1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. Er kann die Heimat nicht aufgeben

Vertriebene

05.03.2015

Er kann die Heimat nicht aufgeben

Adolf Bier (links) und Felix Vogt Gruber hadern beide mit dem jüngsten Beschluss ihrer Sudetendeutschen Landsmannschaft.
Bild: Marcus Merk

Adolf Bier aus Meitingen ist sehr enttäuscht von seiner Sudetendeutschen Landsmannschaft, die von ihrem Rechtsanspruch auf die alte Heimat abgerückt ist

Heimat – das ist für die meisten Menschen der Ort, wo sie mit ihrer Familie leben. Doch für viele ist Heimat auch der Ort, wo sie geboren wurden und ihre Wurzeln haben. Adolf Bier aus Meitingen hat seine Wurzeln im Sudetenland, im damaligen Mährisch-Hermersdorf im Kreis Zwittau (heute Tschechien), wo er 1941 auf die Welt kam. Im Juni 1946 musste er diese Heimat verlassen. „Wir wurden ausgewiesen. Meine Mutter, meine Schwester und ich kamen erst in ein Lager und dann mit einem Viehtransport nach Augsburg“, erzählt Adolf Bier.

Fünf Jahre war Adolf Bier damals alt, seine Erinnerungen sind dementsprechend spärlich. Aber den Schmerz seiner Mutter hat der kleine Junge wohl gespürt und kann ihn noch heute nachempfinden. Das ist sicher mit ein Grund dafür, dass Adolf Bier „sehr enttäuscht“ ist von der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL), die sich vor wenigen Tagen politisch völlig neu positioniert hat. Denn bei der Bundesversammlung in München wurde die Satzung geändert. Der Zweck des Vereins, bisher beschrieben als Durchsetzung des „Rechtsanspruchs auf die Heimat“ und deren „Wiedergewinnung“, ist nun ein anderer. Auch von „Restitution oder gleichwertiger Entschädigung“ der Heimatvertriebenen ist nicht mehr die Rede.

„Wir wollten den Punkt von der Tagesordnung absetzen“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Stattdessen fordert die Landsmannschaft jetzt die weltweite Durchsetzung der Grund- und Menschenrechte und des Selbstbestimmungsrechts von Völkern und Volksgruppen. Adolf Bier hat dieser Vorgang in München sichtlich erschüttert. „Jahrzehntelang haben wir den Anspruch auf unsere Heimat aufrechterhalten“, betont er und sagt weiter: „Ich war als Delegierter in München. Wir wollten den Tagesordnungspunkt absetzen und mit den Mitgliedern darüber sprechen.“

Doch es kam anders. 71,8 Prozent der Delegierten stimmten dafür. „An der Basis ist eine Mehrheit von 60 Prozent der Menschen aber gegen diese Änderung“, ist sich Felix Vogt Gruber sicher. Der stellvertretende Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bayern sagt: „Bei mir stehen seit diesem Beschluss alle drei Telefone nicht mehr still.“ Es rumore kräftig an der Basis, Austritte seien zu befürchten. Beim Amtsgericht München seien bereits Einsprüche gegen die Satzungsänderung eingereicht worden mit der Begründung, dass die im Bürgerlichen Gesetzbuch vorgeschriebene Dreiviertelmehrheit für eine Zweckänderung nicht zustande gekommen sei und sie deshalb unrechtmäßig und nichtig sei.

Auch Adolf Bier unterstützt das und will den Anspruch auf seine Heimat nicht einfach aufgeben. Zur Begründung seiner Sichtweise meint er: „Es hört sich für andere vielleicht merkwürdig an, aber ich bin dort geboren, in Hermersdorf steht meine Taufkirche, und viele meiner Vorfahren, die sich bis ins Jahr 1572 zurückverfolgen lassen, sind dort auf dem Friedhof begraben.“

Natürlich sei er auch in Meitingen heimisch geworden, sagt Bier, der als Obmann die 60 Mitglieder starke Sudetendeutsche Landsmannschaft in Herbertshofen leitet. Er hat geheiratet, vier Kinder großgezogen und war zwei Perioden lang im Gemeinderat. Er war Leiter einer Bank-Geschäftsstelle in Herbertshofen, ist Mitglied in 16 Vereinen, und als Musiker, unter anderem in der SGL Kapelle, ist er in Meitingen seit Jahrzehnten eine Institution.

Ein Gefühl, das er nicht in Worte fassen kann

Doch wenn er einmal im Jahr in seine alte Heimat im Sudetenland fährt – als Mitglied der Städtepartnerschaft zwischen Schönhengstgau und Göppingen – befällt ihn ein seltsames Gefühl, das er gar nicht in Worte fassen kann. Wenn er es versucht, stehen den 74-Jährigen die Tränen in den Augen und er erzählt: „Als ich mit meiner Mutter einmal in Hermersdorf war, haben wir sogar Schiefersteine und Erde als Erinnerung mitgenommen. Ich kann das doch nicht einfach aufgeben.“

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20MMA_0984.tif
Kommunalpolitik

Gabelbachergreut: Ende der Brücke naht

ad__pluspaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live, aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Plus+ Paket ansehen