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Meitingen

01.01.2017

Hier sind Trauernde nicht allein

Anita Graf, Anna Walter-Richters und Gerlinde Tengler (von links) sind ausgebildete Trauerbegleiterinnen. Sie reichen den Teilnehmerinnen der Trauergruppe auf ganz vielfältige Art und Weise die Hand und begleiten sie in ihrer Trauer.
Bild: Foto: Steffi Brand

Die Hospizgruppe Meitingen und Umgebung hat zum zweiten Mal eine Trauergruppe ins Leben gerufen. Wie sich Betroffene dabei gegenseitig helfen können

An den Tagen um Weihnachten und Silvester ist sie besonders zu spüren – die Trauer. Dieses Gefühl hat viele Gründe und viele Gesichter. Einige davon sind seit einigen Wochen regelmäßig Thema in den Gruppenräumen des Meitinger Seniorenbüros, denn eben dort trifft sich die Trauergruppe, die sich bereits zum zweiten Mal formiert hat. Und auch wenn die Teilnehmerinnen alle um einen geliebten Menschen trauern, so ist doch kein Gruppentreffen gleich – weder die Gespräche noch die Menschen, die sich hier zusammenfinden, um im geschützten Raum der Trauergruppe Hilfe zu finden. „Ich hatte richtig Bammel, als ich zum ersten Mal in die Gruppe gegangen bin“, gibt ein Mitglied der Trauergruppe der ersten Stunde zu. Damals, nach dem Verlust eines geliebten Menschen, hätte sie nie gedacht, dass sie sich in einer Gruppe wie dieser derart wohlfühlen könnte. „Doch ich habe es versucht und es hat richtig gut getan“, erklärt sie rückblickend.

Denselben Tipp – es einfach zu versuchen – gab sie kurz darauf ihrer neuen Nachbarin, die nicht nur ihren Mann verloren hatte, sondern auch ihre Heimat verlassen musste. Sie plagten vor ihrem ersten Besuch der Trauergruppe ganz andere Sorgen. „Ich gehöre keiner Konfession an“, verrät sie und ergänzt: „Ich hatte wirklich Bedenken, dass es mir zu religiös wird.“ Aber auch diese Sorge war unbegründet, denn die Trauergruppe ist ein konfessionsübergreifendes Angebot der Hospizgruppe. „Ich ziehe den Kurs durch“, erklärt die Frau heute zuversichtlich und berichtet davon, wie sie eine ihr gestellte Hausaufgabe umsetzte. Einen Brief zu schreiben, lautete die Aufgabe. Sie schrieb an eine Freundin aus der alten Heimat und lernte so, ihre Gefühle in Worte zu fassen. „Das Echo hat richtig gutgetan“, erinnert sie sich.

Die Aufgabe, den Brief zu schreiben, hat die Frau von Gerlinde Tengler, Anna Walter-Richters und Anita Graf bekommen. Sie moderieren als ausgebildete Trauerbegleiterinnen die Gruppe und vermitteln Möglichkeiten, mit den unterschiedlichsten Gefühlen umzugehen. Dabei setzen sie sich gemeinsam mit den Themen Schuld, verdrängte Trauer und der häufig damit verbundenen Einsamkeit der Trauernden auseinander. Auch kann so gemeinsam erarbeitet werden, wie das Mobile des Lebens mit all seinen Abhängigkeiten ins Wanken gerät und neu austariert werden muss. Die Angebote reichen vom Schreiben eines Briefes bis hin zum Filzen eines Steines.

Hier sind Trauernde nicht allein

Eben diesen Stein nimmt die Frau, die Teilnehmerin der ersten Trauergruppe war, noch heute zur Hand, verrät sie. Sie hat gelernt, den Schmerz zu erkennen, zu akzeptieren und den Verlust ins Leben zu integrieren. Und das sind nur einige Themen, die die Moderatoren der Trauergruppe auf ihrer Themenliste haben. Was wie behandelt wird, ist abhängig von den Teilnehmern, bei denen es sich bis dato ausnahmslos um Frauen zwischen 40 und 80 Jahren gehandelt hat. Einige berichten von einer Gemeinsamkeit, die sie regelmäßig in die Trauergruppe zieht: Sie wissen, der Austausch untereinander und das Gefühl, dass andere auch den Verlust eines Menschen verkraften müssen, hilft. Und dabei geht es ihnen aus mehreren Gründen um Gespräche mit Fremden. „Die Familien der Trauernden trauern ja meist selbst“, erklärt Anita Graf. Eine Teilnehmerin ergänzt: „Zudem haben unsere Familien auch mit eigenen Problemen zu kämpfen.“ So hilft die Trauergruppe dabei, sich nicht ausschließlich in der eigenen Familie mit der Trauer zu beschäftigen.

Angeboten werden dabei ganz unterschiedliche Möglichkeiten, um mit der Trauer umzugehen. Doch immer gelten im geschützten Raum der Trauergruppe diese Regeln: Es werden keine Ratschläge gegeben. Es wird nicht gewertet. Niemand muss die gestellten Aufgaben erledigen. Niemand muss sich äußern. Einige ergreifen von sich aus das Wort. „Andere warten darauf, angesprochen zu werden“, berichtet Gerlinde Tengler von der Vielfältigkeit der Teilnehmerinnen.

Und um mit einem weit verbreiteten Vorurteil direkt aufzuräumen, erklärt Anna Walter-Richters in ganz bewusst überspitzer Wortwahl: „Natürlich haben zu Beginn der Gruppe die Taschentücher fast nicht gereicht, aber die Gruppe hilft auch dabei, voranzukommen.“ Und so helfen nicht nur die drei Trauerbegleiterinnen dabei, den Weg zu zeigen, sondern die Teilnehmerinnen helfen sich auch untereinander. Der Austausch und das Gefühl, nicht allein zu sein, stehen dabei ebenso im Fokus wie der Kontakt untereinander.

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