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Pöttmes-Handzell

22.05.2019

Marlene Fleißig: Handzellerin veröffentlicht ersten Roman

Die 1992 geborene Marlene Fleißig wuchs in Handzell bei Pöttmes auf. Sie studierte Translatologie und Konferenzdolmetschen in Leipzig und hat im März dieses Jahres ihren ersten Roman „Bestimmt schön im Sommer“ veröffentlicht.
Bild: Vicky Jeanty

Marlene Fleißigs erster Roman „Bestimmt schön im Sommer“ ist erschienen. Eine Familie wird in ihren Grundfesten erschüttert. Darum geht es im Roman der jungen Autorin.

Wie verzweifelt muss man sein, um sich von einer Klippe ins Meer zu stürzen? Wie irrig ist es, die Identität einer Toten anzunehmen und sie dem eigenen Leben aufzupfropfen? Wie bewältigt man sein Leben mit einer vermeintlichen Schuld im Nacken und wie besteht man vor den Freunden und Angehörigen? Marlene Fleißigs Debütroman, „Bestimmt schön im Sommer“, rückt diese existenziellen Fragen in den Fokus einer Familiengeschichte, in der die Protagonistin Maria im wahrsten Sinne des Wortes ums Überleben kämpft.

Die Handlung ist in Galicien angesiedelt, der im äußersten Nordwesten gelegenen Region Spaniens. Harsche Küstenabschnitte mit hohen Klippen und weitläufigen Eukalyptus- und Eichenwäldern prägen die dünn besiedelte Landschaft. Marias Eltern und ihre ältere Schwester Adela betreiben einen kleinen Bauernhof in einem Dorf in Küstennähe. Abwechslung gibt es kaum. Die körperliche Arbeit bestimmt den Alltag der Eltern, die familiären Beziehungen sind oberflächig.

Was alle im Innersten bewegt und umtreibt, bleibt ungesagt, alle tragen ihre verborgenen Wünsche und Gefühle wie kleine Dämonen vor sich her. Adela bricht als Erste aus. Die Anzeichen, dass die älteste Tochter eine ganz eigene Affinität zu den Dingen und Menschen hat, konkretisieren sich im Lauf ihrer Kindheit und Jugendjahre. Das kluge und empfindsame Mädchen ist ihrer jüngeren Schwester Maria immer einen Schritt voraus. Sie traut sich, Dinge zu sagen und zu tun, die Maria mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung zur Kenntnis nimmt.

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Marlene Fleißig: So schreibt die junge Autorin aus Handzell

Mit Adelas erstem Freund Mateu bricht der Familienkreis auf. Adela lässt sich auf eine emotionale Beziehung ein, der sie allerdings bewusst Grenzen setzt. Maria findet in Mateu einen aufmerksamen Zuhörer, die Eltern sind nach anfänglicher Skepsis dem jungen Mann freundlich gesinnt. Mit Adelas Selbstmord enden diese sich anbahnenden Gefühlsstränge. Anstelle derer treten ein Nicht-Verstehen-Können von Adelas Schritt in den Abgrund und das überhandnehmende Gefühl der jeweiligen Schuld.

Maria verlässt Galicien, bricht jeden Kontakt zu den Eltern ab und immatrikuliert sich unter Adelas Namen an einer deutschen Universität. Im eigenen Körper durchlebt sie ein fremdes Leben. Dieses Doppelleben in der Fremde misslingt in jeder Beziehung und bewegt sie dazu, nach fünf Jahren in die Heimat zurückzukehren. Den Heilungsprozess erleben die Betroffenen in unterschiedlicher Intensität und die schmerzhafte Konfrontation mit der Vergangenheit hinterlässt bei jedem Einzelnen nachhaltige Spuren. Ob das „neue“ Leben notwendigerweise ein „besseres“ Leben ist, bleibt dahingestellt.

Marlene Fleißig nähert sich stilistisch geschickt und eigenwillig einer Familie, die durch das schlimmstmögliche Ereignis in ihren Grundfesten erschüttert ist. Die Tragik, die der Selbstmord der Tochter Adela in die Kleinfamilie katapultiert, federt sie mittels wechselnder Erzählweisen ab. Rückblenden, lineare Passagen, Zitate aus einem Tagebuch, eingestreute, fiktive Telefonate oder gedankliche Projektionen sollen aufzeigen, wie unterschiedlich die jeweils Betroffenen die Brisanz des Geschehens erleben und durchstehen. Die Autorin komprimiert das in 57, unterschiedlich lange Kapitel, in denen aus der Erzählperspektive der jüngeren, in sich zerrissenen Schwester Maria berichtet wird.

Ohne Pathos und mit einfühlsamem Verständnis für das Seelenleben und die Reaktionsmuster der Betroffenen zeichnet Marlene Fleißig eine Familie, die ihre Scharten und Unzulänglichkeiten indirekt offenbart. Von den Schatten hinter den Schatten, von denen die Autorin als Adela gelegentlich spricht, hätte man allerdings gerne noch mehr erfahren.

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