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Sielenbach-Tödtenried

20.05.2019

Porträt: Pilot Patrick Illner rettet Leben, wo andere Urlaub machen

Patrick Illners Rettungsflieger in Brasilien: Wenn er Ruhezeiten einhalten muss, kann er sich um die Schönheiten des südamerikanischen Landes kümmern.
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Patrick Illners Rettungsflieger in Brasilien: Wenn er Ruhezeiten einhalten muss, kann er sich um die Schönheiten des südamerikanischen Landes kümmern.
Bild: Patrick Illner

Plus Patrick Illner bringt verletzte Urlauber aus aller Welt nach Hause. Warum er mit einem geregelten Alltag nur wenig anfangen kann und wo die Probleme liegen.

Patrick Illner hat einen kräftigen Oberkörper. Er stützt seine Arme auf dem Wohnzimmer-Tisch ab. Die Ärmel seines schwarz-weißen T-Shirts rutschen nach oben, Tattoos werden sichtbar: ein großer Propeller außen und auf der Innenseite ein Flugzeug. Wer genauer hinschaut, erkennt: ein Learjet 35. Illner ist Pilot, die Maschine ist sein Baby. In den Flieger passen acht Leute. Er steht in München am Flughafen, 51 Autominuten oder 69,1 Kilometer von seiner Wohnung im Sielenbacher Ortsteil Tödtenried entfernt. Wenn Illner über seine Maschine spricht, weiten sich seine Augen, ein Lächeln huscht ihm übers Gesicht. Alle zwei, drei Tage sitzt er durchschnittlich im Cockpit. Malediven, Indien, Kanada, Mallorca: Immer muss er irgendwohin. Der Himmel ist sein zweites Zuhause.

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Mit einem Learjet ist Patrick Illner (rechts) von München aus weltweit unterwegs, um Verletzte und Kranke nach Hause zu bringen.
Bild: Claus Tews

Er fliegt für die Charter-Fluggesellschaft Jet-Executive. Aber er fliegt keine Urlauber an exotische Strände oder Top-Manager zu Verhandlungen in Übersee. Nein, er bringt Patienten aus aller Welt nach Hause. Sie haben sich auf einer Reise verletzt oder sind krank geworden, müssen ausgeflogen werden. Die Probleme sind unterschiedlich: ein Ski-Unfall, mit dem Fahrrad gestürzt, beim Sprung in den Pool verletzt, Dengue-Fieber, Bandscheibenvorfall, eine Herzkrankheit. Im Sommer ist Illner öfter unterwegs. In der Urlaubszeit muss er vielfach nach Spanien oder Griechenland. Wenn er nach Brasilien, China oder Südafrika fliegt, ist er mehrere Tage weg. Was seine Freundin dazu sagt? „Sie verfolgt den Flug auf dem Handy und ist nur manchmal beunruhigt, wenn ich mich länger nicht melde.“ Irgendwann meldet er sich aber – und alles ist gut.

Rettungsflieger: Wenn der Pilot bis 17 Uhr keine Nachricht bekommt, kann er zuhause bleiben

Heute muss sich niemand Sorgen machen, Illner hat frei. Der 30-Jährige sitzt an einem Vormittag im Wohnzimmer in Tödtenried. Die Sonne scheint in das Zimmer, Illner schenkt Wasser ein. Auf dem Tisch steht Schokolade. Hündin Emma läuft durch den Raum, möchte gestreichelt werden. Illner und seine Freundin haben sie aus einem Tierheim in Kroatien mitgebracht.

Porträt: Pilot Patrick Illner rettet Leben, wo andere Urlaub machen

Er nimmt sein Handy in die rechte Hand und schaut auf seinen Dienstplan. Für morgen steht da: Bereitschaft. Wenn die Zentrale anruft, muss er los. Ansonsten kann er spazieren gehen oder einkaufen. „Wenn bis 17 Uhr nichts kommt, kann ich meistens zu Hause bleiben“, sagt er. Mit einem geregelten Alltag kann Illner sich nicht anfreunden. „Am Sonntag würde ich denken: Mist, morgen ist wieder Montag.“

Das Innere der Maschine ist speziell für Liegendtransporte eingerichtet. Die Aufträge kommen meist kurzfristig. Doch für Illner ist sein Job „keine Arbeit“.
Bild: Air Ambulance

Seit neun Jahren ist Illner – Glatze, Oberlippenbart, ruhiges Auftreten – Pilot. Vorher hat er eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht. Das hat ihm aber gar nicht gefallen und er wollte etwas anderes machen. Sein Bruder hat ihn zu einem Tag der offenen Tür einer Flugschule in Erlangen mitgenommen. „Das mit der Fliegerei“, sagt Illner, „war Zufall“. Aber die Entscheidung seines Lebens. Der Flugschein hat 60000 Euro gekostet. „Die Flugausbildung ist ein bisschen umfangreicher als ein Führerschein“, sagt er und schmunzelt. Zunächst war er selbstständig, danach flog er einen Firmenchef herum, seit dreieinhalb Jahren hat er den Job bei der Charter-Gesellschaft. Will er nicht mal was Größeres fliegen, etwa bei einer Airline? „Nein“, das reize ihn gar nicht. In seinem Learjet sei er freier, „was das Fliegerische angeht.“ Bei einer Airline und größeren Passagierflugzeugen mache alles der Autopilot.

Für ihn ist sein Job keine Arbeit, sagt Illner. Auf dem Online-Video-Portal Youtube betreibt er einen Kanal und hat Flüge aufgenommen. Er hat 156 Abonnenten. Die Videos zeigen, wie er im Jordan landet, in Fortaleza in Brasilien, in Ouagadougou in Burkina Faso in Afrika. Wie er von Göteborg nach Nürnberg fliegt, vom Oman in die Schweiz, von Zypern nach Stockholm, von Ibiza nach Amsterdam. Was sie nicht zeigen: Wie er auf den Malediven schnorchelt, sich in Brasilien Wasserfälle anschaut, auf den Antillen in der Karibik am Strand liegt, in Indien durch Städte schlendert. Das alles während der „Arbeitszeit“...

Bei einem Kollegen ist einmal ein Patient während des Fluges gestorben

Doch bei all den schönen Zielen müssen Illner und seine Kollegen die Patienten sicher zurückbringen. Dafür sind sie verantwortlich. Sie während des Fluges zu versorgen, ist Aufgabe des Rückholdienstes Augsburg Air Ambulance. Das Unternehmen stellt die Ärzte und Rettungssanitäter, von denen stets einer mitfliegt. Eine Beatmungsmaschine, eine Sauerstoffflasche und ein Defibrillator sind mit an Bord. Bei Illner ist es noch nicht vorgekommen, dass Patienten während eines Fluges gestorben sind. Bei einem Kollegen schon.

Patrick Illner im Cockpit seines Learjets: "Das mit der Fliegerei war Zufall".
Bild: Patrick Illner

Einer, der sich unterwegs um die Patienten in Illners Maschine kümmert, ist Andreas Pichl. Der Augsburger ist Notfallsanitäter und Leiter des operativen Geschäfts bei Air Ambulance. Meldet sich eine Versicherung mit einem Notfall bei ihm, müssen er und sein Team entscheiden, ob sie den Patienten ausfliegen können. Pichl sagt, dass es schwierig einzuschätzen sei, ob das Risiko größer ist, den Patienten zu transportieren oder ob er in dem Land behandelt werden soll. Er telefoniert viel mit Ärzten und Angehörigen. Jemandem, der sich ein Bein gebrochen hat, kann man auch einen Linienflug organisieren. Einmal hat er neun Plätze für einen Patienten gebucht – damit der liegen konnte.

Wie kommt der Patient aus Nordkorea raus?

Pichl, 33 Jahre alt, verfügt über 50 freiberufliche Ärzte und fünf Flugzeuge. Die Firma organisiert etwa 800 Flüge je Jahr. Das sei aber nicht immer einfach, sagt er. Etwa, wenn seine Crew einen Patient in Australien abholt, brauche er neun Leute: vier Mediziner, fünf Piloten.

Einmal musste ein Patient aus Nordkorea raus. „Die Kommunikation war schwierig, weil immer jemand von der Regierung mitgehört hat“, sagt Pichl. Selbst die deutsche Botschaft in Pjöngjang habe ihm nicht helfen können. Die Zeit drängte. Das Visum des Patienten drohte auszulaufen. Er kontaktierte einen chinesischen Rückholdienst. Es flog den Patienten per Ambulanzflug aus.

Patrick Illners Propeller als Tattoo: Ein geregelter Alltag wäre nichts für ihn.
Bild: Philipp Schulte
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