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Dinkelscherben

04.01.2020

Der Film über die letzten Zeitzeugen ist fertig

Der Film über das Zeitzeugenprojekt des Dinkelscherbers Michael Kalb (links) und Timian Hopf wird jetzt in mehreren Kinos in der Region gezeigt.
Bild: Marcus Merk

Nach zweieinhalb Jahren Arbeit kommt der Film von Michael Kalb und Timian Hopf ins Kino. Er geht der Frage nach, warum das Damals heute aktueller ist denn je.

Die Brüder Günther und Heinz Barisch sind selten einer Meinung. Doch wenn es um Heimat geht, leuchten ihre Augen gleichermaßen. Ihre Heimat, das ist das kleine Städtchen Zülz, das heute Biala heißt und seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen gehört. Für die Brüder ist es der beschauliche oberschlesische Ort geblieben, auch wenn sie ihn vor knapp 75 Jahren verlassen mussten. In ihrem 85-minütigen Dokumentarfilm „Die letzten Zeitzeugen“ begleiten die beiden Filmemacher Michael Kalb und Timian Hopf die Senioren auf eine Reise in die Vergangenheit und besuchen die Orte ihrer Kindheit.

Neben den Brüdern interviewte Kalb, der ursprünglich aus Dinkelscherben kommt, 35 weitere Zeitzeugen. Sie alle berichten von der Zeit zwischen 1920 und 1950. Am Sonntag, 19. Januar, feiert der Film im Augsburger Thalia-Kino seine Weltpremiere, gefolgt von der Landkreispremiere am Samstag, 25. Januar in der Reischenauhalle in Dinkelscherben. Im Mai 2020, anlässlich des Endes des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren, wird der Film im Fernsehen ausgestrahlt. Der Bayerische Rundfunk war Co-Produzent des Dokumentarfilms.

Das damalige Geschehen ist heute aktueller denn je

„Wie ein Mosaik aus Erinnerungen soll unser Film die Grausamkeit und Widersprüche des ‚Dritten Reiches‘, das Chaos nach Kriegsende, aber auch den Alltag und manche Lichtblicke dieser Zeit greifbar machen“, sagt der Regisseur und Produzent Michael Kalb. Ohne auf konkrete aktuelle Ereignisse zu verweisen, werde klar, dass das damalige Geschehen heute brisanter und aktueller sei denn je. Mit dem Wissen um die Hintergründe dieser unmenschlichen Zeit erzeuge gerade die Unreflektiertheit mancher Zeitzeugen ein noch größeres Unbehagen.

Grundlage und Anstoß für den Dokumentarfilm waren Interviews mit 37 Zeitzeugen, die Michael Kalb über zweieinhalb Jahren lang unter Begleitung von verschiedenen Historikern führte. Die meisten Gesprächspartner waren noch vor 1930 geboren, einige sind mittlerweile bereits verstorben. Das Archiv-Projekt wurde vom Landkreis Augsburg, der Bürgerstiftung Augsburger Land und dem Kulturfonds Bayern gefördert. Die Interviews wurden zusätzlich transkribiert. Das Archiv aus Bild, Ton und Text soll für die folgenden Generationen zugänglich gemacht werden.

Es geht nicht allein um historische Fakten

Der Volkskundler Christoph Lang hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Er ist Leiter des Stadtarchivs und Stadtmuseums Aichach und setzt sich auch als Vorstand des Heimatvereins Reischenau intensiv mit lokalgeschichtlichen Entwicklungen auseinander. „Selbstverständlich muss man sich der Probleme von Oral History, also von mündlich übertragener Geschichte, bewusst sein“, erklärt Lang. Denn der Blick in die Vergangenheit reiche meist nur einige Jahrzehnte zurück, sei nicht unbedingt faktentreu und eindeutig subjektiv geprägt. Und doch habe die Methode ihren Reiz: „Es geht nicht allein um historische Fakten, sondern auch darum, wie Menschen diese Zeit erlebt haben, was sie gefühlt und was sie gedacht haben, wo ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen lagen.“ Für die Generation, die im 21. Jahrhundert geboren ist, stammen die Zeitzeugen laut Lang aus einer „archaischen Welt“. „Wenn man dieser nachfolgenden Generation etwas vom Leben ihrer Urgroßeltern vermitteln will, sind Zeitzeugen-Gespräche ein geeigneter Weg.“

„Was geht mich das heute noch an?“, werden sich vielleicht einige dieser Jüngeren fragen. Doch in einer Zeit des erstarkenden Nationalismus müssen wir bewusst über unsere Erinnerungskultur entscheiden“, meinen Michael Kalb und Timian Hopf. „Die Zeitzeugen, die den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg noch persönlich erlebt haben, sterben. Umso wichtiger ist es, dass wir ihnen noch einmal genau zuhören.“ Man solle aus ihren Erfahrungen lernen, ihre Geschichten am Leben erhalten – und sie auch kritisch hinterfragen.

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