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Aindling

08.08.2020

Jede Sekunde zählt: Nachtschicht bei den First Respondern in Aindling

27 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Aindling sind First Responder. Sie fahren nachts zu Notfällen. Meist sind sie innerhalb weniger Minuten da. Materialien und auch ihr Wagen sind über Spenden finanziert.
Bild: Marlene Weyerer

Plus Aindling hat einen professionellen Rettungsdienst - aber nur tagsüber. Nachts helfen die First Responder im Notfall. Ein Ehrenamt, das auch psychisch belastet.

Eineinhalb Minuten. So lange oder auch so kurz dauert es üblicherweise von dem Moment, in dem die First Responder schlafend in ihren Betten liegen, bis sie im Auto sitzen. Bereit loszufahren. Jeden ihrer Handgriffe versuchen sie so vorzubereiten, dass es möglichst schnell geht. Denn manchmal kann jede Minute zwischen Leben und Tod entscheiden.

Anton Hanker kontrolliert bei Schichtbeginn die Ausrüstung.
Bild: Marlene Weyerer

Bei Schichtbeginn überprüfen Anton Hanker und Tobias Schuster deswegen ihre Ausrüstung. Zum Beispiel den Notfallrucksack mit Taschen, die für unterschiedliche Notfälle beschriftet sind: Beatmen, Trauma, Blutung... Sie überprüfen, ob der Sauerstoff für die Beatmung aufgefüllt ist, ob der Defibrillator aufgeladen ist, ob genug Verbandszeug da ist. Hanker zieht längliche Platten heraus, die sich zu einer Art Halskrause auffalten lassen. „Um die Halswirbelsäule bei einem Sturz oder VU zu stabilisieren“, erklärt er. VU ist ein Verkehrsunfall. Die First Responder haben für viele Dinge ihre eigene Sprache. Intox heißt es, wenn jemand einen Vollrausch hat. „Moritz drei“ ist eine Alkoholvergiftung.

Die beiden jungen Männer sind geübt im Umgang mit der medizinischen Ausrüstung. Gelernt haben sie etwas anderes. Tobias Schuster ist Kfz-Meister, arbeitet in einem Autohaus. Anton Hanker ist Kesselwart. In vielen Nächten werden sie aber zu Ersthelfern.

Jede Sekunde zählt: Nachtschicht bei den First Respondern in Aindling

Aindling hat einen Rettungsdienst - aber nur tagsüber

Aindling hat an sich einen professionellen Rettungsdienst im Ort. Mit dem Rettungsdienst Bäuerle haben die First Responder ein enges Verhältnis. Aber der Dienst ist nur von 7 bis 19 Uhr aktiv. Von 19 bis 7 Uhr besetzen die Ehrenamtler Schichten. Ansonsten müsste bei einem Notfall ein Patient warten, bis aus Meitingen, Pöttmes, Gersthofen oder Aichach ein Rettungsdienst kommt. Doch die sind alle rund 20 Kilometer entfernt. Bei einem Herzinfarkt nimmt die Überlebenswahrscheinlichkeit ohne Erste Hilfe aber pro Minute um ungefähr zehn Prozent ab. Da sind die 15 bis 20 Minuten, bis der Krankenwagen da ist, zu lang. Deswegen gibt es in Aindling wie auch in Adelzhausen, Dasing und Baindlkirch First Responder.

Die 27 First Responder in Aindling sind Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr. Sie haben eine vierwöchige Ausbildung absolviert. Nachts sind sie der einzige Rettungsdienst im Ort, tagsüber unterstützen sie den professionellen Rettungsdienst, wenn mehr als zwei Personen bei einem Notfall gebraucht werden.

First Responder müssen während ihrer Schicht nicht im Feuerwehrhaus sitzen

Diese Nacht haben Hanker und Schuster Schicht. Beide Männer sind Mitte 30. Sie grinsen viel, wenn sie reden. Beide geben einem sofort das Gefühl, dass man sie schon lange kennt. Sie tragen bereits ihre orangefarbene Uniform. Am Gürtel hängen Funkmeldeempfänger, die sie Funkpiepser nennen. Bei einem Notfall werden sie durch die Piepser alarmiert.

Die First Responder müssen während ihrer Schicht nicht im Feuerwehrhaus sitzen. Heute essen sie in einem nahen Gasthaus zu Abend. „Wir sitzen häufig beisammen“, sagt Schuster. Er kann während seiner Schichten im Gegensatz zu den meisten Kollegen nicht nach Hause, schläft auch heute Nacht im Feuerwehrhaus. Denn er wohnt in einem Ort außerhalb von Aindling und wäre von dort aus zu lange unterwegs. Kollegen im und außerhalb des Dienstes leisten ihm während dieser Schichten meist Gesellschaft.

First Responder Aindling: Seit ihrer Gründung jeden Einsatz gefahren

Heute sind einige Gründungsmitglieder der First Responder da: Christian Büchl war Kommandant der freiwilligen Feuerwehr in Aindling und erlebte im privaten Umfeld, wie lange es dauerte, bis der Notarzt da war. „Wir waren ein weißer Fleck“, so Büchl. Damals gab es auch tagsüber keinen Rettungsdienst in Aindling. In Fred Kurz von der Wasserwacht hatte er schnell einen Unterstützer, und so entstanden 2005 die First Responder. Seitdem sind sie zu 2766 Einsätzen gefahren. Heuer waren es bislang 97.

„Wir hätten nie gedacht, dass wir so viel Arbeit haben“, sagt Büchl. Er ist sich sicher: „Wenn durch uns nicht klar wäre, wie viele Einsätze es hier gibt, gäbe es keinen professionellen Rettungsdienst in Aindling.“ Denn für kleinere Ortschaften werden nur dann Lizenzen für Rettungsdienste vergeben, wenn es genug Einsätze gibt. Ein eigener Rettungswagen muss sich rechnen. Das ist auch der Grund, weswegen nachts immer noch nur die First Responder über Aindling wachen.

Phillip Rebert, Christian Büchl, Fred Kurz, Tobias Schuster und Anton Hanker (von links) sind First Responder.
Bild: Marlene Weyerer

Seit ihrer Gründung sind die First Responder jeden Einsatz gefahren, wie Büchl stolz erzählt. Und das, obwohl es tagsüber nur vier Mitglieder gebe, die sofort loskönnten. „Wir sind ja alle in der Arbeit, beziehungsweise Fred im Garten“, erzählt Büchl und lacht. Fred Kurz ist der Älteste in der heutigen Runde: Er ist schon in Rente. Die Atmosphäre am Tisch ist ausgelassen, die Männer reden über ihre Familien, über Bekannte aus dem Ort, aber auch über ernste Themen.

Zum Beispiel ärgern sie sich, wenn sie zu einem Notfall kommen, und alle stehen nur herum, anstatt dem Patienten zu helfen. Das Verhalten mancher Menschen schockiert sie geradezu. Fred Kurz erzählt von einem Einsatz wegen eines Babys, das nicht aufhörte zu schreien. Als der Notarzt kam, habe die Mutter gefragt: Muss ich mit ins Krankenhaus fahren? „Muss ich“, wiederholt Kurz und schüttelt ungläubig den Kopf. Am liebsten hätte er das „kleine Kerlchen“ mit zu sich und seiner Frau genommen.

First Responder: Ehrenamtliche schränken sich privat ein

Die Helfer schränken sich privat ein. „Wenn ich Dienst hab, kann ich nicht mit meiner Frau einen Wein trinken“, sagt Büchl.

Der „Funkpiepser“ weckt die Helfer.
Bild: Marlene Weyerer

Tobias Schuster ist bei einer Schicht die ganze Nacht nicht zu Hause. „Ich weiß auch nicht, wie das wird, wenn ich Kinder habe“, sagt er.

Wie läuft so ein Einsatz ab? Der Funkpiepser ist die ganze Nacht neben dem Bett. Obwohl er sehr klein ist, macht er viel Lärm. „Da wirst du wach“, sagt Schuster. Büchl erzählt, wenn es piepse, sage er gar nichts zu seiner Frau. Er ziehe sich schnell an und laufe los. „Es gibt böse Stimmen, die behaupten, dass wir mit Stiefeln im Bett lägen“, sagt Kurz und lacht. Nach eineinhalb bis zwei Minuten sitzen sie üblicherweise im Auto. Auf einem Fax im Feuerwehrhaus und auch auf einem Tablet-Computer im Wagen erscheinen die Adresse und der Grund für den Notruf. Während der Fahrt besprechen die First Responder, was jetzt womöglich kommt. „Vier Dinge nehmen wir immer mit, wenn wir den Wagen verlassen: Notfallrucksack, Sauerstoffgerät, Defibrillator, Absauge“, sagt Büchl. Im Haus fragen sie dann die Umstehenden: Was ist los? Redet er? Atmet er? Dann machen sie, was der Notfall verlangt.

Menschen in einer Notsituation nicht alleine lassen

Kurz, Büchl und auch Hanker sind seit der Gründung vor 15 Jahren First Responder. Tobias Schuster ist erst seit 2018 dabei. Zwei Ereignisse, erzählt er, hätten ihn dazu bewegt. Einmal habe er selbst eine Situation gehabt, in der er um die First Responder dankbar war. „Und ein Freund von mir musste reanimiert werden, da waren sie als Erstes da.“ Er erinnert sich noch genau an seine erste Reanimation. „Das war bei mir im Ort“, erzählt Schuster. Er kannte den Patienten. Der Mann überlebte nicht. „Das sind Sachen, die vergisst du nicht.“ Aber er habe es gut verarbeitet.

Fred Kurz sagt, eine der Hauptaufgaben für die First Responder sei, Menschen in einer Notsituation nicht alleine zu lassen. Büchl stimmt ihm zu: „Wenn wir kommen, werden die Angehörigen ruhiger.“ Das sei viel wert. Es kommt laut Büchl auch oft vor, dass sie sich bei einem Todesfall um die Angehörigen kümmern. „Das geht schon an die Substanz“, so Büchl. Immer wieder müsse er sich für einige Wochen aus dem Dienst zurückziehen, um die psychische Belastung zu verarbeiten. „Es ist besonders schlimm, wenn man sich kennt.“

First Responder in Aindling: "Es ist eine Leidenschaft"

Trotzdem sind sie alle froh, dass sie dieses Ehrenamt machen. Kurz ist seit Jahren in Rente und trotzdem noch dabei. Es sei eine Leidenschaft. „Solange ich mich fit fühle, mache ich auch weiter“, sagt er. Schuster findet, auch das Miteinander mit den Kollegen helfe. „Wir sind hier alle zusammen wie eine Familie.“ Das Ansehen in der Bevölkerung sei groß. Das sei wichtig, denn die First Responder finanzieren sich durch Spenden.

Nach dem Abendessen geht es für die, die keinen Dienst haben, nach Hause. Schuster und Hanker plaudern noch im Feuerwehrhaus, dann geht auch Hanker ein paar Häuser weiter zum Schlafen. Schuster geht hoch in den Gemeinschaftsraum der Feuerwehr. Eigentlich gibt es Betten im obersten Stock des Gebäudes, aber Schuster schläft immer auf der blau-grün gemusterten Couch im Gemeinschaftsraum. „Dann hab ich noch den Fernseher“, erklärt er. Er schaltet das Gerät ein.

2017 wurde dieses Video über First Responder zum viralen Hit:

„Es gibt viele Routineeinsätze“, erzählt Schuster. Manches kann aber keine Routine werden. Er blickt Richtung Fernseher, die Nachrichten beachtet er nicht, während er erzählt: Ein zehn Monate altes Kind muss reanimiert werden. Die Eltern stehen hinter ihm, er merkt, es wird nichts mehr. „Du musst den Angehörigen danach zur Seite stehen, und dabei geht es dir selbst nicht gut“, sagt Schuster. Oder ein anderer Einsatz: Eine Frau ist von einem Bagger erfasst worden. Schuster kann nichts mehr für sie tun. Das Bild von dem Unfallopfer habe er lange nicht aus dem Kopf bekommen. „Dafür, dass es ein Ehrenamt ist, nagt es schon an einem“, sagt Schuster.

Rettung in letzer Sekunde: Helfer aus Aindling reanimieren einen Mann

Aber es gebe auch viele positive Geschichten: Zum Beispiel ein Mann, den Schuster mit einem Kollegen reanimiert habe. „Da waren wir schnell da, nach nur drei Minuten“, erinnert sich Schuster. Vier Wochen später war er wieder ganz erholt. „Er kam mit seinen Kindern und hat sich bedankt“, sagt Schuster und lächelt dabei stolz. Er habe ihn erst vor Kurzem wieder gesehen, es gehe ihm gut. „Da weiß man wieder, wieso man es macht.“ Gegen Mitternacht zieht Schuster seine Schlafsachen an. Einsatzklamotten und Piepser liegen neben ihm.

In dieser Nacht schläft Schuster auf dem Sofa durch. Es gibt keine Notfälle, eine gute Nacht. Um 6.30 Uhr packt er seine Sachen, steckt den Piepser an seinen Platz und fährt zur Arbeit.

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