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Aichach-Friedberg

23.11.2018

Jedes vierte Wildschwein im Landkreis ist verstrahlt

Fressen Wildschweine Pilze, nehmen sie radioaktive Strahlung auf. Jedes vierte geschossene Tier weist einen zu hohen Becquerel-Wert auf.
Bild: lightpoet, Adobe Stock

Mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl liegt ein Viertel der gemessenen Tiere noch immer über dem erlaubten Grenzwert

April 1986: Es regnet in der Region Aichach. Grundsätzlich nichts Ungewöhnliches für Frühlingsbeginn. In diesem Jahr ist der Niederschlag allerdings verheerend. Denn etwa 1400 Kilometer Luftlinie entfernt ereignet sich im ukrainischen Tschernobyl eine Atomreaktorkatastrophe, die weite Teile Europas verstrahlt. Regionen wie Südostbayern, der Bayerische Wald oder Vorarlberg sind aufgrund des heftigen Regens in den ersten Tagen nach dem Unglück besonders betroffen. Bis heute ist der Waldboden im Wittelsbacher Land mit dem radioaktiven Cäsium-137 belastet, das 32 Jahre später erst zur Hälfte abgebaut ist. Das ist ein physikalischer Vorgang und wird mit der sogenannten Halbwertszeit beschrieben.

Ein Tier bekommt die Spätfolgen noch immer stark zu spüren: das Wildschwein. Zwar hat über den Zeitraum die Belastung der radioaktiven Nuklide nach Angaben der zuständigen Messstellen abgenommen, doch ist nach wie vor jedes vierte erlegte Tier in der Region Aichach über dem erlaubten Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm Fleisch. Für das Wittelsbacher Land problematisch, denn die Wildschweine fühlen sich hier sehr wohl: Durch milde Winter, Deckung und ausreichend Futter in Maisfeldern und Wäldern ist die Population in den vergangenen Jahren stark angestiegen .

Warum sind Wildschweine eigentlich nach wie vor so stark radioaktiv verstrahlt? Der Grund ist ihr Heißhunger auf Hirschtrüffel. Der Pilz wächst unter dem Waldboden und kann im Gegensatz zu anderen Speisepilzen mitunter das Zehnfache des gefährlichen Radionuklids Cäsium-137 speichern. Das betrifft generell Pilze, darum müssen auch Sammler auf dieses Problem achten. Die Strahlenbelastung schwankt jedoch saisonal. Denn in den Sommermonaten sind ausreichend Mais und Eicheln vorhanden, ab Herbst hingegen wühlen Wildschweine auf der Suche nach Nahrung im Waldboden nach Pilzen – und nehmen die Strahlung in ihrem Körper auf.

Insgesamt ist die radioaktive Belastung zurückgegangen

Die Belastung im Waldboden und der Schwarzkittel betrifft auch die Jäger in der Region. Paul Berchtenbreiter ist Vorsitzender der Kreisgruppe Aichach des Bayerischen Jagdverbandes und kennt die Tücken, die eine Jagd mit sich bringt. 689 Tiere wurden vergangenes Jahr in der Region geschossen. Rund 27 Prozent, also mehr als jedes vierte Tier, lag über dem Grenzwert von 600 Becquerel. Heuer waren es über den Sommer 22 Prozent – Tendenz steigend. Berchtenbreiter fordert daher erhöhte Achtsamkeit im Umgang mit dem erlegten Wild: „Jäger lassen grundsätzlich ihre geschossenen Tiere messen.“ Das betreffe auch jene Wildschweine, die nicht verkauft, sondern selbst oder von Bekannten verzehrt werden.

Dieter Swart ist Beauftragter der Radiocäsium-Messstelle in Aichach und stützt die Aussage von Berchtenbreiter, dass Jäger grundsätzlich ihre geschossenen Tiere messen lassen sollen. In den vergangenen 17 Jahren sind rund 8000 Wildschweine gemessen worden, etwa 25 Prozent lagen über dem erlaubten Grenzwert. Genaue Zahlen, wie hoch die Wildschweine in den vergangenen Jahren verstrahlt waren, möchte er nicht nennen. Swart erklärt: Die Strahlenbelastung habe über die Jahrzehnte abgenommen.

In der Messstelle Aichach jedoch hat sich an der Quote der gemessenen Tiere über dem Grenzwert wenig verändert. Die Zahl der „genussuntauglichen“ Wildschweine ist also noch immer hoch und die Tiere müssen nach deutschen und europäischen Fleischhygienerichtlinien vernichtet werden. Dadurch haben Jäger Einbußen und erhalten durch das Atomausgleichgesetz eine Entschädigung. Nach Angaben der Jägervereinigung Friedberg wird folgender Betrag ausgezahlt: Für Frischlinge erhalten Jäger 102,26 Euro und für anderes Schwarzwild 204,52 Euro. Zusätzlich wird eine Pauschale für die Strahlenmessung von 10,23 Euro ausbezahlt. Finanziell betrachtet sei es aber für den Jäger ein Nachteil, wenn er ein verstrahltes Schwein schießt, merkt Berchtenbreiter an: „Aufgrund der Kosten, die für Messung und eventuelle Entsorgung anfallen, ist der Betrag etwas geringer, als der Preis, der im Verkauf für das Wildschweinfleisch erzielt werden kann.“ Rund 50 Euro muss der Jäger bei verstrahlten Tieren aus eigener Tasche zahlen. Die Messung der geschossenen Tiere erfolgt in Aichach Am Schlößl in der qualifizierten Radiocäsium-Messstelle – die nächste befindet sich in Kissing, wo Friedberger Jäger ihr Fleisch untersuchen lassen. Bayernweit sind über 100 Messstationen flächendeckend verteilt, allein in Schwaben gibt es 18 Anlaufstellen. So soll verhindert werden, dass belastetes Wild in Gaststätten auf den Teller kommt.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (bfs) gibt trotz hoher Strahlenwerte bei Wildschweinen Entwarnung und vermeldet auf seiner Internetseite: Insgesamt ist die radioaktive Belastung von Lebensmitteln als Folge des Tschernobylunglücks deutlich zurückgegangen. Dafür nennt das bfs folgenden Vergleich: Ein 400-Gramm-Wildschweinsteak mit 2000 Becquerel zu verspeisen, gleiche der natürlichen Strahlung auf einem Flug von Deutschland zu den Kanaren.

Lesen Sie dazu auch den Artikel "Schweinpest: So groß ist die Gefahr bei Wildschweinen in Aichach-Friedberg"

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