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Vortrag

23.05.2017

Kultureller Einfluss auf die Rollenverteilung

Nurdan Kaya (Bildmitte) referierte im Landratsamt. Geladen hatten Marina Lovric (rechts), begrüßt wurde Kaya von Beate Oswald-Huber.
Bild: Vicky Jeanty

Deutsch-Türkin erklärt Asylhelfern im Landratsamt Aichach-Friedberg die typischen Rollenbilder von Mann und Frau in islamischen Ländern. Sie geht auch darauf ein, wie die Beteiligten damit zurechtkommen

Das Heranwachsen in der jeweiligen Kultur ist prägend und beeinflusst das Rollenbild von Mann und Frau. Was im Heimatland als selbstverständlich gilt und als gewachsene Tradition von Generation zu Generation weitergereicht wird, kann in der Fremde Anlass zu Irritationen geben. Um gerade den Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe ein besseres Verständnis dafür zu geben, wie sie kulturelle Unterschiede und geschlechtsspezifische Rollenaufteilungen bei Menschen aus islamischen Ländern einordnen sollten, hatte die Freiwilligenagentur zum Seminar geladen. Nurdan Kaya aus Augsburg referierte zu dem Thema und stieß auf großes Interesse.

Die 47-jährige Deutsch-Türkin lebt seit 1980 in Augsburg. Sie hat eine eigene Praxis für heilkundliche Psychotherapie in Augsburg und leitet das Institut für transkulturelle Verständigung (ITV). Ihre Arbeit bestehe unter anderem darin, traumatisierten Migranten beim Integrations- und Selbstfindungsprozess mit fachlicher Kompetenz zu helfen, erläuterte die Referentin vor knapp 40 Zuhörern im Sitzungssaal des Aichacher Landratsamtes. Gerade für Frauen aus muslimischen Ländern sei es eine große Herausforderung, sich in der liberalen, individualistischen europäischen Gesellschaft zu behaupten, ohne ihre soziokulturelle Identität gänzlich unterdrücken zu müssen.

Im Gegenzug verlange der Integrationsprozess auch der einheimischen Bevölkerung Toleranz und Verständnis ab, um ein ausgewogenes Miteinander der unterschiedlichen Ethnien zu gewährleisten. Anhand zahlreicher Beispiele ging Kaya auf die Erziehungsprinzipien und traditionellen Rollenaufteilungen in der kollektivistischen Gesellschaftsform ein, wie sie in muslimischen Ländern etabliert ist.

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In diesem patriarchalischen System ist von Gleichberechtigung kaum die Rede. Auch im Familienverbund sind die Aufgaben und die Rolle der jungen Mädchen und Frauen in der Regel strikt festgelegt, ein Ausbrechen aus dem engen Korsett restriktiver Maßnahmen ist schwierig.

Das hat weitreichende Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung wie auch auf die persönliche Wahrnehmung und Entfaltungsmöglichkeiten. „Mütter, die wenig Anerkennung und Wertschätzung erfahren, gehen häufig ausbeuterisch mit den eigenen Ressourcen um“, formulierte Nurdan Kaya. Das führe im Extremfall dazu, dass die von starren Traditionen geprägte Mutter einen regelrechten Hass auf ihre emanzipierte Tochter empfinde und sich selbst als begrenztes Wesen sehe.

Hinzu komme, dass vor dem Hintergrund der islamischen Religion, die ebenfalls von männlichen, stark religiösen Leitbildern gekennzeichnet sei, es für die Frauen wenig Spielraum gebe, sich selbstbewusst und frei zu entfalten. Auch hier nehme die Frau eher die dienende, passive, von Hingabe geprägte Rolle ein. Eine Infragestellung der Entscheidungen der Führungspersonen sei nicht erwünscht.

In der Auseinandersetzung mit einem übermächtigen Patriarchat und den Grundbedürfnissen der freien, autonomen Entfaltung sowie der sozialen Eingebundenheit komme es auf den Erwerb und das Erlenen von Kompetenzen an, so Kaya. Das bleibe lebenslang eine Herausforderung, und zwar unabhängig davon, mit welcher Gesellschaftsform man es zu tun habe. Kaya führte als erschwerenden Faktor die unterschiedlichen Verwandtschaftssysteme an, die je nach Beschaffenheit die Familienkonstellationen regulieren, angefangen von Erbschaftsfolgen bis hin zur Partnerwahl der Individuen.

In Gesprächen mit ihren Patienten erlebe sie immer wieder, dass gerade junge Migranten und Frauen mit den in der Familie vorgelebten Rollenmustern nicht zurechtkämen. Zahlreiche Fragen aus den Reihen der Anwesenden zeigten, dass viele Ehrenamtliche das Festhalten an dem traditionell starren, innerfamiliären Machtgefüge oft nicht nachvollziehen können. Kinder der Migrantenfamilien seien sprachlich deutlich kompetenter als ihre Eltern und oft problemloser im Integrationsprozess begriffen.

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