1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Und „ewig“ zahlt der Müllbürger für den Monte Mannert

Aichach-Friedberg

17.10.2019

Und „ewig“ zahlt der Müllbürger für den Monte Mannert

Die Gallenbacher Hausmülldeponie (Bildmitte) ist heute oben ein Biotop. Unten schlummert eine bis zu 35 Meter dicke Müllschicht. Die Nachsorge kostet Millionen. Im Vordergrund sind die benachbarte Sondermülldeponie und die B300 zu sehen und im Hintergrund Obergriesbach und der Aichacher Stadtteil Sulzbach (rechts).
Bild: Erich Echter

Plus Vor fünf Jahrzehnten wurde die Gallenbacher Hausmülldeponie eröffnet. Seit knapp drei Jahrzehnten wird dort kein Müll mehr abgelagert. Seither und noch viele Jahre kostet die Nachsorge viele Millionen.

Wenn sie Mitte der 50er-Jahre im Wittelsbacher Land auf die Welt gekommen sind und jetzt hier in Rente gehen oder schon sind, dann haben sie ein ganzes Arbeitsleben hinter und den verdienten Ruhestand vor sich. Und sie haben ein ganzes Erwerbsleben lang mit ihren Gebühren für den Gallenbacher Hausmüllberg mitbezahlt. Zunächst nach der Eröffnung 1971 über zwei Jahrzehnte lang für die Entsorgung und seither für die Nachsorge der „Eiterbeule“ im Herzen des Landkreises. Aber sie zahlen noch viele Jahre weiter und auch ihre Kinder und Enkel blechen schon oder später einmal für die ehemalige Mülldeponie. Denn die Nachsorge läuft noch ein Vierteljahrhundert und kostet den Landkreis, und damit allen Müllgebührenzahlern, noch eine ganze Stange Geld. Wie viel genau, das weiß man vielleicht Mitte des Jahrhunderts.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Nachsorge bis mindestens 2044

Derzeit werden die Kosten bis ins Jahr 2044 vorauskalkuliert und die Rückstellung im Gebührenhaushalt liegt allein für den Landkreis Aichach-Friedberg bei 3,7 Millionen Euro. Das ist wieder mal mehr, als bisher berechnet – genau genommen um 1,1 Millionen mehr. Im Umweltausschuss des Kreistags erläuterte jetzt Wolfgang Huber vom Ingenieurbüro AU, warum die Kosten nach oben korrigiert werden mussten. Das habe diesmal keine technischen Gründe, sondern liege vor allem an der aktuellen Niedrigzinsphase, so Huber.

Der Müllzar ging pleite und die Gebührenzahler müssen blechen

Schon seit 1992 wird auf der Flur des Aichacher Stadtteils westlich der B300 kein Müll mehr abgeladen. In regelmäßigen Abständen prüft ein Ingenieurbüro, was zur Nachsorge der Deponie nötig ist. Denn der eigentliche Betreiber, Müllzar Paul Mannert, ging in den 90er-Jahren in Insolvenz (siehe unten) und seither sind die drei Landkreise, die dort Müll anlieferten, und der Staat (also alle Steuerbürger) als Zahlmeister in der Pflicht. Nach Stand der Dinge werden bis 2044 noch insgesamt rund 22 Millionen Euro fällig. Allein die Gebührenzahler aus dem Wittelsbacher Land haben in knapp drei Jahrzehnten bisher schon rund 3,4 Millionen für die Nachsorge ausgegeben.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Alle vier Beteiligten zusammen kommen auf 20 Millionen für Investitionen und die Technik-Unterhaltskosten. Die Kostenbeteiligung der Gebührenzahler ist übrigens die Folge einer Kreistagsentscheidung aus dem Jahr 1989. Einige politische Zeitgenossen ärgern sich noch heute darüber: Der damalige Regierungspräsident habe den Kreistag über den Tisch gezogen. Hilft nichts mehr.

Ob die Zeitschiene eingehalten werden kann, ist heute offen

Ob Zeitschiene und Kosten eingehalten werden können, ist offen. Schon mehrmals musste der Zeitraum verlängert werden und die Kosten erhöht. Im Sickerwasser der Deponie sind nämlich noch immer Schwermetalle und Schadstoffe. Vor allem das hochgiftige Arsen wird ausgewaschen und muss ausgefiltert werden. Anfang des Jahrtausends war die Rede von einem Ende der Nachsorge im Jahre 2024. Der Zeitraum wurde dann um 20 Jahre verlängert. Ob 2044 tatsächlich nur noch unbelastetes Wasser aus der ehemaligen Deponie sickert, lässt sich nicht voraussagen. Aber die Annahme von 30 Jahren Nachsorge für Hausmülldeponien wird eigentlich überall auf 50 Jahre korrigiert. Gutachter berechneten die Schadstoffbelastung vor einem Vierteljahrhundert nach einer Formel – halten muss sich der Müll im Berg daran aber nicht. Abfall und Verpackungsmüll aus Jahrzehnten gärt und gast und zersetzt sich langsam.

Der Nachsorge-Aufwand ist hoch

Der Nachsorge-Aufwand ist enorm: Von der Arsen-Reinigung über Gasverstromung bis zur Sickerwasser-Behandlung ist am Fuße des Monte Mannert fast alles installiert, was in der Deponietechnik derzeit möglich ist. Diese Technik filtert das hochgiftige Arsen, aber beispielsweise auch Ammonium und andere Schwermetalle aus. Speziell das Arsen verunsicherte die Menschen und besonders die Anwohner.

Natürliches Arsen-Vorkommen wird ausgewaschen

Die Regierung als Deponiebetreiber und die Gutachter haben in all den Jahren aber immer wieder darauf hingewiesen, dass dieses Halbmetall nicht aus dem Müll im Berg kommt, sondern geogen (also natürlich) im Boden vorhanden ist. Regenwasser gelangt in den Deponiekörper, verwandelt sich dort zu aggressiverem Sickerwasser und löst dann unter dem Deponiefuß das hochgiftige Arsen aus. Eine Reinigungsanlage, die erstmals bereits im Jahr 1995 gebaut und später modernisiert wurde, filtert den Stoff aus dem Sickerwasser heraus. Auch die benachbarte Sondermülldeponie hat übrigens diese Arsenproblematik.

Umweltproblem ist nicht auf dem Berg, sondern im Berg

Das Umweltproblem ist nicht auf dem Berg, sondern im Berg. Auf der etwa drei Meter dicken Abdeck-Humusschicht ist mittlerweile sogar ein 14 Hektar großes Biotop entstanden, das Schafe beweiden. Aber unterhalb schlummert eine bis zu 35 Meter dicke Hausmüllschicht.

Die Geschichte der Hausmülldeponie

Seit fast fünf Jahrzehnten ist der Gallenbacher Müllberg ein über lange Zeit sehr umstrittener Teil der Geschichte des Wittelsbacher Landes. Aber auch wenn dort schon lange kein Hausmüll und mittlerweile auch kein Sondermüll mehr abgelagert wird, ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende geschrieben. Wir blicken zurück und auch voraus:

Deponieeröffnung Bei Beginn der Hausmülleinlagerung in den Gallenbacher Berg (1971) sind die oberbayerischen und schwäbischen Kreise (Aichach, Friedberg, Augsburg, Starnberg) und Bürgermeister dem Deponieunternehmer und Müllzar Paul Mannert aus Gersthofen dankbar. Er nimmt ihnen die Problematik der Abfallberge und der vielen wilden und auch kommunalen Müllkippb.

Hausmüll-Deponiebetrieb Über 20 Jahre (bis 1992) wird Hausmüll aus der Region Augsburg und vom Starnberger See auf die Deponie an der B300 südwestlich des Aichacher Stadtteils Gallenbach gekarrt: 2,5 Millionen Kubikmeter. Ein Deponiekörper, der in etwa ein Volumen hat wie die Allianz-Arena, das Münchner Fußballstadion.

Über 20 Jahre wurde auf der Deponie am Gallenbacher Berg von der Firma von Paul Mannert Hausmüll deponiert. Foto: AN-Archiv

Sondermülldeponie Den südlichen Teil seiner Deponie tritt Mannert 1974 an die halbstaatliche Gesellschaft für Sonderabfallentsorgung Bayern (GSB) ab. Der Landkreis und die damals noch selbstständige Gemeinde Gallenbach (heute Stadt Aichach) können das nicht verhindern und ein Planfeststellungsbeschluss ergeht. Auf der inzwischen staatseigenen Deponie wurde bis Anfang 2017 Sondermüll abgelagert (wir berichteten) – der Deponiekörper hat eine ähnliche Dimension wie sein „Zwilling“ Hausmüllberg: rund 2,3 Millionen Kubikmeter bei Ende der Verfüllung. Aus den 1974 von der Staatsregierung versprochenen 15 Jahren Laufzeit wurden 43 Jahre. Durch weitere Genehmigungen wurden dort rund eine Million Kubikmeter mehr deponiert. Durch Messfehler der Aufsichtsbehörden blieb lange unentdeckt, dass dort über Jahre hinweg illegal zu viel deponiert wurde. Die Kommunalpolitiker liefen Sturm und die Regierung von Schwaben genehmigte die Überschreitungen nachträglich. Im Gegensatz zur Hausmülldeponie durften auf dieser Spezialdeponie Industrieabfälle beispielsweise aus Galvanisierbetrieben, Autoindustrie oder die Schlacke aus der Sondermüllverbrennung in Baar-Ebenhausen abgelagert werden. Nach dem Ende der Verfüllung wurde die Deponie mit einer 2,30-Meter starken Oberflächen-Abdichtung versehen und rekultiviert.

Müllberggipfel Der Monte Mannert ist weithin die höchste Erhebung im Paartal: 512 Meter über Normalnull. Der Sondermüllberg-Gipfel darf laut Planfeststellung ebenfalls 512 Meter über das Wittelsbacher Land ragen.

Müll-Proteste Die Hauptprobleme in den Achtzigerjahren durch die Hausmülldeponie: Gestank durch Deponiegase, Krähenschwärme und die Belastung des Grundwasserstocks unterhalb der Deponie mit Arsen. Bürgerinitiativen und Kommunalpolitik gehen auf die Barrikaden. Der Protest-Höhepunkt ist im Jahr 1985: eine Demonstration von 4000 Teilnehmern vor der Regierung in Schwaben in Augsburg. Bis zu 1000 Bürger versammeln sich bei mehreren Aktionen vor dem Landratsamt in Aichach.

Deponiesanierung Die Regierung als Aufsichtsbehörde ringt Müllzar Mannert nach Ende der Verfüllung noch einige Sanierungsmaßnahmen ab. Doch 1995 geht Mannert in Konkurs. Seither ist die Regierung sozusagen Deponiebetreiber – sie muss in Ersatzvornahme einspringen, weil durch die Deponie Gefahr in Verzug ist. Ein halbes Jahrhundert lang nach der endgültigen Abdeckung der Hausmülldeponie (1995) muss voraussichtlich nachgesorgt und bezahlt werden – Stand jetzt. Bis 2044 sind im Müllgebühren-Haushalt des Wittelsbacher Landes (17 Prozent Kostenanteil) weitere 3,7 Millionen Euro für Betrieb und Investitionen eingestellt. Auch die Kreise Augsburg (30) und Starnberg (20) sowie der Staat (30) zahlen für die Nachsorge.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren