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Aichach: Aus Protest wird eine Lederhose ans Aichacher Landratsamt genagelt

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Aus Protest wird eine Lederhose ans Aichacher Landratsamt genagelt

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    Woher diese Demonstranten gegen die Kreisreform vor der Staatskanzlei in München Ende 1971 kamen, ist nicht überliefert. Es war einer von vielen Protesten zu dieser Zeit. Von der legendären Demo der rund 100 Aichacher, die bei der Regierung von Oberbayern aufgefahren waren, gibt es kein Foto. Von der Lederhose am Landratsamt übrigens auch nicht.
    Woher diese Demonstranten gegen die Kreisreform vor der Staatskanzlei in München Ende 1971 kamen, ist nicht überliefert. Es war einer von vielen Protesten zu dieser Zeit. Von der legendären Demo der rund 100 Aichacher, die bei der Regierung von Oberbayern aufgefahren waren, gibt es kein Foto. Von der Lederhose am Landratsamt übrigens auch nicht. Foto: Lothar Parsch, dpa

    Fast immer, wenn der inzwischen verstorbene Altlandrat Josef Bestler auf die Landkreisreform zu sprechen kam, zitierte er ein Gedicht, das er auswendig konnte. Der Verfasser ist bis heute unbekannt. Er muss eine deutliche Sprache gehabt haben. Wie so viele „oide Oachma“ damals, die ihrer Wut freien Lauf ließen, weil die Landespolitik sie dem Schwabenland zugeschoben hatte. 50 Jahre ist das jetzt her. Dem Druck des Staates nachgeben zu müssen und zum „Beute-Schwaben“ zu werden, das war für viele Menschen ein beinahe schon schrecklicher Gedanke. Sie sahen sich um ihre Identität betrogen und fühlten einen schmerzhaften Verlust ihrer Wurzeln. Das zeigen manche Anekdoten.

    1972 fuhren viele wochenlang mit Trauerflor am Auto. Der Stammtisch der Pfaller-Buam in Aichach schlüpfte in Tracht und ließ am 30. Juni 1972 die letzten oberbayerischen Stunden mit einer Fahrt auf dem Pferdewagen und einem Fassl Bier durch das nächtliche Aichach ausklingen. Und eine Mutter in der unteren Vorstadt streichelte am Morgen des 1. Juli 1972 ihrem Sohn über den Kopf und sagte: „Du armer Bua – jetz bisch a Schwob.“

    Im Kreis Aichach gab es Gemeinden mit unter 100 Einwohnern

    Bereits 1968 hat sich eine Neuordnung der Landkreise und Regierungsbezirke abgezeichnet. Es gab viele Minigemeinden unter 300 Einwohner. Die kleinste im Altlandkreis Aichach war 1971 Aufhausen im Weilachtal, (heute ein Ortsteil von Schiltberg) mit 93 Bürgern. Es gab 72 Gemeinden. Manche Bürgermeister führten den Amtsstempel ständig mit und holten ihn auch schon mal bei der Feldarbeit aus dem „Fürta“, um abzustempeln, was die Dorfbewohner eilig brauchten. Viele Gemeinderäte bewältigten die Aufgaben der Daseinsvorsorge zuverlässig. Wenn es aber um gebietsübergreifende Projekte ging, war das Dorflatein oft schnell am Ende.

    Die Ziele der Landesplanung – Bayern war zu dieser Zeit mitten im gewaltigen Umbruch von der kleinbäuerlichen Landwirtschaft zum Industrieland – waren mit solchen Strukturen nicht mehr zu erreichen. Deshalb stellte Innenminister Bruno Merk 1968 seine „Pläne für eine kommunale Neugliederung“ vor. Dass es auch Verschiebungen in andere Regierungsbezirke geben könnte, ließ die Menschen im Aichacher Land unbeeindruckt. Schließlich ist Oberwittelsbach der Stammsitz des bayerischen Herschergeschlechtes, sagte man sich entspannt. Und außerdem hatte Ministerpräsident Alfons Goppel erst im Mai 1968 bei einem Besuch in Aichach betont: „Das Aichacher Gebiet ist bayerisches Herzland!“ „Na oiso – werd’ si scho nix fein“, sagten sich die hiesigen Politgrößen. Sie sollten sich täuschen.

    Die Volksseele in Aichach kocht, Friedberg ist erleichtert

    Des Volkes Seele im Aichacher Land kochte, als Innenminister Bruno Merk im Januar 1971 bekannt gab, dass der Kreis Aichach „in einem neuen Kreis im Osten der Region Augsburg“ aufgehen und dem Regierungsbezirk Schwaben einverleibt werden soll. Kurz danach gab Schwabens Regierungspräsident Frank Sieder bekannt, dass die Kreise Aichach und Friedberg zusammengeschlossen werden könnten. Die Stadt Friedberg war erleichtert, denn Augsburg wollte die „Vorstadt“ einfach eingemeinden.

    Im Landkreis Aichach rumorte es dagegen kräftig. Der Aichacher Kreisrat, Spenglermeister und Kreisbrandinspektor Paulus Glaswinkler initiierte ganz kurzfristig eine Demonstration in München. Rund 100 Aichacherinnen und Aichacher fuhren am 10. Februar hupend bei der Regierung von Oberbayern vor. Auch ein Spenglermeister aus Aichach könne zu einem „Schmied von Kochel werden“, drohte Glaswinkler den Politikern mit einem Volksaufstand. Der Regierungspräsident ließ durch seinen persönlichen Referenten ausrichten, man arbeite inzwischen an einem neuen Modell mit den Kreisen Aichach, Schrobenhausen und Pfaffenhofen. Aichach bleibe dann bei Oberbayern. Glaswinkler und seine Mitstreiter fuhren zufrieden heim.

    Paulus Glaswinkler warnte die Obrigen: Auch ein Spenglermeister könne zu einem Schmied von Kochel werden.
    Paulus Glaswinkler warnte die Obrigen: Auch ein Spenglermeister könne zu einem Schmied von Kochel werden. Foto: privat

    Doch kaum waren sie zurück, wurde klar, dass die Protestler einer Finte aufgesessen waren: Schrobenhausen und Pfaffenhofen hatten nämlich längst erklärt, dass sie überhaupt kein Interesse an einer solchen Dreier-Konstellation haben. Also hieß es in den sauren Apfel beißen: Im Februar 1971 entschied sich der Kreistag Aichach für einen Zusammenschluss mit Friedberg. Die beiden Städte rangen später heftig und intensiv um den Landkreissitz.

    Als dann in der Nacht zum 1. Juli das „Bayerische Herzland“ sanft nach Schwaben entschlummerte, schlich sich ein aufrechter „Oachma“ an die Pforte des Landratsamtes am Aichacher Schlossplatz und öffnete ein Bündel: Zum Vorschein kamen ein Hammer, fünf handgemachte rostige Nägel und eine zerschlissene, alte Lederhose. Die nagelte der Mann an die Tür. Dann steckte er einen Zettel mit einem Gedicht daran. Das endet so:

    Koa schwäbisches Bier trink’ i mehr,

    koa Schwabenmädel schaug i mehr o,

    und für de da droben auf der Regierung

    häng i mei Hosn hie – de kennas abschlecka,

    weil mei Arsch mir für de vui z’schod is . . . .“

    Die Lederhose bewahrte Landrat Josef Bestler (ein gebürtiger Schwabe aus Deubach!) übrigens sehr gut auf. „Sie ist für mich immer der deutliche Hinweis und die Mahnung, dass die Menschen in ihrem Herzen Oberbayern oder Altbayern geblieben sind und das auch bleiben werden“, erzählte er stets. Bei einem Umzug ging sie später verloren. Recht hatte er: Auch der „arme Bua“ aus der unteren Vorstadt von Aichach ist in seinem Herzen immer ein Altbaier geblieben – wie so viele andere auch.

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