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Aichach-Griesbeckerzell

23.05.2019

Zeller Geschichten: So interessant erzählt Hermann Winkler von früher

Eine der zahlreichen Veröffentlichungen von Rektor a. D. Hermann Winkler: Das neue Griesbeckerzeller „Lesebuch I“, das Zeller Geschichte und Geschichten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkrieges beschreibt. Winkler stellte es im Zeller Stockschützenheim vor.

Hermann Winkler hat die Historie des Aichacher Stadtteils Griesbeckerzell erforscht. Seine Erkenntnisse aus der Zeit bis 1945 stellt er nun der Öffentlichkeit vor.

„Dahoam in Zell“ – so sind zwei seiner bisherigen Veröffentlichungen über die Geschichte und die Geschichten von Griesbeckerzell überschrieben: „Sagen und Legenden“ zum einen und „Sitten und Gebräuche“ zum anderen. Der 84-jährige Hermann Winkler hat viel geschichtsträchtiges Material über den Aichacher Ortsteil zusammengetragen. Angefangen hat es mit einer Chronik über die Schule, die er 32 Jahre lang als Rektor leitete. Danach ließ ihn die Zeller Geschichte nicht mehr los.

Jahrelang stöberte Winkler in den verschiedensten Archiven im Landkreis, darunter auch das Familienarchiv der Freiherren von Gravenreuth, und sogar im Münchner Staatsarchiv. Er begann chronologisch zusammenzuschreiben, was in den alten Dokumenten, Amts- und Wochenblättern und in Einschreibebüchern geschrieben stand. Und er stellt seine Griesbeckerzeller Geschichten nun nach und nach der Öffentlichkeit vor. „Ein für die Nachwelt bewahrtes Wissen“, wie es Hermann Winkler bei der Vorstellung seines neuen Werkes „Zeller Lesebuch I“ im Griesbeckerzeller Stockschützenheim formuliert.

Lesebuch über Griesbeckerzell: Die Griesbecke gaben dem Ort den Namen

Wie kann jemand, der nicht aus Zell stammt, über diesen Ort schreiben? Diese Frage stellt sich der Autor eingangs selbst. „Ich bin … höchstens ein Reig’schmeckter“, sagt er von sich. „Immerhin“ sei er aber von 1967 bis 1999 als Schulleiter tätig und 13 Jahre lang mit seiner Ehefrau Gertraud zunächst im alten, später dann am neuen Schulhaus wohnhaft gewesen „und das verbindet“. Unter den etwa 50 Zuhörern im Saal erkennt Winkler einige seiner ehemaligen Schüler wieder.

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Der Männergesangverein „Frohsinn“ gestaltete die Vorstellung des Griesbeckerzeller Lesebuchs.

Das „Zeller Lesebuch I“ ist eine Fortschreibung der „Geschichte der Hofmark und der Kirche St. Laurentius“, die Winkler 2014 veröffentlicht hat. Im Rückblick berichtet der pensionierte Rektor zunächst über die ersten Ortsherren, von den Anfängen im elften Jahrhundert bis 1845, über die Griesbecke, die dem Ort den Namen gaben, die Fischacher, danach die Zelter und die Burgauer. Winkler erzählt von Johann Jacob von Burgau, Kammerrat, Kanzler sowie Pfleger und Kastner zu Aichach, der 1698 das Zeller Schloss erbaute. Und von einer „verrückten Zeit“ um die Jahrhundertwende, in deren Verlauf Bayern 1806 Königreich wird.

Wohl unter dem Eindruck der Französischen Revolution wird ein Mandat erlassen, das der letzte Burgauer Hofmarksherr Clemens Desiderius umsetzt und dafür sorgt, dass Zell in knapp 40 Jahren von 28 auf 86 Anwesen anwächst: An den kreppenartigen Hängen der heutigen Schlossstraße und der Gärtnerstraße entstehen sogenannte Leerhäuser auf Kleinstanwesen mit kaum Grund und Boden. Die Hofmark Griesbeckerzell wird schließlich an die Grafen von Gravenreuth zu Affing verkauft und 1854 aufgelöst, das einst so stolze Schloss zwei Jahre später abgebrochen.

Der Zweite Weltkrieg gehörte nicht zu der "guten alten Zeit"

Mit dem Ende der Hofmarksgeschichte beginnt die eigentliche Geschichte der Gemeindebildung von Griesbeckerzell – und damit das „Zeller Lesebuch I“. Winkler nennt es so, „weil es weder ein Geschichtsbuch noch ein Geschichtenbuch“ sei. Vielmehr „eine Art chronologisches Tagebuch“, das die Zeit vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 zum Inhalt hat. Für Griesbeckerzell gehörte diese Epoche nicht unbedingt zu der sprichwörtlich „guten alten Zeit“, so Winkler. „Die Armut hatte den Ort fest im Griff“, ist schon im Vorwort des Lesebuchs zu lesen. Es erzählt im ersten Kapitel vom Griesbeckerzeller Menschenschlag um 1850, von wichtigen Pfarrersleuten wie Arnold Jakobi oder Sebastian Lechner, von Zeller Musikanten und Festlichkeiten, von Zell und dem „lieben Amtsgericht“, von Kinderarbeit, Zeller Geschichten aus Wochenblatt und Zeitung, von alten Währungen, Maßen und Gewichten und vom Ersten Weltkrieg mit seinen Gefallenen.

Im zweiten und dritten Kapitel wird vom „schwierigen Start in die Demokratie“ berichtet, der Nachkriegszeit mit Vereinsgründungen, aber auch mit großer Not und Inflation. Später war es die Arbeitslosigkeit, die Hunger und unsägliche Armut in die Zeller Arbeiterfamilien brachte. Schließlich erzählt das Buch von der Situation zu Beginn des Dritten Reichs und während des Zweiten Weltkriegs – bis hin zu den Gefallenen und Vermissten, der Kapitulation und dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, die sich am 28. April 1945 mit 200 Soldaten im Schulhaus und im Gerblsaal einquartiert hatten. Zustimmung kommt von einigen Zeitzeugen im Saal, die das Geschehen zum Kriegsende hautnah miterlebt hatten, so wie die damals zehnjährige Therese Betzmeir in ihrem Heimatort Hollenbach.

In den kurzen Pausen ertönen immer wieder die Stimmen des Zeller Männergesangvereins „MGV Frohsinn“, die im Laufe des Nachmittags manchen Zuhörer zum Mitsingen bewegen können.

Zeller Geschichten: Es ist noch genügend Stoff zu erzählen

Hermann Winkler verspricht zum Ende der Veranstaltung, dass noch genügend Material vorhanden sei, um noch mindestens ein zweites, vermutlich sogar ein drittes „Lesebuch“ zu füllen. Schließlich stehe noch die Zeit nach Kriegsende bis in die jüngere Gegenwart aus. Auch eine Chronik mit Zeller Familiengeschichten über alte Häuser und Höfe sei schon fast fertig. Sein „Lesebuch I“ könne im Laden von Sieglinde Kast und im Aichacher Stadtmuseum zum Preis von acht „Mark“ erworben werden. Der kleine Versprecher (Mark statt Euro) war nach der vorangegangenen intensiven Reise in die Vergangenheit schon fast zu erwarten.

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