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Schlossgeschichte(n)Serie (14)

10.11.2011

Ein Schloss droht baden zu gehen

Dieses Bild zeigt die Ostseite des Unterbaarer Schlosses in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Schlosskirche und mit dem Schlosspark. Seit Otto Freiherr Groß von Trockau das Schloss im Jahr 1962 erwarb, steht es leer. Die Familie selbst hat kein Interesse an einer privaten Nutzung, da sie bereits im unterfränkischen Trockau im Besitz eines Schlosses ist.
Bild: Fotos: Klaus F. Linscheid

Die wechselvolle Historie des Wasserschlosses Unterbaar

Eine Postkarte aus den 1940er-Jahren ist wahrscheinlich das letzte Lebenszeichen eines Schlosses, das einst als Lust- und Jagdschloss diente. Obwohl Schloss Unterbaar in den vergangenen 500 Jahren eine äußerst wechselvolle Geschichte aufweist und über Generationen immer wieder neue Besitzer hatte, ist die heutige Erscheinung dem ursprünglichen Gebäude wohl sehr ähnlich.

Am 24. November 1508 verleiht Herzog Wolfgang von Bayern Hofmarksrechte für die drei Dörfer Oberbaar, Unterbaar und Wiesenbach an Michael Riederer (* 1473, † 1520). Damit verbunden sind die niedere Gerichtsbarkeit und ein Braurecht. Riederer errichtet daraufhin das Wasserschloss auf einer kleinen Insel, indem er vermutlich zwei Gebäude zusammenführt.

Untersuchungen zeigten, dass sich die gotischen Gewölbe im nördlichen und im südlichen Teil unterscheiden und die beiden Keller nicht verbunden sind. Wer genau hinsieht, erkennt, dass die Längsfassaden leicht nach außen gewölbt sind. Baars Bürgermeister Leonhard Kandler, der das Schloss so gut kennt wie kein anderer, glaubt, dass es ursprünglich eine Durchfahrt für Pferdefuhrwerke in der Mitte des Schlosses gab.

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Seine Theorie: „Man schloss, wenn ein Fuhrwerk die Brücke über den Wassergraben überquert hatte und in der Durchfahrt verschwunden war, die Türe hinter dem Gespann, sodass es auf der anderen Seite sicher ausfahren konnte.“

Die einzige bekannte historische Darstellung des Schlosses ist der Stich von Michael Wening aus der Zeit um 1700. Dieser zeigt das Gebäude fast im heutigen Zustand. Statt des Portikus’ gab es einen kleinen Erker, der über zwei Geschosse reichte. Das Erdgeschoss war fensterlos. Die vier polygonalen Erker rundeten die Ecken des Gebäudes ab. Wann die beiden Stufengiebel durch ein Walmdach ersetzt wurden, ist unklar.

Vermutlich sind die Brüder Franz Marquart und Franz Ludwig Schenck von Castell bereits Anfang des 18. Jahrhunderts für einen größeren Umbau des Schlosses verantwortlich. 1916 erwerben die Gebrüder Himmelsbach, Holzgroßhändler aus Freiburg im Breisgau, das Schloss und die angrenzenden Wälder für 1,6 Millionen Reichsmark. Obwohl ihr vorrangiges Interesse dem Wald gilt, mit dessen Ertrag sie ihr Sägewerk betreiben, restaurieren sie auch das Schloss und bauen die Brauerei neu auf. Wahrscheinlich wurden in diesem Zuge nicht nur das Dach als Walmdach ausgeführt und die Stufengiebel abgetragen, sondern auch die Kastenfenster eingebaut. Interessant sind die zweiteiligen Fensterläden. Der innere Teil lässt sich öffnen und kippen. Die Lamellen sind verstellbar.

In der Ortschronik Joseph Balles steht: „Was Lafabrique, Heiligenstein, Moreau und Arco-Zinneberg (die Vorbesitzer, Anm. d. Red.) gepflanzt, gepflegt und gewahrt hatten, erntete diese Holzfirma. Unter donnerähnlichem Krachen fielen die alten Riesen des Waldes der Industrie zum Opfer. Der Gewinn muss enorm gewesen sein.“

Daher zeigt sich die Familie wohl der Gemeinde gegenüber wohltätig. Die Familien leben nicht im Schloss, sondern nutzen es als Lust- und Jagdschloss. Äußeres Zeichen der Besitzer ist heute ein großes, steinernes Wappen über dem Eingangsportal. Es zeigt einen Bach und einen Himmel mit neun Sternen. Sie sollen für die Kinder der Familien stehen.

Baars Bürgermeister hat eine ganz persönliche Beziehung zum Schloss. Die Großmutter seiner Ehefrau stand schon als Kind in den Diensten der Himmelsbacher. „Unsere Oma hat nur geschwärmt vom Schloss. Sie hatte dort als 13-Jährige eine Festanstellung und hat durch die vielen Gäste im Haus die weite Welt und großen Wohlstand erlebt.“ Die Zeit des Luxus währt jedoch nur kurz. 1927 geht das Unternehmen Konkurs. Die Dresdner Bank verwaltet das Gut und verkauft es 1928 an den jüdischen Augsburger Mobilien- und Immobilienhändler Gustav Einstein. Dieser muss 1933 vor den Nazis fliehen, sodass wieder die Dresdner Bank den Besitz verwaltet und 1933 an Hans Emslander verkauft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Einstein nach Deutschland zurück. Das Schloss wird inzwischen teilweilse als Altenheim für Vertriebene aus den Ostgebieten genutzt. 1956 erhält Einstein es nach einem langen Rückerstattungsprozess zurück. Kandler: „Unsere Oma hat erzählt, dass mit dem Tag, als Gustav Einstein ins Schloss einzog, wieder Leben in das Anwesen kam. Es wurde investiert, gebaut und Einstein versuchte, den Betrieb voranzubringen.“ Bilder aus jener Zeit belegen, dass es den Einsteins wirtschaftlich sehr gut gegangen sein muss. 1960 stirbt Gustav Einstein.

Ein Video über Schloss Unterbaar und alle 14 Teile der Serie finden Sie unter

aichacher-nachrichten.de/ schlossgeschichten

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