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Wilde Bühne 2.0

21.11.2011

„Tscha, die Lage sieht sehr flau aus“

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2 Bilder
Unfreiwilliger kunstvoller Einklang zwischen einer Holzskulptur und einer sich lasziv hingebenden Isabell Münsch (links). Franz Schlecht, Bariton, nahm es wörtlich: „Ich lass mir meinen Körper schwarz bepinseln“, und zwar von Evi Ziegler, Organisatorin des Kabarett-Abends „Wilde Bühne 2.0“ in Pöttmes.
Bild: Fotos: Victorine Jeanty

In Pöttmes sind verblüffend aktuelle Texte aus der Kabarettszene der „Wilden Zwanziger Jahre“ in Berlin zu hören

Pöttmes Es war eine anspruchsvolle Veranstaltung, zu der die „Verehrten Well-Verehrerinnen“ am Freitagabend in den Pöttmeser Kultursaal eingeladen hatten. Rund 80 Zuhörer mussten sich erst in den Berliner Tonfall rund um die sogenannten „Wilden Zwanziger Jahre“ einhören, den die Akteure von der Wilden Bühne 2.0 anschlugen.

Die Interpreten waren hoch motiviert, allen voran die Sopranistin Isabell Münsch, der Bariton Franz Schlecht, Pianist Geoffrey Abbott und Saxofonist Kay Fischer. Dr. Michael Friedrichs führte durch das Programm und seine Retrospektive in die Berliner Kabarettszene von vor 90 Jahren war sozusagen doppelt abgesichert: Was Friedrichs an historischen und politischen Angaben lieferte, spiegelte sich in der professionellen Bandbreite von Musikern und Sängern wieder.

Wechselndes Timbre und Aussehen

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Isabell Münsch und Franz Schlecht waren Sänger und Schauspieler zugleich, die mit wechselndem Timbre und Aussehen den atmosphärischen Zeitgeist aufleben ließen. Texter, Komponisten und Interpreten von damals rieben sich an den politisch unruhigen Zeiten.

Oft genug wurde mit Exil und Berufsverbot bezahlt. Verrauchte Kellerbühnen – eine der ersten war 1921 besagte „Wilde Bühne“ – waren als geschlossener Raum das geeignete Terrain, um sozialkritisch Dampf abzulassen.

Im vergleichsweise neutralen Pöttmeser Kultursaal mit bescheidener Akustik gelang den Augsburger Profis am Klavier (Geoffrey Abbott) und am Saxofon (Kay Fischer) ein perfektes Zusammenspiel mit den Vortragenden. Isabell Münsch sang die früh verführte „Ilse“ (Frank Wedekind), den makabren Brecht-Song um den Jakob Apfelböck, sie stand als „Die Trommlerin“ (Friedrich Hollaender) am Schießbudenstand und ließ sich, stellvertretend für die dunklen menschlichen Begierden, für zehn Pfennig ins Herz schießen.

Die Sängerin räkelte sich lasziv als volltrunkene „Leni Levi“ (Alfred Lichtenstern), appellierte sehnsüchtig an ihre „Johnnys“ im“ Surabaya-Jonny“ (Brecht) und in „Johnny, wenn du Geburtstag hast“ (Hollaender). Die Habanera aus Carmen, aber mit zeitkritischem Text des gleichen Autors, zeigte noch einmal Münschs facettenreiche Stimmführung: „An allem sind die Juden schuld... und glaubst du’s nicht, sie sind dran schuld“.

Aktualität verblüfft und erschreckt zugleich

Auch Franz Schlecht, der 29-jährige Baritonsänger aus Oberpaiching bei Neuburg an der Donau, interpretierte ein Repertoire zeitkritischer Lieder, deren Aktualität verblüfft und erschreckt zugleich. „Der Mob ist außer Rand und Band“, hieß es in Walter Mehrings Lied „Berlin, dein Tänzer ist der Tod“. Und im „Börsenlied“ von 1921, ebenfalls von Mehring, ging die Parole „Spekulieren, Spekulieren“ nahtlos über in das „Wir sind pleite, pleite, pleite“.

Wer kennt sie nicht, Brechts „Legende vom toten Soldaten“, und wer von den Millionen Arbeitslosen müsste nicht miteinstimmen in das 1933 entstandene „Stempellied“ von David Weber „Ohne Arbeit, ohne Bleibe, biste null und nischt. Wie’ ne Fliege von der Scheibe, wirste wegjewischt. Wer hat dir, du armer Mann, abjebaut so hoch da droben?“

Der Schluss und die Zugaben mit dem Mackie-Messer-Song aus Brechts Dreigroschenoper standen deutlich im Zeichen des politischen Verständnisses des gebürtigen Augsburgers. „Was für eine Kälte muss über die Menschen gekommen sein! Wer schlägt da so auf sie ein, dass sie jetzt so durch und durch erkaltet? So helfet ihnen doch! Und tut es in Bälde! Sonst passiert Euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!“ („O du Fallada, da du hangest“, Brecht und Hanns Eisler).

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