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Aichach: Bekennerschreiben: Er nagelte vor 50 Jahren die Lederhose ans Landratsamt

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Bekennerschreiben: Er nagelte vor 50 Jahren die Lederhose ans Landratsamt

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    Karl Schedlbauer mit Lederhose – so eine nagelte er 1972 ans alte Landratsamt.
    Karl Schedlbauer mit Lederhose – so eine nagelte er 1972 ans alte Landratsamt. Foto: Sammlung Schedlbauer

    Zum 50. Jahrestag der Landkreisreform im Aichacher Land flammten viele Anekdoten und Randgeschichten wieder auf. Keine aber erregte in der Berichterstattung über die Zwangshochzeit der früheren Landkreise Aichach und Friedberg und der verordneten „Ausbürgerung“ von Oberbayern so viel Schmunzeln und Aufmerksamkeit wie die alte Lederhose, die in jener Nacht zum 1. Juli 1972 zusammen mit einem Schmähgedicht auf Schwaben an die Pforte des alten Landratsamtes in Aichach genagelt wurde. Wer war das damals, war die große Frage. Aber nun ist dieses Geheimnis gelüftet, denn der „Täter“ hat sich bei unserer Redaktion gemeldet und nach einem halben Jahrhundert ein umfassendes „Geständnis“ abgelegt.

    Vor über zehn Jahren ist er in einen Weiler im „Woid“ gezogen

    Der Mann heißt Karl Schedlbauer, ist heute 71 Jahre alt und lebt in einem kleinen Weiler im Bayerischen Wald – das passt zu seiner Lebenseinstellung. Vor über zehn Jahren hat er seiner Heimatregion den Rücken gekehrt. Aufgewachsen ist er in der Mittleren Feldstraße in der unteren Vorstadt. Alte Aichacher erinnern sich bestimmt noch an den „Kare“, der stets das Bayernland hochhielt und abends am Stammtisch im Gasthaus zum Specht am Stadtplatz stundenlang dozieren konnte: Über die Ungerechtigkeit der Obrigen dem Volke gegenüber, dass Bayern und Schwaben nie zusammengehören werden und der Freistaat natürlich schleunigst seinen König zurückbekommen müsse. Irgendwann später führte ihn seine Gesinnung und Einstellung auch auf die politische Schiene und Karl Schedlbauer wurde Funktionsträger bei der Bayernpartei.

    Schedlbauer war beim Stamm der Aichacher St.-Georgs-Pfadfinder

    Als junger Mann gehörte Schedlbauer dem Stamm der St.-Georgs-Pfadfinder in Aichach an, die im Oberen Stadttor ihre Bleibe hatten. Eben dort wurde damals auch eifrig über die Gebietsreform debattiert, erinnert sich Schedlbauer. Zwei Protestaktionen wurden gestartet. Eine davon war besagte mit der Lederhose. Die hatte Schedlbauer von seinem Onkel Karl Koller aus Ecknach bekommen. Mit Lederhose, Schmähgedicht, sogenannten Scheibenkopf-Nägeln mit Vierkantblech am Kopf und ein schwerer Schlegel als Gepäck wurde also zum alten Landratsamt am Schlossplatz marschiert und gehandelt. Dort zog Schedlbauer die Hose aus und nagelte. Die Hammerschläge gegen die alte Eichentür dröhnten weit hörbar durch die Nacht. Ein Wunder, dass niemand davon wach geworden ist.

    Die Protesthose wurde an die Pforte des alten Landratsamtes am Schlossplatz in Aichach genagelt. Dort ist heute das Amtsgericht.
    Die Protesthose wurde an die Pforte des alten Landratsamtes am Schlossplatz in Aichach genagelt. Dort ist heute das Amtsgericht. Foto: Christian Lichtenstern

    Tags darauf herrschte Alarmstimmung im gesamten Landratsamt, aber es kam nicht so schlimm: „Souverän ist der Landrat Josef Bestler mit dem Vorfall umgegangen“, erinnert sich Schedlbauer. Er habe Bestler später auch die Tat gestanden, sagt er. Wenn er den Landrat beim Volksfest traf, habe er ihn auch immer wieder spaßeshalber gefragt, „wann ich meine Lederhose zurückbekomme“. Bestler habe dann mit einem Schmunzeln ein paar Maß Bier bezahlt, „und manchmal auch noch einen Gockel.“

    An der Tür des Aichacher Landratsamtes hat es mächtig gescheppert

    Also alles halb so schlimm, aber wenn man den weiteren „Täterkreis“ ins Auge fasst, dann schaut es vielleicht ein wenig anders aus. Denn dabei war in jener Nacht auch ein anderer junger Pfadfinder mit Namen Christian Knauer. Ja wirklich: Dieser Christian Knauer, der Altlandrat, der vor wenigen Tagen erst 70 geworden ist. Aber der steht zu seiner Tat, wenngleich mit einer gewissen Einschränkung: „Ja, sicher war ich damals dabei, aber ich war nur Begleitperson“, sagte Knauer am Freitag lachend unserer Redaktion. Die Aktion mit der Lederhose sei aber die Idee seines Pfadfinder-Stammesgefährten Karl Schedlbauer gewesen. „Mei, des hod vielleicht g‘scheppert, wie der die Nägel neig‘haun hat“, erinnert sich Knauer.

    Altlandrat Christian Knauer war als Pfadfinder 1972 auch bei der Protestaktion dabei - als Begleiter.
    Altlandrat Christian Knauer war als Pfadfinder 1972 auch bei der Protestaktion dabei - als Begleiter. Foto: Eva Weizenegger (Archiv)

    Das „Geständnis“ des Altlandrates geht aber sogar noch über den Fall mit der Lederhose hinaus: In einer ersten Aktion habe man aus Holzrahmen und Papier auch Tor-Attrappen gebaut und vor die beiden Stadttore gestellt mit dem Protestplakat „Aichach bleibt bei Oberbayern!“. Also quasi die Tore für die Schwaben verrammelt. Pikante Randnotiz: Jahrzehnte später schaffte Knauer den Einzug in den Landtag nur deshalb, weil er einen Spitzenplatz auf der Kandidatenliste der Jungen Union Schwaben bekommen hatte. Ausgerechnet Schwaben … Danach hat Knauer mit seiner CSU-Fraktion im Landtag heftig geklatscht, als der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber den Slogan „Laptop und Lederhose“ zum Markenzeichen seiner Politik ausrief. Ausgerechnet Lederhose …

    „Das ist alles schon verjährt“, sagt Knauer und schmunzelt

    Hat Knauer damals an die Lederhose am alten Landratsamt gedacht? Egal, jedenfalls weiß der Altlandrat – Politiker bleibt Politiker – wie immer einen rhetorischen Fluchtweg: „Das ist ja alles schon verjährt“, sagt er. „Stimmt, aber wenn das in der „Reformnacht“ damals alles aufgekommen und zur Anzeige gebracht worden wäre, hätte Christian Knauer wohl niemals Abgeordneter und später Landrat werden können und „allfällig sein Leben als Dorfschulmeister fristen müssen“, schreibt zumindest Karl Schedlbauer schmunzelnd aus dem Regierungsbezirk Niederbayern.

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