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Zugunglück

11.05.2018

Der Bahnverkehr in Aichach läuft, die Wunden bleiben

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Blumen liegen am Sicherheitszaun des Aichacher Bahnhofs.
Bild: Erich Echter

Aufräumarbeiten sind abgeschlossen. Seit Mittwoch fahren wieder Züge. Die Ermittlungen aber dauern an, ebenso wie die Betroffenheit und Trauer um die Opfer.

Tag zwei und Tag drei nach dem Bahnunglück: Seit den Morgenstunden am Mittwoch läuft auf der Paartalbahn wieder der reguläre Bahnbetrieb. Gleichwohl kann vom üblichen Alltag für viele Menschen noch lange nicht die Rede sein. Das betrifft in erster Linie die Angehörigen der beiden Todesopfer und die Verletzten. Aber auch die Bayerische Regiobahn (BRB), die Deutsche Bahn, Polizei und Staatsanwaltschaft werden sich noch lange mit dem Unglück beschäftigen. In Aichach findet am Samstag eine ökumenische Trauerfeier statt.

Wichtig war zunächst, dass die Paartalbahn wieder befahrbar ist. Die Aufräumarbeiten wurden in der Nacht zum Mittwoch bewältigt. Die Deutsche Bahn benutzte dafür einen Hilfszug mit Hydraulikhebern. Damit konnte die BRB am Mittwochmorgen den Zugverkehr wieder aufnehmen. Die Schäden an den Gleisen waren laut einer Sprecherin der Deutschen Bahn gering, daher konnte der Verkehr nach Freigabe der Behörden und der Bergung der Züge schnell wieder anlaufen.

Mit den Ermittlungen wird es nicht so schnell gehen. Wie berichtet, geht die Staatsanwaltschaft Augsburg nicht von einer technischen Ursache, sondern von menschlichem Versagen aus. Bereits am Montagabend war der 24-jährige Fahrdienstleiter festgenommen worden, der Haftrichter setzte am Dienstagnachmittag den Haftbefehl unter Auflagen außer Vollzug. Es geht um den Verdacht auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Gefährdung des Bahnverkehrs. Wie berichtet, waren beim Aufprall eines Triebwagens auf einen stehenden Güterzug am Montag um 21.15 Uhr unweit des Aichacher Bahnhofs der 37-jährige Lokführer und eine 73-jährige Passagierin ums Leben gekommen. 14 Menschen wurden verletzt, einer von ihnen schwer, zwei mittelschwer. In Lebensgefahr ist laut Polizei keiner.

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Matthias Nickolai, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, betonte am Mittwoch: „Die Ermittlungen laufen. Wir brauchen dazu zwingend das Gutachten.“ Am Dienstagnachmittag hatte ein Sachverständiger die Unfallstelle unweit des Aichacher Bahnhofes untersucht. Dessen Erkenntnisse werden ein wesentlicher Bestandteil der abschließenden Einschätzung und strafrechtlichen Beurteilung der Staatsanwaltschaft sein. Erfahrungsgemäß aber könne es noch Wochen dauern, bis das Gutachten vorliegt, betont Nickolai. „Man muss den Ablauf minutiös nachverfolgen“, so der Oberstaatsanwalt. Wichtig ist dabei für die Behörde, das Aichacher Zugunglück eigenständig zu bewerten. „Wir neigen dazu, Parallelen zu ziehen“, sagt Nickolai mit Blick auf das Zugunglück von Bad Aibling. Doch davor solle man sich hüten. Jedes Unglück habe seine eigene Geschichte. Auch Siegfried Hartmann von der Pressestelle des Polizeipräsidiums in Augsburg unterstreicht: „Es geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit.“ Man müsse „alles zusammentragen, um zu sehen, wie es passiert ist“. Dazu nötig sind auch die Eindrücke der betroffenen Zugpassagiere. Einige der Unverletzten waren nach dem Unglück – womöglich geschockt – nach Hause gegangen. Die Polizei bittet sie darum, sich zu melden, Telefon 0821/323-3810. Bis Mittwochvormittag hat das laut Hartmann ein Mann getan, der aber noch nicht vernommen werden konnte.

Im Laufe des Mittwochs wurde begonnen, den beschädigten doppelten Triebwagen der BRB im Schritttempo nach Augsburg ins Bahnbetriebswerk zu ziehen. Wie BRB-Pressesprecher Christopher Raabe erklärte, war der Zug nicht mehr fahrtüchtig. Eine Lok musste ihn abschleppen. Der Weg nach Augsburg war in diesem Fall lang. Denn die Strecke konnte nur phasenweise genutzt werden: Wenn gerade keine Züge verkehrten. „Wenn er da ist, wird alles stehen und liegen gelassen und der Zug wird sofort begutachtet“, kündigte Raabe an. Der Triebwagen kam am Mittwoch bis Dasing. Von dort setzte er sich laut Bernd Rosenbusch, Vorsitzender der BRB-Geschäftsführung, gestern um 0.50 Uhr wieder in Bewegung und wurde mit fünf Stundenkilometern Geschwindigkeit weiter nach Augsburg gezogen. Um 4 Uhr morgens kam er dort an. Angaben über die Schadenshöhe könne die BRB derzeit nicht machen, so Pressesprecher Raabe.

Die gleiche Auskunft gibt die Deutsche Bahn. Von der Pressestelle in Berlin gibt es nur die Mitteilung, sie könne „zum aktuellen Zeitpunkt keine weiteren Details zur Verfügung stellen“. Fragen zum Ausmaß des Güterverkehrs auf der Paartalbahn blieben unbeantwortet. Was die Besetzung der Fahrdienstleitung am Aichacher Bahnhof anbelangt, hieß es lediglich: „Grundsätzlich arbeiten auf unseren Stellwerken nur für das jeweilige Stellwerk eingewiesene Mitarbeiter.“ Bei der Regiobahn geht es in den Tagen nach dem Unglück nicht nur darum, sich technisch mit dem Zugunglück auseinanderzusetzen. Die Betroffenheit ist groß. Bernd Rosenbusch erklärte: „Es ist für unsere Mitarbeiter und für uns sehr schwer, das Unglück zu begreifen, insbesondere sind wir in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer und bei den verletzten Passagieren.“ Rosenbusch besuchte nach Angaben des Pressesprechers am Dienstagnachmittag Verletzte im Krankenhaus. Zur Betreuung der Mitarbeiter seien eigens zwei Kollgen aus der Verwaltung aus dem Urlaub gekommen. Außerdem bietet ihnen die BRB psychologische Betreuung an.

In Aichach veranstalten die katholische und die evangelische Kirchengemeinde gemeinsam eine ökumenische Trauerfeier für alle vom Zugunglück Betroffenen. Sie findet am morgigen Samstag, 12. Mai, um 10 Uhr in der katholischen Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt statt. Besonders willkommen sind laut Mitteilung der Pfarreien alle Trauernden und die Angehörigen der Verletzten, aber auch alle Rettungskräfte, die Menschen, die im Unglückszug saßen und jene, die sich um die Verletzten in Algertshausen gekümmert haben. Aber natürlich auch alle Menschen, die mit den Betroffenen fühlen.

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