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Altenheim

02.07.2013

Krätze-Prozess: Geldstrafen für Bobinger Heimleitung

Das Kursana-Altenheim in Bobingen.
Bild: Pitt Schurian

Das Amtsgericht Augsburg hat den Leiter und die Pflegedienstleitung eines Bobinger Altenheims wegen mehrfacher Körperverletzung verurteilt.

Die Pflege alter, schwerkranker Menschen ist schwierig. Kein Seniorenheim ist perfekt. Aber hin und wieder passieren Fehler, die Gesundheitsbehörden und Justiz zum Eingreifen zwingen. So wie im Fall des Kursana-Altenheims in Bobingen. Im Krätze in Bobinger Altenheim war durch eine Anzeige von zwei Mitarbeiterinnen publik geworden, dass dort 20 Menschen – Heimbewohner, Mitarbeiter und deren Angehörige – schon längere Zeit an Krätze („Scabies“) litten, einer stark juckenden Infektionskrankheit.

Richter: Körperverletzung vorsätzlich in Kauf genommen

Am Montag hat das Amtsgericht den früheren Heimleiter und die Pflegedienstleitung wegen mehrfacher Körperverletzung verurteilt. Es verhängte Geldstrafen, die mit 1800 beziehungsweise 4050 Euro auffallend niedrig ausgefallen sind. Doch anders als die Staatsanwaltschaft sah das Gericht nur bei der Leiterin des Pflegedienstes vorsätzliches Handeln. „Sie haben eine Körperverletzung der Bewohner in Kauf genommen“, warf ihr Richter Thomas Müller-Froelich vor.

Bereits ab August 2011 hatte eine dazu gerufene Hautärztin bei drei Heimbewohnern eine Salbe verschrieben, die nur bei Scabies angewandt wird. Die Medizinerin versäumte es allerdings, die Heimleitung eigens von ihrer Beobachtung zu informieren. So unterblieben aufwendige Desinfektionsmaßnahmen, die viel Personal erfordern.

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Sachverständiger: Pflegedokumentation lückenhaft

Dies machte Helmut Hübsch, der als Zeuge geladene Leiter des staatlichen Gesundheitsamtes, deutlich. So muss jeder, der von diesen Milben befallen wird, die sich in die Haut eingraben, wo sie Eier legen, täglich am ganzen Körper gewaschen und eingecremt werden. Zusätzlich müssen über Wochen hinweg Kleidung und Bettwäsche täglich gewechselt werden.

In der Pflegedokumentation, von Sachverständigen als lückenhaft kritisiert, ist immerhin bei den drei Patienten festgehalten, dass sie mit dieser Scabies-Creme behandelt wurden. An die 42-jährige Angeklagte, eine gelernte Krankenschwester, gewandt, sagte Richter Müller-Froelich: „Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie das nicht gesehen haben.“ Im Falle des Heimleiters, der zwischenzeitlich eine andere Einrichtung in der Region leitet, erkannte das Gericht auf bloße Fahrlässigkeit. Ob der Heimleiter vor dem Dezember von der Infektionskrankheit in seinem Haus gewusst habe, lasse sich nicht mit Sicherheit feststellen. Ab diesem Zeitpunkt hätte der 50 Jahre alte Angeklagte jedoch Alarm schlagen müssen. Als Heimleiter habe er für die dort lebenden Senioren eine Fürsorgepflicht. Das Gericht erkannte bei ihm ein Organisationsversagen.

Nach der Krätze auch Noro-Virus im Altenheim

In dem sechstägigen Prozess wurde deutlich, wie schwer sich die Justiz tut, Missstände in Altenheimen beweiskräftig nachzuweisen. So rüffelte der Richter die Staatsanwaltschaft wegen einer „nicht sehr differenzierten Anklage“. Staatsanwältin Regina Grandl hatte in ihrem Plädoyer wesentlich höhere Geldstrafen gefordert, die für beide Angeklagten bedeutet hätten, dass sie im Führungszeugnis als vorbestraft gelten.

Zuschauer, die in größerer Zahl die Verhandlung verfolgten, äußerten sich verwundert, dass im Prozess von einer anderen Infektionskrankheit nicht die Rede war. Im Februar 2012, genau einen Monat nach der Strafanzeige wegen Scabies, litten mehrere Heimbewohner an Brechdurchfall wegen eines Nach der Krätze kam das Noro-Virus. Von der an und für sich meldepflichtigen Erkrankung erfuhr die Gesundheitsbehörde erst durch den Angehörigen einer Heimbewohnerin.

Kursana-Konzern betreibt deutschlandweit über 100 Altenheime

Die Geschäftsführung des Kursana-Konzerns, der im Bundesgebiet über 100 Altenheime betreibt, hatte zum Prozess zwei ihrer Berliner Anwälte entsandt, die beide für ihre Mandanten Freisprüche beantragten. Lediglich bei einer einzigen Patientin, so ihre Argumentation, sei Scabies zweifelsfrei im Labor nachgewiesen worden. Rechtsanwalt Carsten Gundel-Arndt bezichtigte die beiden Pflegerinnen, die durch ihre Anzeige den Fall ins Rollen gebracht hatten, der Falschaussage. Auch das Gericht stimmte mit dem Anwalt darin überein, dass einige der Ärzte, die Heimbewohner betreuten, „unglücklich agiert haben“.

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