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Neusäß

19.01.2021

Neusäß: Flüchtlinge protestieren gegen wiederholte Corona-Quarantäne

Flüchtlinge in Neusäß demonstrieren gegen wiederholte Quarantäne.
Foto: Marcus Merk

Plus Viermal mussten alle Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in Neusäß in Quarantäne. Jetzt protestieren sie gegen die aus ihrer Sicht "unmenschlichen" Maßnahmen.

Mahdi Mahdavi und seine Mitstreiter stehen seit Stunden vor ihrer Flüchtlingsunterkunft in der Siemensstraße und halten Schilder hoch. "Wir sind keine Häftlinge, sondern Flüchtlinge", steht auf einem Pappschild. "Es ist unmenschlich", steht auf einem anderen. "Wir sind vielleicht Ausländer, aber auch Menschen und wollen so behandelt werden", fordert der Iraner im Gespräch mit unserer Redaktion. Er vergleicht die Situation in Neusäß mit einer Gefängnisstrafe. Dabei wurden die Regeln schon ein wenig gelockert.

Flüchtlingsheim in Neusäß: 69 Tage Quarantäne in drei Monaten

Seit Tagen protestieren er und etwa die Hälfte der 45 Bewohner seiner Unterkunft gegen die wiederholte Corona-Quarantäne, unter der sie sich befinden. Viermal wurde sie seit dem 8. Oktober schon verordnet. Das macht 69 Tage Quarantäne in 103 Tagen. Keiner dürfe das Haus verlassen, sagt Mahdavi. Besuch empfangen dürfe man dort, seit die Corona-Regeln im Oktober verschärft wurden, sowieso nicht.

Die Bewohner der Unterkunft finden das ungerecht. Schließlich hatten die meisten von ihnen keinen Kontakt mit den Infizierten. Zudem seien alle Bewohner laut Mahdavi mehrfach auf das Virus getestet worden. Fast alle seien negativ und gesund. Fünf Bewohner sind laut Landratsamt von der aktuellen Quarantäne betroffen, ein positiver Corona-Fall und vier Kontaktpersonen.

Die Bewohner der Neusässer Flüchtlingsunterkunft in der Siemensstraße protestieren gegen ständige Quarantänemaßnahmen.
Foto: Mahdi Mahdavi

Laut einer Vorgabe des bayerischen Innenministeriums mussten sich im Falle einer Infektion in einer Unterkunft seit der Beginn der Pandemie immer alle Bewohner*innen einer Asylunterkunft geschlossen in Quarantäne begeben. Am 8. Januar erhielten die Behörden vor Ort die Möglichkeit, je nach Situation nur Teilgruppen per Quarantäne zu isolieren. So sei es laut Landratsamt bei dem aktuellen Fall in Neusäß gehandhabt worden. Das Gesundheitsamt habe die positiv getestete Person und vier Kontaktpersonen bestimmt.

Corona: Flüchtlingshelfer fordern Verbesserungen im Kreis Augsburg

Der Widerspruch ist leicht zu erklären: Häufig verstehen Geflüchtete die Quarantänebescheide nicht richtig. Diese sind immer auf Deutsch und sehr kompliziert ausgedrückt. Simon Oschwald koordiniert die Flüchtlingshilfe für die Diakonie Augsburg, die das Flüchtlingsheim für die Regierung von Schwaben betreibt. Er fordert eine bessere Kommunikation mit den Flüchtlingen. Etwa indem seine Sozialarbeiter die Unterkünfte wieder betreten dürfen: "Wir helfen weiter aus der Ferne, aber mit der Maske geht das besser als mit dem Telefon", sagt er. Das erleichtere die Kommunikation ungemein. Die Behörden seien gefordert, sich bessere Lösungen für diese besondere Situation auszudenken.

Das Landratsamt begründete die Regel gegenüber unserer Zeitung schon im Dezember mit dem Charakter des Flüchtlingsheims als Gemeinschaftsunterkunft. Das sorge für ein besonderes Ansteckungsrisiko. Tatsächlich dürfte es schwer sein, in 11 Quadratmeter großen Zimmern, die man sich mit drei Personen teilt, den geforderten Abstand einzuhalten. Auch die Vermeidung von Kontakten stellt eine Herausforderung dar, wenn Bad und Küche geteilt werden.

Flüchtlinge im Landkreis Augsburg werden priorisiert geimpft

Wegen dem besonderen Ansteckungsrisiko werden die Bewohnerinnen und Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften auch leicht priorisiert geimpft und werden voraussichtlich in der dritten Priorisierungsgruppe berücksichtigt. Als "Menschen in prekären Lebenssituationen", wie das Gesundheitsministerium sie nennt, werden sie zusammen mit Lehrern, Erziehern und Apothekern in der dritten Gruppe geimpft.

Mahdavi und seine Mitstreiter wollen so lange weiter protestieren bis die Quarantäne gelockert wird oder sie zumindest eine Stellungnahme vom Gesundheitsamt bekommen. Wie er berichtet, sei die Stimmung in der Unterkunft schlecht. Einige Bewohner hätten wegen der ständigen Quarantäne bereits ihren Job verloren.

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