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Humor

05.01.2019

Ein Heubad und heftige Turbulenzen

Die eifersüchtige und biedere Elisabeth (Heide Ackermann) erwacht durch das Heubad zum neuen Leben. Das erfährt vor allem ihr Ehemann Heinrich (Michael Schwarzmaier), dem sie gehörig die Leviten liest.
Bild: Siegfried P. Rupprecht

Gersthofer Stadthalle wird zum Seniorenheim: Dort geht es beim Stück „Der Greis ist heiß“ impulsiv zu

Seniorenheime strotzen nur so von Klischees, beispielsweise dass die Menschen dort nur rumsitzen, fernsehen und schlafen. Nicht so im Alterssitz Abendrot. Hier hat sich ein rüstiges und höchst eigensinniges Völkchen zusammengefunden, das schon mal fetzigem Rock’n’Roll lauscht. Für das Publikum in der nicht ausverkauften Gersthofer Stadthalle ist dies beste Unterhaltung. Die A.gon-Theaterproduktion hat im Rahmen des Komödienstadels mit dem Stück „Der Greis ist heiß“ ein blau-weißes Schmankerl voller Impulsivität, Dynamik und Überraschungen präsentiert.

Turbulenz bereits zum Start. Der Bischof höchstpersönlich hat sich in der Seniorenresidenz zur Stippvisite angekündigt und stürzt dadurch Schwester Andrea (Bettina Redlich) in helle Aufregung. Schnell gilt es, ihre Schützlinge auf Vordermann zu bringen. Doch das ist nicht so einfach.

Almbauer Wastl (Winfried Hübner) ist einsam und bläst Trübsal. Die ehemalige Schlangentänzerin Silvia (Maria Peschek) kokettiert unverhohlen mit ihrer Reizwäsche und bringt damit die Männerwelt auf Hochtouren. Aber auch andere Bewohner widersetzen sich der „Karawane des Grauens“, also dem Einzug der Rollatoren in den Speisesaal, wie die gut betuchte, aber eifersüchtige Elisabeth (Heide Ackermann). Sie zofft sich lauthals mit ihrem rüstigen Ehemann Heinrich (Michael Schwarzmaier). Der will partout nicht ins Altenheim ziehen, lieber seinen lockeren Lebenswandel genießen und den Singleball im Hofbräuhaus genießen, getreu dem Heimmotto „Die jungen Alten sind die neuen Wilden“.

Und auch mit dem eigenen Personal hat Schwester Andrea einen schweren Stand. Pfleger Norbert (Andreas Bittl) ist hoffnungslos in Elisabeths abweisende Enkelin Gisi (Annabel Faber) verliebt. Die Folge: Die Probleme und amourösen Befindlichkeiten der Altenheimbewohner überfordern Andrea – geplagt von eigenen Ehekomplikationen – immer mehr. Zudem geraten die einzelnen Akteure verstärkt zwischen die Fronten. Statt dem von Schwester Andrea gewünschten trauten Miteinander herrscht bald turbulenter Ausnahmezustand.

Der Komödienstadel entpuppt sich vor dem üppig gestalteten Bühnenbild von Heike Holder-Niedermeier und unter der Regie von Thomas Stammberger als krachige Angelegenheit. Da kommt nichts zwischen den Zeilen heran. „Ich schlafe noch längst nicht getrennt von meinen Zähnen“, meint beispielsweise Heinrich und rollt mit den Augen. Silvia fühlt sich in der „Rushhour des Lebens“ und als muntere „Generation Stützstrumpf“ und Elisabeth will nicht anständig alt werden, sondern unanständig jung bleiben. Und selbst der träge Wastl gewinnt Lebensmut und stellt fest: „Verliert der Bauer seine Haare, kommt er in die Wechseljahre.“

Alles wird direkt angesprochen, Biederkeit, Ausgelassenheit und Leidenschaft – auch wenn es nur in Binsenwahrheiten oder platten Sprüchen zum Ausdruck kommt. So sind durchaus Parallelen zum wirklichen Leben erkennbar: Jeder trägt ein Päckchen mit sich, mal schwerer, mal leichter, und für alles gibt es eine Lösung. Zumindest auf der Bühne und sei es nur durch ein Heubad oder eine nächtliche Pyjamaparty. Gegenüber früher wirkt der Komödienstadel entstaubt und bietet dem Publikum dennoch – oder gerade deswegen – einen turbulenten Spaß. Die Alten werden von der Bühnenautorin Cornelia Willinger zwar auch karikiert. Humorvoll ist es trotzdem.

Dass dieser Theaterabend so glänzend funktioniert, ist nicht zuletzt das Verdienst eines trefflichen Ensembles. Den zuweilen anarchischen Gang der Handlung haben die Darsteller mit viel Charme und Spielfreude umgesetzt. Die Zuschauer spenden am Ende sowohl der gut geölten Inszenierung als auch allen Beteiligten viel Beifall.

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