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Bildung

24.01.2020

Wie wird man zu dem, der man ist?

Humorvoll und spannend gestaltete die mehrfach ausgezeichnete Autorin Jackie Thomae ihre Lesung aus ihrem aktuellen Gesellschaftsroman „Brüder“ im Aichacher Deutschherren-Gymnasium.
Foto: Manfred Zeiselmair

Schüler des Deutschherren-Gymnasiums und weitere Interessierte erleben eine besondere Unterrichtsstunde. Die preisgekrönte Autorin Jackie Thomae liest aus ihrem Roman „Brüder“. Wert legt sie auf den „Sound der Sprache“

Zwei Brüder. Zwei Perspektiven. Zwei Lebensgeschichten. Mit einer Lesung aus ihrem aktuellen Roman „Brüder“ begeisterte die Schriftstellerin Jackie Thomae etwa 250 Schüler der Jahrgangsstufen 10 bis 12 des |Aichacher Deutschherren-Gymnasiums und weitere Interessierte. Deutschlehrer und Fachschaftsleiter Michael Lang hatte die sympathische Autorin zu diesem außergewöhnlichen Unterricht eingeladen.

Jackie Thomae ist 1972 in Halle/Saale geboren, in Leipzig aufgewachsen und lebt seit dem Fall der Mauer im Jahr 1989 in Berlin. Ihre Werke wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. Vor fünf Jahren erschien ihr Debüt-Roman „Momente der Klarheit“. Mit dem 2019 veröffentlichten zweiten Werk, dem Gesellschaftsroman „Brüder“, war sie im Finale um den Deutschen Buchpreis.

Die im Roman vorgestellten Brüder Michael („Mick“) und Gabriel sind eigentlich Halbbrüder. Sie sind beide 1970 in der DDR geboren, haben verschiedene deutsche Mütter, aber denselben unbekannten, afrikanischen Vater. Dieser hat sich schon früh „aus dem Staub gemacht“. Was bleibt, sind die krausen Haare und die dunklere Hautfärbung. Diese Äußerlichkeiten lassen auf Parallelen zur Biografie der Autorin schließen. Dazu befragt, sagt sie später in der Fragerunde: „Es ist kein autobiografischer, sondern ein fiktionaler Roman. Ein Roman mit Autofiktion, also mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen.“

Außer ihrer Hautfarbe haben die Brüder im Buch so gut wie nichts gemeinsam. Humorvoll und spannend erzählt die Autorin – sowohl im Buch als auch in ihrem Vortrag – von den völlig unterschiedlichen Wegen der beiden. Dabei geht sie weder chronologisch noch parallel vor. In ironischem Erzählstil befasst sie sich zunächst mit Micks Jugendjahren. Dieser ist alles andere als ein Musterschüler, lebt in den Tag hinein und ist ein Partytyp, der auf viele Frauen steht. Thomae erzählt von seinen wilden 80er- und 90er- Jahren in Ost-Berlin, dem New- Wave- und Punk-Zeitalter. Schwarz ist angesagt – bei der Kleidung, beim Lippenstift und beim Nagellack. Auch im Osten, wo man das FDJ-Hemd zur wilden „Robert-Smith-Frisur“ trägt und auf Musik von Depeche Mode steht. Nach dem Umzug in den Westteil der Stadt hält man Mick für ein „GI-Kind“, also das Kind eines amerikanischen Besatzers. Er versucht, sich anzupassen, „frisst sich durch die Stadt der Kapitalisten“ mit ihren „Designerdrogen-Lebensmitteln“. „Umgeben von liebevollen Poppern“ ist er, wie viele seiner neuen Freunde ständig auf der Suche nach der eigenen Persönlichkeit. Um sich dem anderen Bruder zu nähern, wechselt die Autorin in die Ich-Perspektive. Mit Gabriels Geschichte beginnt sie erst im Jahr 2016, und zwar in London, „der internationalsten Stadt Europas“. Als Kind schon sehr ehrgeizig und zielstrebig, ist er zum Star-Architekten aufgestiegen. Gabriel hat das Gefühl, dass es hier, unabhängig von seiner Herkunft, nur noch um Geld geht, und fühlt sich wohl dabei. Er ist verheiratet und hat einen 15-jährigen Sohn, den die Autorin als „Komplettverweigerer“ betitelt – und ergänzt: „…was ich sehr sympathisch finde“. Der Junge wird in ein streng konservatives Internat in die Bretagne abgeschoben und fliegt nach einer spektakulären Aktion, die sich gegen die hübsche Lateinlehrerin richtet, von der Schule. Sein Vater Gabriel ist in London mit sich selbst beschäftigt. Ihm wird ein sexueller Übergriff auf eine 20-jährige Studentin vorgeworfen, worauf er zum „Feindbild der Presse“ wird. Als „böser Deutscher“ tituliert, verliert er schließlich zum falschen Zeitpunkt die Nerven.

Was weiter passiert und ob sich die beiden so unterschiedlichen Brüder jemals kennenlernen, lässt Jackie Thomae in ihrer Lesung verständlicherweise offen. „Ich mag meine Charaktere“, sagt sie in der Fragerunde im Anschluss. Sie lobt die Aufmerksamkeit der Schüler und freut sich über die intelligenten, „sehr, sehr schönen Fragen“. Wie sie mit Kritik lebe, will ein Schüler wissen. Ihr Buch sei gut beurteilt worden, „von den Lesern sogar besser als von der Presse“, sagt Thomae. „Verstanden werden ist wichtiger, als gelobt zu werden.“ Deutschlehrer Lang interessiert, wie Thomae beim Schreiben vorgehe, worauf diese den richtigen „Sound der Sprache“ hervorhebt. „Ich lese mir die Sätze oft laut vor und lausche, ob Klang und Rhythmus in die Zeit passen“, erklärt sie.

Was der Leser mitnehmen soll? „Vielleicht sollte sich jeder einmal die Frage stellen: Wie wird man zu dem Menschen, zu dem wir in der Mitte unseres Lebens geworden sind?“, resümiert Thomae. Nach kurzweiligen 90 Minuten wird die jugendlich wirkende 48-Jährige mit großem Applaus verabschiedet. Und steht im Anschluss noch den Redakteurinnen der Schülerzeitung Ventil Rede und Antwort.

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