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Meitingen

22.01.2019

Flüchtlingshelfer erzählen, was sie im Alltag erleben

Beim Migrationsstammtisch in Meitingen tauschen sich ehrenamtliche Helfer über ihre Erfahrungen aus.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Bei einem Stammtisch von Flüchtlingshelfern in Meitingen tauschen sich Ehrenamtliche ihre Erfahrungen und Probleme aus. Darüber sprechen sie.

Die lange Tafel im Gemeindesaal der Johanneskirche in Meitingen ist voll besetzt. Etwa zwanzig Personen sind zum Migrationsstammtisch gekommen. Für die Teilnehmer geht es nicht darum, zusammenzusitzen und ein Bierchen zu trinken. Es ist ein strukturierter Informationsaustausch von Migrations- und Asylhelfern, die über ihre Erfolge, Erfahrungen und Probleme sprechen möchten. Die Helfer wollen ganz offen miteinander austauschen, aber ihre Namen nicht in der Zeitung lesen.

Die Männer und Frauen sind sich einig: Ihr Ehrenamt bereitet ihnen viel Freude, es tut ihnen gut, sich für andere einzusetzen. Doch es gibt auch Probleme. Darüber sprechen die Helfer:

Lesepaten Seit einigen Jahren besuchen in Meitingen Erwachsene die Grundschule und helfen Migrations- und Flüchtlingskindern beim Lesenlernen. 13 Personen sind es mittlerweile. Doch eine Helferin stellt fest: „Die Kinder sind am Anfang verunsichert, haben kaum Selbstbewusstsein. Aber wenn die Paten sie immer wieder bestärken und ihnen zureden, dann macht das Lesen den Kinder viel Spaß und sie werden richtig motiviert.“

Ein Pate ergänzt: „Viele Buben und Mädchen können zwar die Buchstaben und Silben aneinanderreihen. Aber inhaltlich können sie nicht verstehen, was sie lesen.“ Doch darin sieht eine andere Helferin wiederum eine Chance: „Das ist für mich Integration: Begriffe erläutern und dabei integrativ die deutsche Kultur erklären.“

Räumlichkeiten Gerne würden die Ehrenamtlichen auch nachmittags üben oder bei den Hausaufgaben helfen, doch es fehlen dafür die Räume. Ein Mann beklagt: „Die Grundschule ist ab 13 Uhr zu. Zu den Kindern nach Hause wollen viele Helfer nicht. Und das Kind zu sich nach Hause holen, würde ein ungutes Bild vermitteln.“ Ein Helfer erzählt: Es gebe kaum öffentliche Orte, an denen zu Beispiel ein 70-Jähriger mit einem achtjährigen Mädchen alleine Hausaufgaben machen könnte, ohne dass er sich in eine schwierige Lage begebe. Das sei ein sensibles Thema.

Integrationsklassen Ein weiteres Problem: In der Grundschule besuchen viele Kinder den Regelunterricht, obwohl sie erst seit Kurzem in Deutschland sind und eine gezielte Förderung benötigen. Deshalb hakte eine Helferin nach: „Warum haben sie kein Anrecht, eine Integrationsklasse zu besuchen?“ Die Antwort lautete: Das Schulamt müsse jedes Jahr die Integrationsklassen genehmigen. Das hänge von der Zahl der Schüler ohne Deutschkenntnisse ab. „Viele Kinder können bereits ein bisschen Deutsch und sind sozusagen zu gut, sodass die Mindestanzahl nicht zusammenkommt.“

Kulturelle Unterschiede Manchmal gibt es auch Problemen mit den Eltern, da sie anfangs mit der deutschen Kultur noch nicht vertraut sind. Ein Beispiel: Wenn die Kinder tagsüber in Schule und Hort gehen, beklagen manche Mütter, dass sie ihre Kinder kaum mehr sehen.

Eine Helferin erzählt: „Ich wollte als Schwimmlehrerin eine Gruppe Männer unterrichten. Doch sie haben sich geweigert, weil ich eine Frau bin.“

Bleibestatus In den Unterkünften leben viele Menschen, die einen Abschiebebescheid haben: „Sie dürfen nicht arbeiten, keine Deutschkurse besuchen. Sie sind festgenagelt, ihre Hoffnungslosigkeit wächst.“ Die Motivation der Menschen sinkt, gleichzeitig nimmt die Angst zu.

Frustration Diese Situation belastet auch die Helfer emotional. Eine Frau erzählt: „Ich könnte einer Familie richtig viel helfen. Sie haben alles gegeben, die Kinder sprechen super Deutsch, sie sind fleißige und ehrliche Leute. Aber sie dürfen nicht bleiben.“ Für die Helferin ist die Situation zum Verzweifeln. „Ich könnte wirklich heulen. Es ist so traurig, das Leid der Familie zu sehen und nichts tun zu können. Aber ich gebe alles, was geht.“

Grenzen Vielen der anderen Helfer geht dieses Engagement nach Jahren des Engagements zu weit. Eine der Frauen erzählt: „Ich bin immer mit vollen Herzen dabei. Aber irgendwann musste ich runterkommen.“ Es sei wichtig, Grenzen zu ziehen zwischen dem Ehrenamt und dem Privatleben. Das sehen viele Helfer ähnlich: „Das was Sie da machen, ist schlecht für Sie. Grenzen gehören für beide Seiten dazu, sonst wird man vernichtet. Wir müssen einsehen, dass wir nicht die Welt retten können.“ Als Helfer müsse man lernen, emotional einen Abstand einzuhalten, um nicht kaputt gehen. „Sonst geht uns irgendwann die Kraft aus und dann können wir gar nichts mehr tun.“

Lesen Sie hier, wie der Migrationsstammtisch entstanden ist

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