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Landkreis Augsburg

15.11.2018

Immer nur Kinder, Küche, Kirche?

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Sechs Jahre lang war Claudia Schuster aus Gessertshausen als Bürgermeisterin hauptamtliche Politikerin, ihre Kinder waren damals alle noch im Schulalter.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts sind Frauen im Augsburger Land immer noch unterrepräsentiert. Ein Erklärungsversuch heimischer Politikerinnen.

Sich ruhig einmal im positiven Sinn aufdrängen, ein eigenes Netzwerk ausbilden und, vor allem, sich Zeit nehmen, den Menschen zuzuhören. So ist Annemarie Probst aus Meitingen in wenigen Jahren zu einer erfolgreichen Kommunalpolitikerin im Landkreis Augsburg und inzwischen auch im Bezirk Schwaben geworden. Die Vertreterin der Grünen ist im Gemeinderat von Meitingen vertreten, im Kreistag und inzwischen auch im Bezirkstag.

Im Kreistag ist sie damit eine von 17 gewählten Frauen – bei insgesamt 71 Kreisräten (einschließlich Landrat). Sind das zu wenige? „Wir sind 50 Prozent Frauen in der Gesellschaft, da sind wir in der Politik weit davon entfernt“, sagt dazu Claudia Schuster. Sie ist Kreisrätin der Freien Wähler. In der Fraktion gibt es nur zwei Frauen bei insgesamt elf Kreisräten.

Seit knapp 30 Jahren in der Politik aktiv

Zwar ist die Kreisvorsitzende der größten Partei im Kreis eine Frau, dennoch sehen auch Politikerinnen selbst Nachholbedarf. „Wir könnten als Frauen schon einmal mehr sein“, sagt die stellvertretende Landrätin Anni Fries (CSU). Sie selbst ist seit knapp 30 Jahren in der Politik aktiv, zunächst im Gemeinderat von Biberbach, längst auch im Kreistag. Ihr sei damals wichtig gewesen, Themen wie Hauswirtschaft, Ernährung und Landwirtschaft politisch zu vertreten. Im Kreistag sei es das Miteinander von Frauen und Männern, das zu einem guten Ergebnis führen könne. „Frauen haben oft ganz andere Ansichten. Das ergänzt sich dann“, sagt sie. Trotzdem: Eine Frauenquote findet sie „absurd“. Frauen müssten sich schon interessieren, dann könnten sie auch politisch Fuß fassen.

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Politisches Interesse, das ist der zweiten stellvertretenden Landrätin Sabine Grünwald (SPD) aus Schwabmünchen schon von Haus aus mitgegeben worden, ihr Vater war in der Kommunalpolitik aktiv. Sie sagt: „Frauen sind in der Politik nicht ausreichend repräsentiert. Kinder, Küche, Kirche, das ist das ewige Konzept seit hundert Jahren.“ Das gelte trotz Quote teilweise auch für ihre Partei: „Auch bei uns kommen zu wenig junge Frauen durch.“ Bei denen brauche es zudem oft auch ein wenig Überredung, sich ein Amt zuzutrauen. „Männer sagen einfach: Ich kann das. Frauen fragen sich viel zu oft: Kann ich das?“, hat Sabine Grünwald erlebt.

Ohne Unterstützung des Partners geht es nicht

Sechs Jahre lang war Claudia Schuster aus Gessertshausen als Bürgermeisterin hauptamtliche Politikerin, ihre Kinder waren damals alle noch im Schulalter. Sie wird deutlich und sagt: Politische Strukturen machen es für Frauen schwierig, sich aktiv zu engagieren, in von Männern dominierte Netzwerke könnten sie schlecht eindringen. Zwar müsse jede berufstätige Frau ihre Zeit irgendwie zwischen Arbeit und Familie aufteilen. Doch in der Politik werde zudem eine gewisse Repräsentationsarbeit gefordert, zumeist am Abend oder am Wochenende – genau dann, wenn auch die Familie Zeit einfordert. Ohne einen Partner, der einen dabei unterstützt, geht es nicht, sagt Claudia Schuster. Früher habe sie Instrumente wie Frauenquote blöd gefunden, heute sagt sie jedoch: „Von selbst funktioniert das nicht.“

Mit 59 Jahren das Leben noch einmal neu geordnet

Solche Dinge liegen halt auch an der Partei, findet Annemarie Probst. Bei den Grünen, wo sie seit 2011 Mitglied ist, habe sie sich vom ersten Tag an wahrgenommen gefühlt. Ihre Arbeit als Ortsvorsitzende des Sozialverbands VdK, ihr Engagement bei den Banater Schwaben und jetzt ihr Ehrenamt als Bezirksrätin, daneben die Sorge um die behinderte Tochter: Annemarie Probst hat mit 59 Jahren ihr Leben noch einmal neu geordnet und ihre selbstständige Berufstätigkeit als Diätassistentin zugunsten der Politik und ihrer Ehrenämter aufgegeben. „Soziale Themen sind mir einfach wichtig“, erklärt sie.

Das funktioniere auch, weil ihr Mann hinter ihr stehe. Die Herausforderungen des Alltags hätten sie immer schon gemeinsam gemeistert, auch damals, als sie sich entschieden hätten, Probsts alten Vater zu Hause zu pflegen. Kompromisse schließen – das gelte im Leben genauso wie in der Politik. Was sie Frauen wünscht: mehr Selbstbewusstsein. 

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