Eigentlich ist die Ploetzstraße in Lochschwab gar keine richtige Straße, sondern ein Schotterweg zwischen Riederstraße und Waldrand. Hier beginnt das Naturschutzgebiet, grenzen große Gärten an und es wird humorvoll vor frei laufenden Hühnern und spielenden Kindern gewarnt. Einen Riss erhält das Idyll, sobald das Handy den am Straßenschild angebrachten QR-Code herangefischt hat und sich die verlinkte herrsching.de-Seite öffnet.
Dann stellt sich heraus, dass 1936 Adolf Hitler persönlich Alfred Ploetz für „seine Verdienste um die deutsche Rassenhygiene“ zum Professor ernannt hat. Der Gründer mehrerer Geheimbünde zur „Rettung und Reinhaltung der nordischen Rasse“ hatte schon 1928 vorgeschlagen: „Die Ausmerzung Minderwertiger wäre zu bewirken durch Abraten von der Ehe bei dazu Untüchtigen, durch Eheverbote, durch freiwillige Sterilisierung von Verbrechern, dauernde Asylierung der Geistesschwachen und Epileptiker.“ Tatsächlich ließen die Nationalsozialisten bis 1945 auf Grundlage der Rassen-Eugenik etwa 400.000 als „Kranke“ identifizierte Personen zwangssterilisieren, 200.000 ermordeten sie in ihren Euthanasieprogrammen.
QR-Code an den Straßenschildern in Herrsching gibt Auskunft
Dennoch wurde Alfred Ploetz, der 1914 nach Herrsching gezogen war und dort Versuche zur Genveränderung bei Kaninchen durch Alkoholismus vornahm, mit einem Straßennamen geehrt, wenn auch ein Gemeinderatsbeschluss von 2002 die Streichung des Vornamens bewirkte. Problematisch erscheinen auch die Erich-Holthaus-Straße, ebenfalls in Lochschwab, sowie die Madeleine-Ruoff-Straße im Ortskern. Er: Obersturmbannführer der SA und Denunziant vermeintlicher Landesverräter. Sie: Profiteurin der Arisierungsgesetze, die Juden einst zum Verkauf ihrer Häuser zwangen.
Aufgedeckt hat die Verstrickungen dieser Herrschinger mit dem Nazi-Regime Friedrike Hellerer, die über die „NSDAP im Landkreis Starnberg“ promoviert hat. Vom Gemeinderat mit der Recherche zu solchen möglicherweise belasteten Straßennamen beauftragt förderte die Kreis- und Gemeindearchivarin in mehrjähriger Quellenforschung neue Erkenntnisse zu tage. „Ich weiß halt, wo ich suchen und bohren muss“, sagt die Historikerin fröhlich, bevor sie sehr ernst wird. „Es wäre in der heutigen Zeit, in der doch ein Gedankengut wieder aufkeimt, das dem von damals sehr ähnelt, ein wichtiges Zeichen, die Ehrung dieser Personen aufzuheben und die Straßen umzubenennen.“ Es möge gute Gründe gegeben haben, die drei auszuzeichnen, doch auch diese Gründe seien nach heutigem Wissensstand anzuzweifeln, erklärt die Expertin. So sei im Falle Ruoff, die Herrsching einst einen Kindergarten schenkte, die Verleihung der Goldenen Bürgermedaille durch Ludwig Schertel vorgenommen worden: „Bürgermeister im Dritten Reich und Bürgermeister auch danach wieder. Das sind eben diese gefährlichen Kontinuitäten."
Bislang haben höchstens zehn Prozent der Herrschinger an der Abstimmung teilgenommen
Mit der Frage, wie 2024 mit den fraglichen Straßennamen umzugehen sei, beschäftigt sich seit Oktober nicht nur die Politik, sondern auch die Bevölkerung Herrschings. Zumindest könnte sie dies, wenn sie dem Aufruf des Gemeinderats Folge leisten und „ihre Meinungen, Vorschläge und Anregungen, einschließlich einer möglichen Straßennamensänderung, der Gemeinde mitteilen“ würde. Noch bis 29. Februar kann zu diesem Zweck an info@herrsching.de geschrieben werden.
Bislang haben von der Möglichkeit, Stellung zu beziehen und auf die kommunalpolitische Entscheidungsfindung Einfluss zu nehmen, höchstens fünf, vielleicht zehn Prozent der Herrschinger Gebrauch gemacht. Bürgermeister Christian Schiller: „Dabei kamen die meisten Anregungen von Anliegern, die lieber keine Umbenennung wollen.“ Nach seiner Präferenz befragt, antwortet der parteilose Bürgermeister: „Toll wäre, wenn die Anlieger sagen würden, das nervt uns so sehr, das muss geändert werden. Dann ändern wir das.“ Sollte sich indes bestätigen, dass sich die Mehrheit dagegen ausspricht, würde Schiller dem Gemeinderat dringend davon abraten, eine Namensänderung zu beschließen. Immerhin seien die Anlieger diejenigen, die direkt betroffen wären, die Geld in die Hand nehmen und Zeit investieren müssten, etwa für neue Visitenkarten oder Ausweispapiere.
Eine Straßenumbenennung bringt Kosten für die Anwohner mit sich
Schon früher hatte Schiller gewarnt, dass eine Umbenennung kostspielig werden könne, nicht zuletzt für die Gemeinde, insbesondere, wenn es zu Klagen der Anwohner käme. Die Herrschinger Archivarin Friedrike Hellerer hingegen fragt: „Will man wirklich in einer Straße leben, die nach jemandem benannt ist, der so viel Dreck am Stecken hat? Oder kann man seine eigene materielle Betroffenheit vielleicht hintanstellen?“ Die Bürgergemeinschaft Herrsching, die die Bürgerbefragung im Herbst initiiert hatte, hält die anfallenden Kosten sogar für „gar nicht so relevant und vorgeschoben“. Gemeinderätin Margit Utzmann erklärt: „Ich lebe in Lochschwab und diese beiden Straßen sind für mich echt unerträglich. Das kann doch jetzt, wo alles aufgedeckt ist über diese Personen, so nicht stehen bleiben.“
Alle Informationen über Madeleine Ruoff (1887-1964), Alfred Ploetz (1860-1940) und Erich Holthaus (1891-1963) auf www.herrsching.de/Umgang_mit_Strassennamen.