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Landkreis Augsburg

05.07.2019

IHK stemmt sich gegen einen „Akademisierungswahn“

Auch für Erhardt und Leimer in Leitershofen ist der Fachkräftemangel ein Problem.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die Industriefirmen im Augsburger Land suchen weiter händeringend Fachkräfte. Wie die Unternehmer um Auszubildende werben wollen

Werbung in eigener Sache haben sich die Verantwortlichen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Augsburg-Land auf die Fahne geschrieben. Junge Leute sollen für eine Ausbildung begeistert werden. IHK-Vizepräsident Michael Proeller von der Stadtberger Firma Erhardt + Leimer ärgert sich über den „Akademisierungswahn in der Gesellschaft“. Zu viele Schulabgänger gingen zur Uni und würden oftmals noch dazu ein Fach studieren, das nicht auf eine Arbeit in einem auf Produktion spezialisierten Betrieb vorbereite.

Den Mangel an Fachkräften zu beheben sei die große Herausforderung der nächsten Jahre, bestätigt der Vorsitzende der IHK-Regionalversammlung, Reinhold Braun von der Firma Sortimo in Zusmarshausen. Er ist überzeugt, dass die Unternehmen neue Wege bei der Gewinnung von Arbeitskräften gehen müssen. In Zusmarshausen habe sich zum Beispiel die Schulpartnerschaft bewährt, um Nachwuchs für den Betrieb zu bekommen, der bereits am Ort sei. Die IHK will auch Eltern verstärkt über die Ausbildungsmöglichkeiten informieren. Insgesamt gehe es darum, den jungen Menschen mehr Orientierung zu geben, so Braun. „Lehre heißt Karriere“, auf diesen Slogan setzt Proeller. Eine Ausbildung werde heutzutage gut bezahlt und „ist viel mehr als die Arbeit mit Schmieröl“.

Nach Überzeugung von Braun muss zusätzlich auf die Aus- und Weiterbildung gesetzt werden, gerade im Hinblick auf die Digitalisierung. Proeller spricht sich dafür aus, „verborgene Potenziale“ nicht zu vergessen. So werde es immer wichtiger werden, Teilzeitarbeit zu fördern oder ausgebildete Flüchtlinge im Betrieb halten zu dürfen. „Kein Talent darf uns verloren gehen“, bringt es der IHK-Regionalgeschäftsführer Jens Walter auf den Punkt. Die Betriebe seien nur zukunftsfähig „mit guten Leuten und nicht mit Robotern“.

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Das Thema Fachkräftemangel ist der Schlüssel des Programms, das die IHK-Regionalversammlung für die nächsten fünf Jahre erarbeitet hat. Doch es sind noch weitere Themen, die die Verantwortlichen umtreiben.

Internationales Geschäft Nur noch den Kopf schütteln können die Firmenchefs über die Bürokratie, die bei Auslandsgeschäften verlangt wird. So müsse vor einer Reise eines Technikers oder Verkäufers nach Paris zwei Wochen vorher ein Formular ausgefüllt werden. In der Bescheinigung muss erklärt werden, dass der Mitarbeiter sozialversichert ist. Proeller: „Wir führen inzwischen leichter ein Verkaufsgespräch in China oder den USA als in Frankreich oder Österreich.“ Insgesamt habe sich das internationale Geschäft sehr verändert, so Proeller. China habe einen „riesigen Technologiesprung“ gemacht. „Die müssen nichts mehr importieren.“ Auch Amerika erlebe seit zehn Jahren eine „Re-Industrialisierung“ mit hohem digitalen Niveau. Proeller: „Da können wir uns warm anziehen.“ Diese Entwicklungen treffe gerade die produzierenden Unternehmen „sehr, sehr schwer“. Die IHK sieht ihre vordringliche Rolle in der Information ihrer Mitglieder, meist mittelständische Unternehmen mit durchschnittlich 35 Mitarbeitern. Bei Veranstaltungen zum Thema Brexit „sei die Bude voll“, berichtet Geschäftsführer Walter.

Digitalisierung Mehr Effizienz durch moderne Technik werde häufig durch Vorschriften verbaut, so die IHK. Als Beispiele nennen die Unternehmer die Datenschutzgrundverordnung oder die Aufbewahrungspflicht von Papieren. Braun: „Wir haben Archive mit Unterlagen, das passt nicht mehr in die heutige Zeit.“ Proeller fordert einen Bürokratie-Abbau: „Sonst nutzen die ganzen Investitionen nichts.“

Energie Sorgen machen sich die Firmenchefs um die Stabilität des Stromnetzes, ein wichtiger Faktor für die Produktion. Braun: „Spannungsschwankungen sind das Schlimmste für uns.“ Nach Ansicht von Proeller gibt es „keinen Plan“, wie der Strom von Gundremmingen nach dem Abschalten des Werkes kompensiert werde. „Hier wurden Pfähle gesetzt, ohne sich rechtzeitig um Alternativen zu kümmern.“ Viele Firmen würden inzwischen überlegen, eigene Kraftwerke zu bauen.

Abschwung? Für die Branche Maschinenbau wurde in diesen Tagen eine Flaute prognostiziert. Trifft das auch die Region? „Ich gehe nicht von einem harten Abschwung aus“, sagt Proeller. Die „Boomphase“ der letzten zehn Jahre sei zwar vorbei, aber der Firmenchef ist trotzdem zuversichtlich. Er rechnet mit einer „Stabilisierung auf hohem Niveau“.

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