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Aindling

19.10.2020

Wade Murphy stand wegen Corona an der Schwelle zum Tod

Wade Murphy aus Aindling hat eine Coronavirus-Infektion mit schwerem Verlauf knapp überlebt. Der 74-Jährige wurde im Krankenhaus Aichach behandelt.
Bild: Max Kramer

Plus Wade Murphy war als US-Soldat im Vietnamkrieg. Das schlimmste Kapitel seines Lebens erlebte der Aindlinger aber in den vergangenen Monaten: eine Corona-Infektion.

Jeder Zentimeter ist ein Kampf. Wade Murphy will von seinem braunen Sofa aufstehen, so wie er es tut, seit er in dem Haus am Ortsrand von Aindling lebt. Jetzt dauert es. Jedes Gelenk, jeder Muskel schmerzt, immer noch. Wade müht und richtet sich bedächtig auf - und steht dann imposant da: knapp zwei Meter groß, auf eine Krücke gestützt, aber aufrecht. Ein Unbeugsamer, gezeichnet vom Kampf seines Lebens, vom Ringen mit Corona und dem Tod.

Wade Murphy ist wieder daheim und lebt - beides war vor einem Monat eher unwahrscheinlich. Der Aindlinger war wegen einer Corona-Infektion rund fünf Wochen im Aichacher Krankenhaus, davon zwei im künstlichen Koma. Am Dienstag verließ der gebürtige US-Amerikaner das Krankenhaus. Das Schlimmste ist überstanden, doch der Weg zurück in die Normalität ist ein langer.

Erstes Symptom der Corona-Infektion: Ein "Regen aus Schweiß"

Es ist ein grauer, verregneter Oktobernachmittag. Im Wohnzimmer von Wade Murphy und seiner Ehefrau Marlies läuft der US-amerikanische Sender CNN. Thema darin - natürlich - der rapide Anstieg der Corona-Infektionen. In einer Ecke des Raums tänzeln zwei Luftballons, auf einem steht "Welcome home". Der Willkommen-Geheißene sitzt auf seinem Sofa, eine Mundschutz-Maske im Gesicht. Auf seinem Hals prangt gut sichtbar ein weißes Pflaster. Darunter: ein Loch. Es führt direkt zur Lunge, dorthin, wo das Coronavirus so fatal wütete.

Wade Murphys Leidensgeschichte begann am 4. September, einem Freitag. Der 74-Jährige betreibt in Aindling ein Transport-Unternehmen, an diesem Tag stand eine Lieferung an. Alles lief wie immer. "Dann kam ein Regen aus Schweiß über mich", erzählt Murphy. "Mein Körper war schwer, jeder Muskel fühlte sich wie tot an, ich hatte Gliederschmerzen." Wie er anschließend heimkam, daran kann sich Murphy schon nicht mehr erinnern. Nur noch an einen Gedanken: "Es wird eine Bronchitis sein. Ich gehe in meine Sauna, dann wird das schon wieder." Es wurde nicht wieder.

Nach einem Wochenende mit 40 Grad Fieber ging Murphy zu seinem Hausarzt. Der schickte ihn gleich nach Aichach ins Krankenhaus, Notaufnahme. Dort wurde der Aindlinger sofort getestet und isoliert - am nächsten Tag, einem Dienstag, dann das Ergebnis des Corona-Tests. Es war positiv. "Meine Welt stand still", sagt Murphy, Vater einer Tochter und zweifacher Großvater. "Ich wusste natürlich, dass es Corona gab, aber dieses Thema war für mich immer eher abstrakt. Und dann: Überraschung", sagt Murphy, lacht leise in seine Maske und blickt nach rechts zu Ehefrau Marlies, die neben ihm sitzt. Sie verzieht keine Miene. Zu präsent ist das, was folgte.

Künstliches Koma: Wade Murphy aus Aindling rang mit dem Tod

Nahezu zeitgleich mit Wade bekam Marlies Murphy ihr Testergebnis - es war auch positiv, die Symptome fielen aber ungleich milder aus als bei ihrem Mann. Erst nach zehn Tagen Quarantäne und einem negativen Test durfte sie das Haus wieder verlassen. Ihr erster Weg führte sie zum Aichacher Krankenhaus. Wegen ihrer eigenen Infektion durfte Marlies Murphy die Klinik nicht betreten, also ging sie einmal um das Gebäude, vor das Fenster von Wades Zimmer. Er sah sie, sie sah ihn, beide winkten sich zu. Es war ein Gruß - und ohne dass es die beiden wussten, auch ein Abschied. Am nächsten Tag stand er nicht mehr am Fenster.

Da der Sauerstoffgehalt in seinem Blut rapide sank, musste Murphy am 15. September in ein künstliches Koma versetzt werden. Der entscheidende Kampf um sein Leben begann und sollte zehn Tag dauern. Er selbst erinnert sich an nichts, seine Frau an zu viel. "Es war schwer", sagt sie nur, blickt zu ihm und dann aus dem Fenster.

Dann kommen die Tränen. Vor allem das ständige Auf und Ab habe ihr zu schaffen gemacht. Mal sei das Fieber gesunken, dann wieder rapide angestiegen. Auch die Nieren versagten. Ohne es zu merken, wurde Wade Murphy am 18. September 74 Jahre alt. Später sagte ein Arzt, dass er zwischenzeitlich kurz vor dem Tod stand.

Wie ihn viele Menschen aus der Region kennen: Wade Murphy als Sänger im Gersthofener Gospelchor "Salvation".
Bild: Anna Schmid (Archivbild)

In einer Art Corona-Tagebuch hat Marlies Murphy den kompletten Krankheitsverlauf ihres Mannes festgehalten. Am 25. September trug sie dort ein, dass der Mann, den sie seit 41 Jahren kennt und liebt, wieder bei Bewusstsein ist. Sein Zustand verbesserte sich, wenn auch langsam. Erste Erfolge: eigenständiges Essen (Apfelmus), eigenständiges Sprechen und Bewegen des kleinen Zehs.

Eine Woche später stand Wade Murphy wieder. "Das war ziemlich wackelig, meine Muskeln waren komplett weg. Ich musste wieder lernen zu gehen." Am 13. Oktober verließ Murphy das Aichacher Krankenhaus wieder. "Ich habe rund zehn Kilo verloren", sagt er. "Eine schnelle Diät, oder?" Er grinst kurz, und blickt wieder nach rechts.

Nach der Behandlung im Krankenhaus Aichach: Die Schmerzen bleiben

Gut gehe es ihm noch nicht, sagt Murphy, der schon zuvor unter Diabetes litt. "Ich fühle mich schwach, sehr schwach." Die Gliedmaßen schmerzten, er habe Konzentrations- und Koordinations-Probleme, dazu nach wie vor Schweißausbrüche und Bluthochdruck. Und das sind nur die körperlichen Folgen. Denn da sind auch die Albträume. In einem habe er mit dem Teufel gekämpft, sagt Murphy, tiefgläubiger Christ.

Er erzählt auch von grausamen Bildern während seiner Zeit als US-Soldat, vom Vietnamkrieg. Nun ereilten ihn diese Szenen wieder häufiger. Seine Zeit im Militär helfe ihm aber auch, seine Coronavirus-Infektion zu bewältigen. "Ich habe dort gelernt, meine Gedanken zu kontrollieren. Das ist nun wichtig, denn so eine Krankheit kann einen verrückt machen."

Die Frage nach dem "Warum ich" hat sich Murphy nie gestellt. Die nach dem "Wie" schon. Er und seine Frau hätten stets penibel auf Hygienevorschriften geachtet. "Ich könnte hier im Haus vom Boden essen. Aber dieser unsichtbare Teufel", sagt Murphy und meint das Virus, "kann dich immer ereilen. Er macht keinen Unterschied, ob Du jung oder alt, schwarz oder weiß bist."

Er habe deshalb auch nur wenig Verständnis für die Menschen, die trotz aktuell rapide ansteigender Infektionszahlen gegen Corona-Maßnahmen der Politik protestierten. "Ich habe erlebt, wie real diese Krankheit ist. Das ist kein Witz." Er sei davon überzeugt, man könne das Virus bald besiegen, "wir haben es auch auf den Mond geschafft. Aber dafür müssen wir besser aufeinander aufpassen. Alle."

So, wie die Mitarbeiter im Aichacher Krankenhaus auf Wade Murphy aufgepasst haben. "In Deutschland hat man in letzter Zeit ja viel über Rassismus gesprochen. Aber die Leute in Aichach haben mich behandelt wie ihren eigenen Bruder", sagt Murphy. "Die waren ein Geschenk des Himmels, Profis, exzellent. Ich werde nie vergessen, dass ich dank ihnen noch hier sein darf." In einem Monat, hofft Murphy, geht es ihm wieder deutlich besser.

Er will wieder arbeiten, wenn auch weniger. Er will wieder singen, im Gersthofener Gospelchor Salvation, mit dem er in der Region schon einige gefeierte Konzerte gab. Er will das Leben mit seiner Familie genießen. Und: "Ich will sehen, was das Leben noch für mich bereithält. Wichtig ist: Ich bin hier."

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