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Kreis Aichach-Friedberg

17.11.2017

Neues Ärztehaus in Pöttmes: Damit der Doktor im Dorf bleibt

Ein stattliches Gebäude mit bester Ausstattung entsteht in zentraler Lage als künftiges Ärztehaus. So versucht Pöttmes, die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu sichern.
Bild: Marie Heinrich

Mediziner in ländlichen Gemeinden zu halten, wird immer schwieriger. Pöttmes (Landkreis Aichach-Friedberg) geht einen eigenen Weg und baut ein Ärztehaus.

Seit Anfang des Jahres ist Dr. Rita Mallison Hausärztin in Pöttmes mit seinen knapp 7000 Einwohnern im Norden des Wittelsbacher Landes. Mallison entschied sich bewusst dafür: „Ich wollte immer aufs Land.“ Das unterscheidet sie von vielen Berufskollegen, die diesen Schritt scheuen. Praxen in ländlichen Gegenden tun sich seit langem schwer, Nachfolger zu finden. Dabei wären die dringend nötig. Zum einen werden die Patienten immer älter und brauchen mehr medizinische Hilfe. Zum anderen liegt das Durchschnittsalter der Hausärzte in Bayern laut Hausärzteverband bei über 56 Jahren. Mehr als ein Drittel sind 60 und älter.

In Pöttmes sah es lange nicht besser aus. Vier Praxen mit Allgemeinmedizinern gibt es im Zentrum der Flächengemeinde mit 13 Ortsteilen. Vor fünf Jahren waren alle Pöttmeser Hausärzte mindestens Ende 50, andere weit über 60 Jahre alt. Einer von ihnen war Dr. Thomas Riemensperger, ein überzeugter Landarzt: „Wir haben wirklich liebe Patienten. Das ist auf dem Land viel schöner“, sagte er damals. Auch mit 68 war sein Beruf für ihn noch immer Berufung. Er arbeitete gerne weiter – aber auch, weil er keinen Nachfolger für die Praxis von ihm und seiner Frau Ulrike fand, obwohl er „dringendst“ einen suchte.

Die Gemeinde fürchtete um die Zukunft der medizinischen Versorgung ihrer Bürger. Alle drei Fraktionen im Marktgemeinderat nahmen das Thema vor der Kommunalwahl 2014 in ihre Wahlprogramme auf. Schon zuvor hatte die Gemeinde Pläne für ein Ärztehaus verfolgt. Nach mehreren gescheiterten Anläufen klappte es jetzt doch. Derzeit wird das Gebäude im Ortskern gebaut – in kommunaler Regie. Hierzulande gibt es zwar bereits einige Gemeinschaftspraxen und Ärztehäuser – in Pöttmes entsteht nun aber das erste kommunale Projekt dieser Art. Bürgermeister Franz Schindele betont: „Wir wollen die gute medizinische Versorgung langfristig sichern.“

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Pöttmes investiert rund fünf Millionen Euro

Müssten Praxen schließen oder würden Nachfolger abwandern, wären die Kassensitze für den Ort verloren. Das will die Gemeinde verhindern, deshalb investiert sie knapp über fünf Millionen Euro – für Pöttmes ein Mammutprojekt, auch wenn die Kommune finanziell gut dasteht. Ende nächsten Jahres wollen zwei der bestehenden Hausarztpraxen in das behindertengerechte Gebäude mit Deckenheizung, -kühlung und weiteren Finessen umziehen. Die beiden anderen bleiben in ihren bisherigen Räumen. Die Mietverträge im Ärztehaus haben Laufzeiten von fünf bis 15 Jahren – mit Option auf Verlängerung. Durch die Mieten soll sich laut Drittem Bürgermeister Thomas Huber „der größte Teil der Kosten amortisieren“. Dennoch lassen er und Schindele durchblicken, dass die Gemeinde einen Teil selbst tragen muss. Der Bürgermeister ist überzeugt, dass sich das lohnt: „Die medizinische Versorgung ist nach den sozialen Einrichtungen ein ganz wichtiger Pfeiler. Sie bringt unheimlich viel Kaufkraft.“

 

Auch Dr. Rita Mallison zieht ins Ärztehaus. Zweiter im Bunde ist Allgemeinmediziner Dr. Haxhi Kerolli, der den Sitz von Riemensperger übernahm. Mit 70 Jahren konnte dieser seine Praxis doch noch übergeben – nachdem er sogar eine Headhunter-Agentur eingeschaltet hatte. Auch der Sitz seiner Frau fand vor anderthalb Jahren mit Dr. Tamás Borvendég einen Nachfolger. Der Rheumatologe nahm die Chance auf einen Platz im Ärztehaus gerne an und baute mit der Aussicht auf die neuen, größeren Räume die Zahl seiner Patienten massiv aus.

Weil Ärzte seiner Fachrichtung rar gesät seien, gebe es auch bei ihm monatelange Wartezeiten, berichtet er. Eigenen Angaben zufolge betreut er Patienten aus einem Umkreis von Nördlingen bis Dachau.

 

In den bisherigen Räumen, die sich über zwei Etagen erstrecken, wäre das auf Dauer nicht machbar, betont Borvendég. Er bedauert allerdings wie Mallison, dass es sich nicht um eine Gemeinschaftspraxis handelt, sondern um ein Gebäude mit Einzelpraxen, was einige Synergieeffekte verhindert. Die Bezeichnung als Ärztehaus sei damit eigentlich missverständlich, sagt Mallison.

Obwohl Borvendég erst 46 Jahre alt ist, denkt er bereits darüber nach, wie er eines Tages seine Praxis übergeben kann: „Das ist für mich jetzt schon ein Argument für das Ärztehaus.“ Für die Gemeinde hat er nur Lob übrig: „Ich finde diese weitsichtige Entscheidung und diesen Mut klasse. Hut ab!“

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