigt. Letztere hat das Buch verfasst, aus dem sie einzelne Auszüge vorträgt.

Erst 2018 wird die Bäuerin rehabilitiert

Prieler-Woldin verfolgt darin auch Maria Etzers kafkaeske Bemühungen, von offizieller Seite nachträglich eine Opferentschädigung für das erlittene Unrecht während der Nazi-Zeit zu bekommen. Vergebens. Erst Brigitte Mennes Hartnäckigkeit bringt posthum die Genugtuung: 2018 wird Maria Etzer vom Landgericht Wien persönlich und voll rehabilitiert.

Im Anschluss an ihren Vortrag in Aichach mahnt Brigitte Menne: „Sa mer solidarisch.“ Mit Blick auf das derzeit wieder stärker aufkommende nationale Denken und Fremdenfeindlichkeit sagt sie: „Reden wir drüber.“ Das Frauenforum Aichach-Friedberg mit Marion Brülls und Jacoba Zapf an der Spitze zeigten sich mit den über 20 Zuhörern berührt und erschüttert. Mit dem Buch sehen sich beide Forumssprecherinnen in ihren Bemühungen bestätigt, den vergessenen Frauen der NS-Zeit eine Gedenkstätte in Aichach zu gestalten. Bekanntlich hat die Stadt einen Zuschuss über 7500 Euro bereits zugesagt.

Weitere Infos

Buch „Das Selbstverständliche tun“ von Maria Prieler-Woldan ist mit einem Nachwort von Brigitte Menne 2018 beim Studienverlag Innsbruck erschienen.

Originalakten Am Mittwoch, 23. Oktober, besteht die Möglichkeit, im Bayerischen Staatsarchiv einen Einblick in Originalakten von Frauen zu bekommen, die in Aichach zur Zeit des NS-Regimes inhaftiert waren. Kursleiter ist der Historiker Franz Josef Merkl. Die Anfahrt erfolgt individuell. Treffpunkt ist um 13.30 Uhr im Bayerischen Staatsarchiv. Die Anmeldung erfolgt über die Volkshochschule (Vhs) Aichach unter Telefon 08251/87370, oder per E-Mail an info@vhs-aichach-friedberg.de.

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