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Aichach

02.12.2020

Ulrichswerkstätten: Ein Aichacher Großbetrieb bezieht seinen Neubau

Die Ulrichswerkstätten in Aichach-Nord haben sich um diesen Neubau vergrößert. Im Erdgeschoss ist die Schlosserei untergebracht, im Obergeschoss sind die Förderstätten eingerichtet.
Bild: Erich Echter

Plus Die Ulrichswerkstätten haben in Aichach-Nord neu gebaut. Welche neuen Möglichkeiten behinderte Menschen dort jetzt haben.

Ein Aichacher Großbetrieb hat in diesem Jahr einen großen Schritt getan, um seine Zukunft zu sichern. Das Unternehmen, das rund 280 Menschen einen Arbeitsplatz bietet, hat einen Neubau bezogen, der 2000 Quadratmeter mehr Platz schafft und einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag gekostet hat. Die Rede ist von den Ulrichswerkstätten Aichach (UWA), die behinderten Menschen eine Beschäftigung bieten. Einrichtungsleiter Robert Winzer sieht den Neubau als Quantensprung in der Entwicklung der UWA. Trotzdem steht für ihn nun ein Abschied an.

Die Schlosserei der UWA Aichach produziert jetzt im Neubau

Robert Winzer leitet die Ulrichswerkstätten für 220 Beschäftigte und 60 Mitarbeiter an der Flurstraße im Norden Aichachs seit acht Jahren. In dieser Zeit hatte er es mit einem Schachtelwesen zu tun, wie er es bei einem Besuch auf der Baustelle Ende Februar bezeichnete. Allein die Metallverarbeitung, ein Schwerpunkt im Produktionsbetrieb der UWA, war auf drei Stellen des UWA-Geländes verteilt. Seit August aber sind die Metaller im Erdgeschoss des Neubaus vereint, der direkt an das bestehende Lager angebaut wurde und über die Beethovenstraße zugänglich ist. Winzer sagt: "Die Produktion funktioniert. Sie hat sich gut eingespielt."

Essen und Gemeinschaft wird bei den Ulrichswerkstätten in Aichach groß geschrieben. Deshalb wurden alle sechs Gruppenräume mit einer großzügigen Küche ausgestattet.
Bild: Antonie Moll

Mindestens ebenso wichtig ist die Nutzung des ersten Stockwerks. Hier haben die Förderstätten ein neues Zuhause gefunden. Dort werden schwerst- und mehrfachbehinderte Erwachsene betreut, die wegen ihrer Einschränkungen nicht in den Produktionsbetrieb integriert werden können. Die vier Gruppen haben in den neuen Räumen viel mehr Platz, Licht und Luft. Es ist komfortabler geworden. Je zwei Gruppen haben nun ein eigenes Pflegebad, eine Küche und einen Nebenraum zur Verfügung. "Die Pflegesituation hat sich verbessert", freut sich der Einrichtungsleiter.

Ein Ortstermin ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Im Obergeschoss, so beschreibt es Winzer, liege noch ein "Duft von Umzug" in der Luft. Erst Anfang November sind die Förderstätte und die zwei Gruppen für Menschen mit Autismusspektrumstörungen eingezogen. Ein paar Kisten sind nicht ausgepackt, es fehlt das ein oder andere Möbelstück. Aber Mitarbeiter wie Beschäftigte seien "total happy". Der Umzug sei für alle aufregend gewesen, inzwischen aber herrsche eine "ganz entspannte Atmosphäre". Noch keiner habe gesagt, er wolle wieder zurück, freut sich Winzer.

Der Neubau kam wie gerufen im Corona-Krisenjahr. So ist Raum frei geworden, um Gruppen zu teilen und Abstände einzuhalten. Die Situation ist trotz des umfangreichen Hygieneschutzkonzeptes nicht einfach. Es bleiben Widersprüche. So kämen Beschäftigte gemeinsam im vollbesetzten Neun-Sitzer-Bus an, um dann in der Werkstätte gleich getrennt zu werden, schildert Winzer. Zum Glück sei die Einrichtung bislang vor Corona verschont geblieben. Nur eine Person sei positiv getestet worden, sie sei aber vorher schon zu Hause gewesen. Inzwischen gibt es Reihentestungen ohne Anlass, um möglichst früh eine Infektionsgefahr zu erkennen.

Auf diesem Bild sind Küche und Ruhebereich zu sehen. In der Bildmitte steht eine Kabine mit Ruhesessel für Menschen mit Autismus. In diese ziehen sich die Betroffenen oft zurück.
Bild: Antonie Moll

Corona hat noch deutlicher gemacht, wie wichtig die Einrichtung für die Beschäftigten ist. Auch die Werkstätten mussten im Frühjahr schließen, es gab lediglich eine Notbetreuung. Nach und nach wurde wieder geöffnet, zunächst freiwillig für alle in der Produktion. Es gab genügend, die kamen. Längst herrscht wieder Vollbetrieb, die Arbeit ist Pflicht. Der Besuch der Förderstätten hingegen bleibt freiwillig. Es kommen fast alle trotz des Risikos einer Ansteckung, das nie zu vermeiden sei, so Winzer. Er weiß: "Die Menschen vereinsamen sonst." Ein behinderter Mensch habe viel weniger Möglichkeiten, sich einen Ausgleich zu den Corona-Einschränkungen zu schaffen. Die UWA seien für sie "ein Ort der sozialen Kommunikation".

UWA-Leiter Robert Winzer wird Geschäftsführer der Caritas

Der UWA-Leiter ist erleichtert, dass der Neubau nun fertig ist. Die Außenanlagen des Neubaus sind gestaltet und bepflanzt. Jetzt kann Robert Winzer guten Gewissens gehen. Er übernimmt zum 1. Januar die Geschäftsführung beim Caritas-Kreisverband Aichach-Friedberg, wo Andreas Reimann in den Ruhestand geht. Für einen "guten fließenden Übergang" bei den UWA sei gesorgt, betont Winzer. Er arbeitet gerade seinen Nachfolger ein. Johannes Kuderna kommt aus dem Haus und war bislang im UWA-Sozialdienst tätig. Kudernas Aufgabe wird es nun sein, den Altbestand sanieren zu lassen.

Noch ist Robert Winzer links Leiter der Ulrichswerkstätten in Aichach, sein Nachfolger Johannes Kuderna übernimmt seinen Posen aber schon ab nächster Woche kommissarisch.
Bild: Antonie Moll

Für den 55-Jährigen Winzer ist es der richtige Zeitpunkt noch einmal etwas Neues anzupacken: "Wenn nicht jetzt, wann dann?" Ein weinendes Auge ist trotzdem dabei. Nicht etwa wegen des gelungenen Neubaus. "Es ist weniger das Haus, es sind mehr die Menschen. Die überrennen einen, die leben mit einem", beschreibt er es. Dass er den Abschied nicht mit den Menschen feiern kann, die ihm so ans Herz gewachsen sind, ist für Winzer "ganz bitter". Doch der Neubau müsste noch eingeweiht werden. Vielleicht lassen sich die Feste nachholen. Robert Winzer würde dafür sicher gerne wieder kommen.

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