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Königsbrunn

03.11.2019

Kinder in Not finden in Königsbrunn wieder einen familiären Rahmen

Paul* wohnt im Heilpädagogischen Wohnheim für Kinder in Königsbrunn. Er spielt mit Praktikantin Nina Walter Karten.
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Paul* wohnt im Heilpädagogischen Wohnheim für Kinder in Königsbrunn. Er spielt mit Praktikantin Nina Walter Karten.
Foto: Marcus Merk

Plus Im Heilpädagogischen Wohnheim in Königsbrunn wohnen Kinder und Jugendliche, die persönliche Schicksalsschläge zu verkraften haben. Es gibt drei Gruppen mit jeweils einem eigenen Wohn- und Lebensbereich.

Die Kinderzeichnungen an den Wänden des Ganges sind mal flüchtige Skizzen, dann wieder filigran verarbeitete Erfahrungen. Sie enthalten Gesehenes, Symbole und Botschaften. Ein paar Meter weiter fällt ein Plakat auf: Hier sind Termine wie Spüldienst, Einkaufen, Müllentsorgung oder Staubsaugen bestimmten Tagen zugeordnet. Gegenüber hängt ein Dienstplan mit Fotos. Spätestens jetzt wird deutlich, dass es sich nicht um das Haus einer herkömmlichen Familie handelt. Wir sind zu Besuch im Heilpädagogischen Wohnheim am Königsbrunner Ulrichsplatz.

Bei den Eltern aufzuwachsen ist für die meisten Kinder und Jugendlichen eine normale Sache. Doch was, wenn sie Schicksalsschläge wie Tod eines nahen Angehörigen, Gewalt oder Notlagen verkraften müssen? Oder wenn eine liebevolle Atmosphäre zwischen Eltern und Kind nicht möglich ist?

Träger ist das Dominikus-Ringeisen-Werk

Für diese jungen Menschen gibt es Einrichtungen wie das Heilpädagogische Wohnheim. Träger ist das Dominikus-Ringeisen-Werk. „Hier finden sie den stabilen sozialen Rahmen, der ihnen in der Familie nicht mehr geboten wird“, erklärt Heimleiter Andreas Rehwinkel. Von Schicksalsschlägen werden die Bewohner nur zum kleinen Teil geprägt. „Vorwiegend kommen die jungen Leute mit geistigen und seelischen Behinderungen sowie körperlichen Handicaps oder Autismus-Spektrums-Störungen zu uns“, ergänzt Rehwinkel.

Das Heim, das September 2015 fertiggestellt wurde und kurze Wege zu den ortsansässigen Schulen aufweist, bietet 18 Plätze, aufgegliedert in drei Wohngruppen. Diese tragen die Namen der Erzengel Raphael, Gabriel und Michael. Die ganzjährig geöffnete Einrichtung punktet unter anderem mit Barrierefreiheit, Aufzug, Pflegebad und einer im Haus angesiedelten Nachtbereitschaft.

Drei Gruppen mit eigenen Bereichen

Dabei hat jede der drei Gruppen einen eigenen Wohn- und Lebensbereich. Das kommt bei den Bewohnern gut an, ebenso wie die Einzelzimmer. Die Grundausstattung aus Bett, Schrank, Nachtkästchen und einem kleinen Regal mit Leuchte ist zwar eher etwas spartanisch. „Alles andere kann von den Eltern mitgebracht werden“, so der Heimleiter. Der Blick in die hellen und geräumigen Zimmer ist allerdings alles andere als eintönig. Dafür haben die Bewohner mit viel Kreativität gesorgt. Sie haben die Wände individuell mit Postern, Fotos und Zeichnungen geschmückt. Comicfiguren wie Spiderman sind ebenso zu sehen wie kuschelige Plüschtiere.

Ein Raum fällt gegenüber den anderen jedoch auf. Er ist nur karg eingerichtet. Er sei bewusst spärlich ausgestattet, erklärt Rehwinkel. Der Bewohner habe Schwierigkeiten, mit Reizen umzugehen. Auch ein anderes Domizil sticht hervor. Der dortige Bewohner versucht alles Hervorstehende abzumontieren, egal ob Schalter oder Steckdosen. Dementsprechend sind alle Gegenstände versenkt und selbst die Wände mit Spanplatten verkleidet.

Mit Mika* gibt es diese Probleme nicht. Er liebt es, kleine Steckteile geduldig nach Formen und Farben zu sortieren. Paul ist mit neun Jahren der jüngste Heimbewohner, er hat Praktikantin Nina Walter gebeten, mit ihm Karten zu spielen und ist nun eifrig bei der Sache.

Ansprechend sind auch die Wohnzimmer einer jeden Gruppe. Eines weist neben einem gemütlichen Sofa zum Lümmeln auch Billardtisch, Kicker, Fernsehgerät und Dartscheibe auf. Dennoch gilt es, Regeln zu befolgen: Alle Vorhaben sind mit den Betreuern abzusprechen.

Als Hingucker präsentiert sich der Spielplatz. Wo früher im Garten des ehemaligen Pfarrhauses, das direkt an das Heim angrenzt, nur eine leere Rasenfläche war, ist jetzt ein Klettergarten mit Turm, Rutsche, Trampolin und Nestschaukel installiert. Hier toben sich die Kinder und Jugendlichen aus, haben Spaß, können ihre motorischen Fähigkeiten erproben und das Miteinander im gemeinsamen Spiel üben. „Wir versuchen es den jungen Bewohnern hier so schön wie möglich zu machen“, verdeutlicht Rehwinkel. „Eine glückliche Familie können wir nicht ersetzen, zumindest aber eine Familienergänzung bieten.“ Das sei Teil der professionellen Arbeit seines Teams.

Der Heimleiter denkt einen Augenblick nach. „Unsere Einrichtung steht für Zuwendung, Wärme und Geborgenheit“, ergänzt er. Wichtig sei, auf die emotionalen Bedürfnisse der Bewohner einzugehen. „Also auch mal in den Arm nehmen, trösten oder bestimmte Rituale beim Zubettgehen.“

Eltern stoßen an Grenzen

Andreas Rehwinkel beantwortet auch die Frage, wie die jungen Leute ins Wohnheim kommen: „In erster Linie wenden sich die Eltern direkt an uns.“ Gründe dafür seien, dass Eltern an eigene Grenzen stoßen oder ihre Situation ohne Hilfe nicht mehr meistern können. „Das tritt erfahrungsgemäß bei Menschen mit Behinderung beim Eintritt in die Schule ein.“ Darüber hinaus kämen Kinder und Jugendliche von anderen Heimen, die für ihre Schützlinge eine spezielle pädagogische Hilfe suchen. Zudem veranlassen Jugendämter und der Bezirk Schwaben die Aufnahme.

Schon seit drei Jahren lebt Lisa im Heilpädagogischen Wohnheim. Die 13-Jährige ist geistig behindert, kommunikativ, hat dunkle Haare und große, neugierige Augen. Die Betreuung hier sei sehr gut, meint sie. Warum sie hier ist? Ihr Blick wird unsicher. „Da war mal was vor einigen Jahren“, weicht sie aus. Als sie nach ihrem Berufsziel angesprochen wird, kommt das Selbstbewusstsein wieder zurück: „Kindergärtnerin oder Verkäuferin.“

Lisa wurde Opfer von Gewalt

Der Heimleiter informiert später, dass Lisa körperliche und seelische Verletzungen erlitten habe und noch immer traumatisiert sei. „Menschen mit geistiger Behinderung sind erfahrungsgemäß vermehrt Opfer von Gewalt“, resümiert er und schüttelt bedauernd den Kopf.

Elias kommt gerade vom Zeitung austragen zurück. „Das ist cool und ich verdiene damit etwas Geld“, meint er. Er ist seit einem Jahr hier, war davor aber bereits acht Jahre in einem Heim in Augsburg, Nein, Sehnsucht nach seinen Eltern habe er nicht, sagt der 14-Jährige und erläutert auch warum: „Meine Mutter ist schwer krank und kann sich um mich nicht kümmern.“ Den letzten Kontakt mit ihr habe er vor zehn Jahren gehabt. Den Vater kenne er nicht.

Im Schnitt bleibt ein Kind zehn Jahre lang

Derzeit besucht er die achte Klasse. Nach der Schule will er Busfahrer werden. Wenn er erwachsen sei, schwebe ihm eine eigene Familie mit Kindern vor. Durchschnittlich zehn Jahre leben die Bewohner am Ulrichsplatz. Die Sehnsucht nach einer intakten Familie sei insbesondere bei jenen ausgeprägt, die keine Eltern haben, die sich um sie kümmern, weiß Rehwinkel. Sein Ziel und das der Betreuer sei den jungen Menschen Selbstständigkeit in der Lebenspraxis zu vermitteln und Pläne für die Zukunft zu erarbeiten.

Begleitet werden die Bewohner vom Aufnahmeprozess über die Schulzeit bis hin zur anstehenden Lehre. Letzter Akt sei schließlich die Gestaltung des Abschieds vom Heim, um sich in der Erwachsenenwelt zu behaupten. „Wir hoffen, dass sie uns in guter Erinnerung haben“, wünscht sich Rehwinkel.

*Die Namen der Kinder und Jugendlichen wurden von der Redaktion geändert.


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