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26.06.2020

Friedberger Ach: Wie das Gift ins Wasser gelangt

Die Friedberger Ach hat ein Giftproblem. Wo ide Chemikalien herkommen, ist klar.
Bild: Josef Abt (Archiv)

Plus Über Jahrhunderte hinweg wurde der Bach immer wieder verlängert. Der Oberlauf entspringt nahe einem ehemaligen Militärflughafen. Dort liegt die „Quelle“ für das PFC-Problem.

„Alles fließt“ – das ist ein altgriechischer Philosophieansatz. „Alles hängt mit allem zusammen“ – das ist die Erkenntnis des Universalforschers Alexander von Humboldt, dass unsere Natur nur im Zusammenspiel mit dem menschlichen Wirken zu betrachten ist. Ein Beispiel für diese grundlegenden Gedanken und die Folgen unseres Handelns durchfließt das gesamte Wittelsbacher Land über 42 Kilometer von Süd nach Nord: die Friedberger Ach. Sie verläuft im Lechfeld meist nahezu parallel zum Alpenfluss und ist ein weitgehend von Menschenhand gestaltetes Gewässer. Selbst Anlieger wissen nicht, woher sie eigentlich kommt und warum sie heute so fließt, wie sie fließt. Durch den über Jahrhunderte hinweg mehrmals veränderten Verlauf und neue Zuläufe, vor allem aber durch die Umweltverschmutzung im Industriezeitalter, hat sie nun ein Giftproblem.

Chemikalien vom stillgelegten Militärflugplatz in Penzing

Konkret handelt es sich um per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC – siehe Infoartikel), die über Jahrzehnte hinweg auf dem mittlerweile stillgelegten Militärflugplatz Penzing (Landkreis Landsberg) in den Boden und später in das Fließgewässer gelangt sind. Wie gefährlich sind sie für Menschen und Tiere? Einige PFC stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Im Oberlauf und Unterlauf des kleinen Flusses warnen die Behörden aus den Landkreisen Landsberg und Augsburg jedenfalls seit einigen Monaten vor dem regelmäßigen Verzehr von aus dem Bach geangelten Fischen. Die Landsberger gehen inzwischen noch weiter: Nutztiere sollen nicht mehr mit dem Wasser getränkt werden, die Wässerung von Nutzpflanzen soll unterbleiben. Der längste Abschnitt der Ach liegt im Landkreis Aichach-Friedberg. Hier gibt es solche Warnhinweise an Fischer und Landwirte derzeit dagegen noch nicht.

100 Kilometer fließt der Fluss meist parallel zum Lech durch fünf Landkreise

Insgesamt rund 100 Kilometer fließt das Gewässer lechbegleitend durch fünf Landkreise. Dann schmiegt sich die Ach an die Donau, um weit umgeleitet erst östlich des Bertoldsheimer Stausees bei Stepperg (Neuburg-Schrobenhausen) in sie zu münden. Wenn nicht der Mensch über mehrere Jahrhunderte hinweg immer wieder eingegriffen und Bäche umgeleitet hätte, um Mühlen an der Ach besser anzutreiben und Felder zu bewässern, dann gäbe es das Problem im Landkreis Aichach-Friedberg heute gar nicht. Ursprünglich entspringt der Fluss nämlich südlich von Friedberg unweit des Paardurchbruchs und mündete zwischen Sand ( Todtenweis) und Thierhaupten in den damals weit verzweigten Lech.

Friedberger Ach: Wie das Gift ins Wasser gelangt

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das meiste Wasser in den Edenhauser Bach umgeleitet, der durch Thierhaupten nach Rain floss. Um 1860 ist dann der Lauf des zuvor von Kissing durch Hochzoll fließenden Hagenbachs verändert worden, um mehr Wasser in die Ach vor Friedberg zu bringen. Nach der Regulierung des Lechs in den 1920er Jahren sank der Grundwasserspiegel und die Quellen des Hagenbachs versiegten. Wieder wurde gegraben. Galgenbach (bei Merching) und der Verlorene Bach (beide mündeten früher in den Lech) führen seither Wasser in den Hagenbach. Der Oberlauf der Ach ist damit der Verlorene Bach (früher Rohrach) und der entspringt deutlich weiter südlich im Penzinger Ortsteil Untermühlhausen. Die speisenden „Sieben Quellen“, übrigens ein Naturdenkmal, liegen unweit des früheren Militärgeländes.

Auf dem ehemaligen Fliegerhorst wurde bis 2011 Löschschaum eingesetzt, der PFC-Verbindungen enthielt. Das Problem ist seit Längerem bekannt, aber bis heute nicht behoben. Rückstände gibt es an vielen Militär- und zivilen Flughäfen in ganz Deutschland. Die Sanierung der kontaminierten Bereiche geht allerdings bei den privaten Betreibern deutlich schneller. Am Nürnberger Flughafen wird beispielsweise schon seit 2015 das Grundwasser gereinigt und mittlerweile auch das belastete Erdreich abgebaggert.

In den Landkreisen Landsberg und Augsburg wird vor dem Verzehr von Fischen aus der Friedberger Ach gewarnt.
Bild: Josef Abt

Bei den Bundeswehrflugplätzen gibt es bisher nur in Büchel und Manching konkrete Schritte hin zu einer Sanierung. PFC-Nachweise im Boden wurden schon vor Jahren auf dem Flugplatz erbracht – und im Wasser aus den „Sieben Quellen“. 2013 wurde der örtliche Trinkwasserbrunnen bei den Quellen, der zuvor Untermühlhausen, den benachbarten Penzinger Ortsteil Epfenhausen sowie die Haushalte der Gemeinde Weil versorgte, stillgelegt.

PFC sind künstliche Stoffe, die etwa in Teflon enthalten sein können, in wasserabweisenden Outdoor-Kleidern oder aber eben in Löschschaum. Problematisch sind die Stoffe wegen ihrer gesundheitsgefährdenden Eigenschaften und ihrer Langlebigkeit. Die Chemikalien bauen sich nicht natürlich ab. Es dauert eine gewisse Zeit, bis der Stoff den Weg vom Boden über das Grundwasser in Gewässer schafft. Wie lange, das hänge von der Beschaffenheit des Bodens und von der Fließgeschwindigkeit der Grundwasserströme ab, so die Erklärung von Fachleuten. Auf dem Weg nimmt die Konzentration Stück für Stück ab und wird durch Zuflüsse verdünnt. Je größer die Entfernung, desto geringer ist die Belastung.

Am größten ist die Belastung logischerweise auf dem ehemaligen Transall-Standort selbst. In Penzing finden sich PFC-Konzentrationen im Bereich des Feuerlöschübungsbeckens und der Feuerwache. Die kontaminierte Bodenfläche wird vom Umwelt- und vom Gesundheitsministerium in München in einer früheren Antwort auf eine Anfrage des Landtagsabgeordneten Ludwig Hartmann (Grüne) mit 8500 und 200 Quadratmetern angegeben.

Ehemaliger Fliegerhorst Penzing: Es gibt 40 Verdachtsfälle von PFC

Daneben müssen rund 40 weitere Verdachtsflächen auf dem Militärgelände hinsichtlich PFC bearbeitet werden. Nach Einschätzung der Staatsregierung ging von den festgestellten PFC-Konzentrationen auch zu Zeiten der Trinkwasserförderung in Untermühlhausen keine Gefahr für die Gesundheit aus. Der höchste im Trinkwassernetz gemessene Wert von 0,23 Mikrogramm (Millionstelgramm) in einem Liter Wasser habe unter den „Vorsorgemaßnahmenwerten“ für Erwachsene (fünf Mikrogramm pro Liter) und für Säuglinge, Schwangere und stillende Mütter (0,5 Mikrogramm pro Liter) gelegen.

Im Herbst 2019 liegt erste Fisch-Untersuchung vor

Im Herbst 2019 hat das Landratsamt Landsberg eine Untersuchung des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) von Proben wild lebender Fische – fünf Bach- und eine Regenbogenforelle – auf verschiedene PFC-Verbindungen vorgelegt. Die Fische wurden zwischen Untermühlhausen und Weil gefangen. Laut Pressemitteilung stellte die Perfluoroktansulfonsäure (PFOS) jeweils den höchsten Gehalt aller in den Proben festgestellten Substanzen dar.

PFC im Löschschaum ist auf dem Militärflughafen Penzing ins Erdreich und dann weiter ins Grundwasser gelangt.
Bild: Bundeswehr (Archiv)

„Das LGL hält deshalb die PFOS auch für maßgeblich bei der Beurteilung der Verzehrfähigkeit der Fische und ihrer gesundheitlichen Wirkung.“ Auch beim Verzehr einer großen Menge Fisch aus dem Verlorenen Bach mit einer Mahlzeit oder über einen Tag verteilt seien bei keinen der in den verschiedenen Proben vorliegenden PFOS-Gehalten nachteilige Wirkungen auf die Gesundheit zu erwarten. Von einem regelmäßigen und dauerhaften Verzehr von Fischen aus dem Bach rät das LGL dennoch ab, da dies wegen ihrer PFOS-Belastung negative gesundheitliche Wirkungen hervorrufen könnte.

Nicht betroffen von der Warnung seien anliegende Fischzuchtbetriebe in ihrem Bereich, so die Landsberger Behörde. Dort wurden in den vergangenen Jahren mehrfach Proben genommen – vom Wasser und von den Fischen. Dabei gab es keine auffälligen Befunde. Der Verzehr der in den Hausgärten angebauten Lebensmittel wird insgesamt als unkritisch betrachtet. Derzeit laufen noch Detailuntersuchungen auf dem Flughafengelände und im nördlichen Abstrombereich, um die Grundwasserströme und mögliche weitere PFC-Eintragsquellen auf dem Flughafengelände zu klären. Über 100 Sondierungen, Oberflächenmischproben und dazu 46 Grundwassermessstellen werden zur Bestimmung der Grundwasserfließrichtung beprobt und analysiert. Begleitende Kampfmitteluntersuchungen hätten das Gutachten länger verzögert, teilt die Behörde mit. Mitte des Jahres sollen aber eine Gefährdungsabschätzung sowie konkrete Vorschlägen für Sicherung und Sanierung vorliegen.

In Penzing wurde eine Bürgerinitiative gegründet

Vor Ort im Raum Penzing wurde mittlerweile eine Bürgerinitiative gegründet. Die Fischereiberechtigten aus Thierhaupten haben nach Beprobung der Friedberger Ach in ihrem Gewässerabschnitt durch das Wasserwirtschaftsamt Donauwörth gemeinsam mit dem Landratsamt Augsburg ebenfalls Probefische untersuchen lassen. Ergebnis: Die PFC-Konzentration in den Fischen ist deutlich zu hoch. Damit seien die Fischereirechte in ihrem Wert substanziell geschädigt, so Claus Ludl, Obmann der Koppelfischer Thierhaupten, in einem Schreiben an das Landratsamt Landsberg. Das Landratsamt habe deshalb eine Verzehrwarnung und auch ein sogenanntes Verkehrsverbot ausgesprochen. Die Fische dürfen also nicht mehr in den Umlauf gebracht werden. "

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