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Inchenhofen-Ingstetten

15.07.2020

Cholera: Schrallbauern errichten eine Nothelfer-Kapelle

Die Sebastians-Kapelle in Ingstetten (Markt Inchenhofen) wurde nach einem Gelöbnis in der Cholera-Epidemie Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet.
Bild: Hubert Raab

Als Mitte des 19. Jahrhunderts eine schwere Choloera-Epidemie im Landkreis Aichach ausbricht, entsteht in Ingstetten eine Sebastians-Kapelle.

Im kleinen Ingstetten stand schon in früheren Zeiten eine Kapelle, denn 1831 wird das Dorf als „Weiler mit 10 Häusern, 1 Kapelle und 56 Einwohnern“ genannt. Heute leben im Ortsteil der Marktgemeinde Inchenhofen etwa 35 Menschen. In welchem Jahrhundert diese Kapelle entstanden ist, lässt sich nicht mehr erforschen.

Drei Bauern wohnen seinerzeit in "Dingstetten"

Von den zehn Anwesen werden im Jahre 1814 zur Zeit der ersten genauen Steueraufzeichnung drei Bauern genannt: der Peterbauer, der Heißbauer und der Schrall. Die Äcker, Wiesen und Wälder des „Schrallenbauern“ bildeten größtenteils den Ostteil der Flur Dingstetten, wie der Ort ursprünglich hieß. Seinen Hausnamen erhielt der Hof von Hanns Schrall, der 1661 das Anwesen kaufte. Noch 1721 hieß der Bauer Michael Schrall. Im 18. Jahrhundert gehörte der Schrallhof zur Hofmark Oberbachern. Nach mehreren Besitzerwechseln kaufte 1813 Benedikt Höger den Hof.

1854 bricht eine schwere Cholera-Epidemie aus

Thomas und Maria Theresia Höger erbauten 1857 die Vorgängerkapelle der heutigen, über deren Entstehung wir einiges sagen können. 1854 war eine schwere, damals oft tödlich verlaufende Choleraepidemie ausgebrochen. Von diesem Cholerajahr schreibt der Friedberger Kleinuhrmacher und Bürgermeister in seinem Tagebuch: „den 15t. Juni 1854 wurde in München die Industrie-Ausstellung eröfnet wozu ein eigener Palast von Eisen und Glaß erbaut wurde. Der Zudrang von Fremden aus allen Ländern Europas und anderen Welttheilen war groß und steigerte sich von Tag zu Tag, allein den 26t. Juli brach die Cholera aus und wurde von jeden Tag heftiger, verbreitete sich nach Augsburg und auch auf die meisten Städte, ja sogar Dörfer Baierns und rafte tausende in Zeit von ein paar Monathen hinweg.“

Die Sebastians-Kapelle in Ingstetten (Markt Inchenhofen) wurde nach einem Gelöbnis in der Cholera-Epidemie Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet.
Bild: Hubert Raab

Da gelobten Thomas und Maria Theresie Höger, Bauersleute des Schrallhofes, den Bau einer Kapelle. Drei Jahre nach dem Beginn der furchtbaren Epidemie erfüllten sie ihr Gelöbnis. Schon am 25. Juni 1855 ist der Plan zu einem neuromanischen Rechteckbau von Maurermeister Xaver Baumeister und Zimmermeister Anton Stocker datiert. Maurermeister Thaddäus Straßer aus Aindling führte 1857 den Bau der Kapelle „zur größeren Ehre Gottes und zur Verherrlichung des hl. Martyrers Sebastian“ aus.

Im Aichacher Land wütet 20 Mal die Pest

Seit der um 1350 einsetzenden, schweren Pestwelle in Europa war der Heilige Sebastian Nothelfer und Patron gegen ansteckende Krankheiten und Seuchen. Auch die Städte Aichach und Friedberg, wo zwischen 1349 und 1699 nicht weniger als 20-mal die Pest wütete und die Hälfte der Einwohner dahinraffte, nahmen ihre Zuflucht zum Heiligen Sebastian. Die Aichacher Bürgerschaft erbaute im Spätmittelalter die Sebastianskapelle und gründete die Sebastiansbruderschaft. Kirchen, wie in Derching (Friedberg) und Landmannsdorf (Adelzhausen) wurden unter das Patronat des Heiligen gestellt, viele Seitenaltäre dem St. Sebastian geweiht.

1911 erweiterten (oder bauten neu) Peter und Verena Höger mit Hilfe der Ingstetter Bevölkerung die heutige Kapelle. 1992 erfolgte eine Restaurierung durch Josef und Maria Höger. Den neubarocken Bau mit seinem Mansarddach, dem Glockentürmchen und den halbrunden Thermenfenstern ziert ein Muttergottesfresko über der Tür im Giebel. Im Inneren faszinieren die ornamentalen Bemalungen. Im neugotischen Altar steht eine Figur des heiligen Sebastian. Er wurde auf Befehl des Kaisers Diokletian an einen Stein gebunden und von Bogenschützen mit Pfeilen durchbohrt. An den Seitenwänden befinden sich Kreuzwegtafeln.

Die wunderschöne Kapelle wird von der Familie Höger des Schrallhofes in großen Ehren gehalten und lädt zum Innehalten ein.

Das Buch von Gabriele und Hubert Raab

„Kapellen im Wittelsbacher Land“, Wißner-Verlag, 190 Seiten, viele Fotografien. Das Buch ist im Verlag vergriffen. Es sind jedoch Exemplare im Landratsamt vorrätig (Kontakt: katharina.martin@lra-aic-fdb.de) sowie teilweise auch im örtlichen Buchhandel.

Über die Kapellen der Region berichten wir in einer Serie

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