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Kino

29.10.2018

Wackersdorf mobilisiert noch immer - auch in Aichach

Oskar Duschinger hat ein neues Buch über den unbeugsamen Schwandorfer Landrat Hans Schuierer geschrieben, Sepp Bichler und der Aichacher SPD-Chef Walter Jöckel organisierten die Vorführung des Films über Wackersdorf im Cineplex Aichach, und Wolfgang Nowak vertrat den erkrankten 87-jährigen Schuierer als Mitglied der damaligen Widerstandbewegung.
Foto: Martin Golling

Zur Vorführung des Films über den Protest gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage  reicht ein Kinosaal nicht aus. Ein Polizist von damals erinnert sich

Von Martin Golling

Aichach Nein, ein Kinosaal im Aichacher Cineplex reichte am Sonntag nicht aus, um all die Menschen zu fassen, die den Film über die einst geplante und schließlich gescheiterte Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für Kernbrennstäbe in Wackersdorf sehen wollten. Proppenvoll mit 150 Gästen war der erste Saal, als die Familie Rusch einen zweiten zur zeitgleichen Vorführung öffnete. Die Energiebauern hatten als Veranstalter die Aichacher SPD mit ins Boot genommen.

„Wie konnte es soweit kommen?“, fragte Sepp Bichler von den Energiebauern schon, bevor die ersten Bilder zu sehen waren. Er sei seit seiner Jugend Atomkraftgegner, auch oft genug in Wackersdorf dabei gewesen und er habe dabei geschrien: „Wir wollen keine Atomfabrik sondern eine Solarfabrik.“ Nun hat sein Unternehmen dort Ende 2017 in drei Kilometer Entfernung von Wackersdorf bei Fronberg eine große Freiflächen-Photovoltaikanlage eröffnet. Zur Einweihung sei auch der ehemalige Landrat Schuierer dabei gewesen, erzählte Bichler.

Ein Zuschauer zieht Parallelen zum Hambacher Forst

Um diesen unbeugsamen SPD-Landrat dreht sich der Film. Wie der „gelernte Maurer und Wegemacher“ sich seine eigene Meinung erliest, wie er sich als Persönlichkeit in den Widerstand einmischt, wie die Bayerische Staatsregierung durch den Erlass eines neuen Gesetzes (heute noch: Lex Schuierer) die gewählten Landräte bei der Baugenehmigung von Großprojekten entmachtet, wie geltendes Recht mit Füßen getreten wird, wie Leute aus dem Landratsamt über Nacht versetzt werden, wie Angst geschürt wird, wie die Polizei vereinnahmt wird, wie Atomkraft die Bevölkerung spaltet, Gewalt eskaliert – all das zeigt der Film. Darin sagt Schuierer: „Des is wia bei de Nazi, wia im Dritten Reich.“ Aus heutiger Perspektive mutet es grotesk an, wie Franz Josef Strauß damals die Protestierer als „linke Chaoten und Krawallmacher, die nichts verstehen“ beschimpft und wie er dadurch die Frauen, die Männer und selbst die Kinder der Region noch mehr gegen das Großprojekt Wiederaufbereitungsanlage aufbringt.

Nach der Vorstellung meldete esich ein Zuschauer zu Wort und verwies auf das neue Polizeiaufgabengesetz in Bayern und auf die Proteste um den Braunkohleabbau rund um den Hambacher Forst: „Die Parallelen sind heute unübersehbar.“ Eben diese Parallelen sah auch Wolfhard von Thienen, Chef der Bürgerinitiative gegen die geplante Osttangente im Landkreissüden. „Große Gewerke werden gegen alle Widerstände und gegen alle Vernunft durchgeboxt. Wir haben 10000 Unterschriften gesammelt, die den damaligen Verkehrsminister Dobrindt gar nicht interessierten.“

Polizist entschuldigt sich bei den damaligen Gegnern

Der Aichacher Jonny Listl war damals in Wackersdorf als junger Polizist innerhalb des Bauzauns eingesetzt. „Wir haben Wasser gespritzt und dazu aus Kanister CN- oder CS-Gas zugemischt. Der Einsatz damals ist mehr oder weniger entglitten. Der Bauzaun hat uns getrennt – Gott sei Dank. Es war nicht richtig, was dort geschehen ist, und wenn ich damit irgendwen verletzt haben sollte, bitte ich hiermit um Entschuldigung“, sagte Listl.

Zum Bedauern vieler Besucher hatte Hans Schuierer anders als geplant die Reise ins Wittelsbacher Land aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten können. Es vertraten ihn Oskar Duschinger, der ganz aktuell ein Buch über Schuierer auf den Markt gebracht hat, und Wolfgang Nowak. Er arbeitete in der Protestinitiative im Hintergrund und ist gerade dabei, als Chronist der Widerstandsbewegung die Ereignisse von damals geschichtlich aufzuarbeiten. Nowak sprach ein großes Lob jenen aus, die sich damals aus dem Aichacher Land aufgemacht hatten, die Proteste zu unterstützen: „Ich wohnte gerade mal acht Kilometer weg, ihr musstet oftmals eine Tagesreise antreten.“ Walter Hollmann wollte wissen, wie der Staatssekretär wirklich hieß, der damals die Idee für die Lex Schuierer hatte. Wolfgang Nowak wusste Bescheid: „Dr. Peter Gauweiler.“

Heute steht ein Innovationspark auf dem WAA-Gelände

Was ist aus der Fläche geworden, auf der die WAA entstehen sollte? Nowak sprach von einem Innovationspark, in den große Firmen investiert haben. Mittlerweile sind dort 6000 Arbeitsplätze entstanden. Bio-Landwirt Stephan Kreppold konnte sich nach diesem Film „nur wundern, wie jemand wie Markus Söder sich das Bild von Franz Josef Strauß über Bett hängen kann“.

Frage aus dem Publikum: „FJS ist 1988 verstorben. War dies das Ende der WAA?“ Wolfgang Nowak: „Es klingt makaber, aber der Tod von Strauß, 1988, und Tschernobyl, 1986, haben uns geholfen. Wobei schon vorher klar gewesen sein dürfte, dass die WAA nicht fertig gebaut werden würde, denn es waren zehn Milliarden Mark schon investiert und kein Ende in Sicht.“

Ausblick Auf Initiative der Biolandgruppe Augsburg Ost und der Kreisgruppe des Bund Naturschutz läuft am 18. November um 10 Uhr, der Film „Saatgut – man erntet, was man sät“

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