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Aichach

18.11.2019

Tablet-Klasse: Wenn Lehrer zu Schülern werden - und umgekehrt

Schüler einer Tablet-Klasse des Deutschherren-Gymnasiums in Aichach erklären Lehrern aus ganz Bayern, wie sie arbeiten. 	Fotos: Philipp Schulte
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Schüler einer Tablet-Klasse des Deutschherren-Gymnasiums in Aichach erklären Lehrern aus ganz Bayern, wie sie arbeiten. Fotos: Philipp Schulte

Plus Rollentausch am Aichacher Gymnasium: 18 Schüler einer Tablet-Klasse stellen Lehrern vor, wie sie arbeiten. In den Schulen läuft das meiste noch analog.

Wenn David aus Inchenhofen erzählt, wie er sein Tablet im Unterricht benutzt, staunen die Lehrer. Ein paar Pädagogen sitzen um ihn herum und schauen zu, wie der Zwölfjährige mit der rechten Hand über das Display streicht und einen Ordner öffnet. Dokumente für Geschichte, Latein, Deutsch und Mathe befinden sich darin. Ein Text ist gelb markiert, was sich innerhalb von Sekunden ändern lässt.

Lehrer aus ganz Bayern sind zur Fortbildung im Aichacher Gymnasium

Dass David aus der 7d gerade etwas vorführt, ist Teil einer Fortbildung für Lehrer am Deutschherren-Gymnasium (DHG) in Aichach. Bis zu 100 Lehrer sind aus ganz Bayern in die Paarstadt gekommen, um darüber zu sprechen, wie Schule digitaler werden kann – und ob sie es soll. „Digitale Schule?! – Humane Schule: Über eine Ethik der Digitalisierung“ lautet der Titel der Fortbildung. DHG-Lehrer und Organisator Michael Lang hat für eine Stunde auch 18 Siebtklässler wie David eingeladen, damit sie zeigen, wie digital sie schon arbeiten. Lang, 50, ist Leiter der Bezirksfachgruppe Ethik des Bayerischer Philologenverbandes.

Digitaler Unterricht erhält das Prädikat "mangelhaft"

Dass Deutschland bei der Digitalisierung von Schulen aufholen muss, ist unbestritten. Ein Lehrer hat einen Zeitungsausschnitt der Augsburger Allgemeinen aus diesem Monat dabei. „Digitaler Unterricht? Mangelhaft“ lautet die Überschrift. Vergangene Woche erschien eine internationale Vergleichsstudie zu dem Thema: Deutsche Schüler schneiden mittelmäßig ab. Schlecht sei die Verfügbarkeit von Computern in der Schule, und nur ein Viertel der Schulen hat WLAN. Deutschland hinkt skandinavischen Ländern um Jahre hinterher.

Am DHG funktioniert das WLAN an diesem Vormittag nicht, wie Michael Lang einräumt. Es gibt ein Server-Problem. Immerhin hat die Schule vor zwei Jahren die erste Tablet-Klasse eingeführt. Schüler der Klasse haben sich ein solches Endgerät angeschafft. Seit September gibt es eine zweite dieser Klassen, Ende des Schuljahrs soll Bilanz gezogen werden.

Für den digitalen Unterricht kaufen Eltern die Tablets

Eltern kauften die Tablets für 660 Euro – ohne Schreibstift, der noch mal etwa 100 Euro kostet. David bekam sein Tablet erst nach einer Diskussion mit seinem Vater. Geholfen habe ihm, dass er technisch interessiert ist, wie er sagt. „Der Eintrittspreis für eine Tabletklasse ist hoch“, sagt Lang. Mittlerweile arbeitet die Tablet-Klasse zu 70 Prozent digital. Hefte brauchen die Schüler meist nur noch für Vokabeln und Schulaufgaben.

Die Aichacher Schüler drehen auch einen Film

Wolfgang Füchsle, Lehrer für Deutsch, Latein und Ethik in Friedberg, stellt David eine Frage nach der anderen und schreibt auch mal etwas auf das Tablet: „IPad-Klasse ist cool.“ Es sei toll zu sehen, wie die Schüler digital arbeiten, sagt er. Ein anderer Lehrer aus Mindelheim stellt fest: „Man sieht, wie schnell und selbstverständlich das geht.“ Die Schüler haben auch einen Film gedreht, in dem sie die Vorteile des Arbeitens mit einem Tablet nennen: Kaum mehr Bücher im Schulranzen, weniger verbrauchtes Papier, ein besserer Workflow, weil Dokumente schnell hin und her geschickt oder eingescannt werden können. Und sie kritisieren: Die Lehrer unterrichten wie im vergangenen Jahrhundert.

Doch ist digitaler Unterricht auch der bessere und ethisch sinnvoll? Dieser Frage widmet sich etwa der Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, Klaus Zierer. Er hält einen Vortrag vor den Lehrern und sagt, dass er eine komplett digitale Schule für wenig sinnvoll hält. Abgesehen davon sei die digitale Revolution noch nicht an den Schulen angekommen. Zierer plädiert generell für ein humanistisches Bildungsideal, wie es in Artikel 131 der bayerischen Verfassung steht: „Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.“

Ein Fachmann hält ein Plädoyer für die Handschrift

Per Hand zu schreiben und auf Papier zu lesen sei aus Zierers Sicht nach wie vor sinnvoll. Mit einem Tablet arbeite man unbewusster und nicht so gründlich. Es sei aber eine pädagogische Herausforderung, sich der Digitalisierung zu stellen. Wichtig sei die Qualität des Unterrichts, nicht Technik. Einen guten Unterricht könne man immer verbessern – auch mit der neuen Technik. Was das Digitale angeht, hat David das an diesem Vormittag bewiesen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar Schulen müssen digitaler werden - auch in Aichach

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