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Aichach-Friedberg

21.08.2017

Glücklich im Waldkindergarten

Ob Jonathan (links) und Samuel ein Haus oder ein Piratenschiff bauen werden, wissen sie im Moment noch nicht. Die beiden gehen in den Waldkindergarten.
Bild: Katja Röderer

Kühbach und Blumenthal haben schon einen, Pöttmes schaut sich nach einem Platz für einen Waldkindergarten um. Das Konzept kommt im nördlichen Landkreis gut an.

Die kleine Zoe hüpft mit ihrem Steckenpferd Weichi über den Waldboden. Mit der anderen Hand streckt sie einen langen Grashalm in die Luft. „Haha, wir pieksen“ ruft sie vergnügt über den Platz des Waldkindergartens Aichhörnchenkobel in Blumenthal. Doch die Buben nehmen davon kaum Notiz. Mit aller Kraft zerren die Vier schon am Morgen einen Haufen alter Holzpalletten und Bretter auseinander und bearbeiten den Stapel mit Spielzeugwerkzeugen. Sie tragen kleine Bauarbeiter-Helme und diskutieren auch in Baustellenlautstärke darüber, ob sie danach ein neues Holzhaus bauen oder doch lieber ein Piratenschiff. Alles unter freiem Himmel. Immer. Und das Beste daran: Der Wald schluckt viel Lärm. Das macht einen Waldkindergarten aus.

Das Konzept in der freien Natur zu sein wann immer es geht, kommt auch im ländlichen Raum gut an. Im nördlichen Landkreis Aichach-Friedberg wächst die Zahl der Waldkindergärten. Neben der Einrichtung bei der katholischen Kindertagesstätte St. Magnus in Kühbach gibt es seit September 2016 den Waldkindergarten Aichhörnchenkobel im Aichacher Stadtteil Blumenthal.

Auch in Pöttmes kommt ein solches Projekt jetzt ins Rollen. Allerdings stecken die Pläne gerade wahrlich noch in den Kinderschuhen. Wie der Pöttmeser Geschäftsleiter Stefan Hummel erklärt, sei bislang noch kein Grundstück ausgewählt und die Frage, ob ein Waldkindergarten an eine schon bestehende Betreuungseinrichtung angegliedert wird, oder ob er eigenständig sein soll, sei ebenfalls noch offen.

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Eltern wollen Waldkindergarten in Pöttmes

Motorik und Kommunikationsfähigkeit würden durch die Bewegung im Freien und die selbst geschaffenen Spielsituationen gefördert, hieß es vor Kurzem im Pöttmeser Gemeinderat, als das Thema auf der Tagesordnung stand. Mit ihrer Idee eines Waldkindergartens waren die beiden Mütter Ruth Schäfer und Sabine Streber als Vertreter der Elterninitiative hier auf offene Ohren gestoßen (wir berichteten). Peter Fesenmeir vom Pöttmeser Bauamt rechnet mit Blick auf die stark gestiegenen Geburtenzahlen der Gemeinde vor, dass die 202 Kindergartenplätze trotz des Neubaus im Ortsteil Handzell in den nächsten Jahren knapp werden dürften, so weit sich das voraussagen lässt.

Auch der Waldkindergarten Aichhörnchenkobel in Blumenthal ist ausgebucht. Alle 19 Betreuungsplätze sind belegt. Zwischen 8 und 14.30 Uhr werden die Kinder von drei oder vier Erziehern und Praktikanten betreut. Sylvia Kreibich ist eine von ihnen. „Die Herausforderung liegt darin, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen und so in die Tagesstruktur einzubringen, dass alle zufrieden sind“, sagt sie.

Mitspracherecht wird hier groß geschrieben. So lassen sich die Drei- bis Sechsjährigen an diesem Morgen auch problemlos zum Morgenkreis locken. Erzieherin Angie Monzer muss es ihnen nicht lange erklären: „Wenn ihr mitbestimmen wollt, dann kommt ihr jetzt in den Morgenkreis.“ Einer nach dem anderen nimmt sich ein dünnes Kissen aus der Kiste und setzt sich auf einen der liegenden Baumstämme. Dann wird mitbestimmt.

Gleich nach einem Begrüßungslied beschließen die Kinder mehrheitlich, dass sie beim bevorstehenden Sommerfest nicht auf einer Bühne singen wollen, sondern lieber in einem Kreis. Eigentlich dürften sie jetzt auch noch beschließen, ob sie heute ihren Hauptplatz rund um die zwei Jurten zum Wandern und Spielen verlassen oder lieber hierbleiben wollen. Doch weil es auch der Waldkindergarten mit ganz normalen Kindern zu tun hat, springen die Ersten nun auf, denn sie müssen ganz dringend weiterspielen.

Bei Regen gehen die Kinder in die Jurte

Angie Monzer erzählt: „Wandern gehört eigentlich dazu.“ Oft werden andere Plätze erkundet. Der Wald mit seinen Bewohnern steht im Mittelpunkt. Es wird experimentiert und viel gespielt. Bei Regen oder Kälte können sich die Kinder in die beiden geräumigen zeltähnlichen Jurten mit festem Bodenbelag und Ofen zurückziehen. Auch Mittagsschlaf wäre hier möglich, doch meistens ruhen sich die Kinder nach dem Mittagessen auf einer Decke im Freien aus. Montags bringt immer eine Familie das Essen, dienstags kochen die Kinder gemeinsam und an den übrigen Tagen gibt es die mitgebrachte Brotzeit.

Was das Beste am Waldkindergarten ist? Darüber scheint jeder eine andere Meinung zu haben. Die vierjährige Leonie bastelt am liebsten, für die Buben hingegen ist das Bauen mit Naturmaterialien das Größte. Mutter Bianca Haas findet es hingegen einfach schön, dass ihre Tochter Sophia den ganzen Tag draußen sein kann.

Monika Bernbacher, eine der Initiatoren der Elterninitiative Waldkindergarten Aichhörnchenkobel, die auch Träger des Projekts ist, lobt wiedrum die Eltern. Die hätten lieber etwas höhere Kindergartengebühren bezahlen wollen, damit mehr Betreuer verfügbar sind und diese auch häufiger an Fortbildungen teilnehmen können. Der Kindergarten werde zudem über Zuschüsse von der Stadt und Spenden finanziert, wie sie sagt. „Ich finde es schön, dass die Kinder hier draußen sind“, erklärt Monika Bernbacher. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie anstrengend und laut es werden kann, wenn 20 kleine Kinder in einem geschlossenen Raum betreut werden. Auch die Gefahr, sich bei einem erkrankten Kind anzustecken, sei in geschlossenen, beheizten Räumen meist größer, sagt sie.

Darüber machen sich die Buben und Mädchen im Waldkindergarten Aichhörnchenkobel an diesem Sommertag keine Gedanken. Nach der Brotzeit ist Zoe gleich wieder auf ihrem Steckenpferd losgeritten. Die Buben bauen fleißig weiter.

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