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Soziales

08.05.2020

Drehorgel-Mann bringt Lebensfreude zurück

Bertl Balogh spielt auf seinem Leierkasten altbekannte Heimatlieder und Märsche. Christl König sitzt an ihrer Terrassentüre und ist sichtlich gerührt. Seit Wochen hat sie so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Hinter den Bewohnern des AWO-Altenheimes in Gersthofen liegen schwere Wochen. Jetzt sorgt Familie König für eine besondere Muttertagsüberraschung

Seit Wochen darf Klaus König seine Mutter im AWO Seniorenheim in Gersthofen nicht besuchen. Seine Frau Gabriele und er vermissen sie sehr. „Außerhalb von Corona gehen wir jeden zweiten Tag zu ihr ins Heim“, erzählt er. Nun würden sie seine Mutter nur einmal in der Woche für etwa zehn Minuten an der Eingangstüre sehen. „Wir klingeln vorne, und eine Pflegerin bringt meine Mutter dann zur Tür.“ Zum Muttertag wollten die Königs nicht nur der 94-jährigen Christl König eine Freude bereiten, sondern allen Heimbewohnern und überlegten sich eine ganz besondere Überraschung. „Meine Schwiegermutter stirbt nicht am Alter, sondern an Einsamkeit“, ist Gabriele König besorgt. Telefonieren gehe schlecht. Fernsehen könne die ältere Dame aufgrund des Augenlichts auch nicht mehr, und Beschäftigungsangebote wie Spielenachmittage fänden aufgrund der Krise ebenso wenig statt. „Ich verlerne schon das Sprechen“, habe ihr die Seniorin gesagt. Selbst die Terrassentüren mussten verriegelt werden, Fenster dürfen dort nur noch gekippt werden, weil sich manche Besucher nicht an die aktuellen Vorschriften hielten und einfach über die Terrasse zu den Angehörigen in die Heime gestiegen seien. Um die Menschen aufzuheitern, beschlossen die Königs, einen Drehorgelspieler zu organisieren und rannten mit dieser Idee offene Türen ein. Heimleiter Markus Schimpel begrüßte das Angebot, natürlich unter Beachtung sämtlicher Auflagen und Hygieneschutzmaßnahmen, die für die Einrichtung selbst als auch das Gelände beträfen. „Die Leute haben große Bedürfnisse und benötigen den Kontakt. Die Zeitlang nach den Angehörigen ist groß. Musik hellt den Alltag auf und dafür sind bestimmt alle sehr dankbar“, berichtet er in der Hoffnung, dass die schwierigste Zeit nun bald vorüber sei für seine rund 70 Bewohner.

Am Muttertag selbst ist Bertl Balogh vom Augsburger Drehorgel-Studio ausgebucht. Deshalb kam er nun schon ein paar Tage früher zu den Senioren nach Gersthofen. Erika Schmidt, die Alltagsbetreuerin von Christl König, öffnet die Terrassentüre. Die Seniorin sitzt mit Mundschutz auf einem Stuhl. Gabriele König geht freudig auf ihre Schwiegermutter ein Stückchen zu und winkt, und diese, man kann es an den freudestrahlenden Augen erahnen, lächelt durch die Mund-Nasen-Maske zurück. Balogh positioniert sich mit seinem Orchestrion, kurbelt los und es erklingt im Handumdrehen die fröhliche „Tritsch-Tratsch-Polka“ von Johann Strauß. Es öffnen sich links und rechts sowie oben drüber immer mehr Türen und Fenster, und die Bewohner kommen heraus und klatschen mit. Da wird mit dem Kopf hin und her gewackelt zum Takt der Musik, die Füße wippen mit, und immer wieder wird sich gegenseitig zugewunken.

Danach macht Balogh, der früher die Kahnfahrt bewirtschaftete und seit rund 50 Jahren mit seiner Drehorgel durch Europa reist, mit einem bayerischen Potpourri weiter. Ein älterer Herr, der es sich vor seiner Wohnung auf einem Stuhl gemütlich gemacht hat und unter dessen Tisch sein Plüschhund liegt, als wäre es ein echter Hund, lässt einen heiteren Almjodler los. Genau das war es, woran Gabriele König dachte, als sie Balogh beauftragte, zu kommen: „Ein Leierkasten ist etwas, woran alte Leute schöne Erinnerungen haben und auch an diese zeitlosen Heimatlieder.“

Der Drehorgelspieler ist froh, spielen zu dürfen, denn auch ihm sind viele Termine in der Krise weggebrochen. „Jetzt blasen wir einen Marsch“, ruft er und kurbelt munter drauf los, um den „Alten Kameraden Marsch“ aufzuspielen. Es scheint, als ließen diese altbekannten Klänge in den begeisterten Zuhörern schöne Erinnerungen wach werden. Christl König hat Tränen in den Augen und wischt sich mit leicht zittrigen Händen die eine oder andere Träne ab. Dann zieht Balogh weiter zur nächsten Hausseite, denn auch hier warten die Senioren erwartungsvoll auf ihren Balkonen. Erika Schmidt, die mit viel Herz ihre Senioren betreut, tanzt fröhlich zur Musik und animiert so zu Beginn die Heimbewohner, aus sich herauszugehen. Sie weiß wie schwer es die alten Menschen derzeit haben: „Die Leute brauchen viel mehr Zuneigung und man übernimmt im Job nun einen Teil, der sonst die Familie macht. Wir weinen und lachen zusammen mit den Senioren und hören zu.“ Die Arbeit sei derzeit viel intensiver als sonst und so eine Aktion bringe Sonne in den bedrückten Alltag. Gabriele König ist glücklich: „Es tut den Ohren so gut, Musik zu hören, und es ist wundervoll zu sehen, dass die Leute im Heim auch mal etwas anderes denken können.“

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