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Diedorf

04.07.2020

Seltene Krankheit: Anika Schwarz aus Diedorf ist haarlos glücklich

Anika Schwarz mit ihrem Mann Fabian und den Kindern (von links) Nora, Frieda, Pia, Gabriel und Henry.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Plus Was Anika Schwarz aus Diedorf und Model Julia F. aus Germanys Next Topmodel gemeinsam haben: Ihnen fehlen die Haare. Das steckt dahinter.

Anfang dieses Jahres erregte die Germany’s-Next-Topmodel-Kandidatin Julia F. große Aufmerksamkeit. Erstmals zeigte sie sich öffentlich mit Glatze und klärte über ihre Krankheit Alopecia Areata, den kreisrunden Haarausfall, auf. Julia F. hat die schwerste und sehr seltene Form dieser weder tödlichen noch ansteckenden Krankheit, nämlich die Alopecia Universalis. Das bedeutet, dass die komplette Körperbehaarung fehlt. Anika Schwarz aus Diedorf teilt genau dieses Schicksal mit dem Model. Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen und nicht selten erhalten schon Kinder diese Diagnose, heißt es auf der Seite des Vereins Alopecia Areata Deutschland.

„Im Dezember 2014 hatte ich mein viertes Kind zur Welt gebracht. Es war eine schwere Geburt und auch die Stillzeit war kräftezehrend“, erzählt die fünffache Mutter. Die Monate darauf gingen ihr mehr Haare aus als sonst und die Hebamme meinte, dass das von der Hormonumstellung kommen könne. „Im März entdeckte ich erste kreisrunde kahle Stellen. Ich war geschockt und hatte Angst, denn ich konnte absehen, was mich erwartet, da es bei meiner Schwester auch so anfing.“ Anika Schwarz versuchte, die Stellen mit Tüchern zu kaschieren, doch der Haarausfall wurde mehr. „Im Oktober 2015 konnte ich mir das letzte Mal bewusst einen schönen Zopf machen“, erinnert sie sich. Einen Monat später fielen die ersten Wimpern und Augenbrauen aus und im Dezember waren diese gänzlich weg. „An meinem Kopfhaar konnte ich ziehen und es ging büschelweise weg ohne wehzutun. Das Haar hat ja keine Wurzel mehr und somit geht das schmerzfrei“, benennt sie das Tabuthema.

Die fünffache Mutter aus Diedorf ist auch ohne Haare glücklich

Zum Jahreswechsel wollte sie alle Haare ab haben. „Du kannst es ja nicht aufhalten, dachte ich mir und wollte einen Schlussstrich ziehen.“ Zum Friseur traute sie sich nicht. „Es war mir peinlich.“ Also machte sie es zum Familienprojekt. „Wir sind alle ins Bad und haben uns von meinen Haaren verabschiedet. Mein Mann rasierte mir die letzten Haare ab. Dafür war ich ihm sehr dankbar.“ Früher hatte Anika Schwarz einen dicken Bauernzopf. „Mein Haar ging bis zur Taille, war haselnussbraun und mit einer Naturwelle versehen.“ Anika Schwarz war fix und fertig. Mit den Nerven am Ende, fiel sie eineinhalb Jahre in ein tiefes Loch. „Ich hatte die Lebenslust verloren. Ich fühlte mich nicht mehr als die Frau für meinen Mann, die ich einmal war, und auch nicht als die Mutter für meine Kinder, die ich vor dem Haarverlust war.“

Seltene Krankheit: Anika Schwarz aus Diedorf ist haarlos glücklich

Für ihren Mann Fabian Schwarz war es zu Beginn ebenfalls schockierend. Doch er sagte zu seiner Frau sofort: „Wir stehen das zusammen durch. Ich habe Dich nicht wegen der Haare geheiratet, sondern aufgrund ganz anderer Werte.“ In den eineinhalb Jahren rannte die Diedorferin von Pontius zu Pilatus, wartete zum Teil monatelang auf Termine, wurde zu Haus-, Frauen- und Hautärzten geschickt, holte verschiedene Meinungen ein und ging in die Haarsprechstunde an der LMU München. „Es wurde alles durchgecheckt und nichts gefunden.“ Von kortisonhaltigem Schaum, der ihr aufgrund der fehlenden Augenbrauen und Wimpern in die Augen lief und brannte, über Zinkpräparate bis hin zu einer Perücke wurde ihr vieles verordnet. Ansonsten könne man da nichts machen, sagte man ihr und dass sie doch eine schöne Kopfform habe.

Mitschüler ihrer Kinder erzählen fälschlicherweise, dass Anika Schwarz Krebs hat

„Ich fühlte mich im Stich gelassen und habe nur noch geheult.“ Dann fasste die willensstarke Frau einen Entschluss: „Ich werde damit leben und klarkommen.“ Heute wisse sie, dass sie sich an einen Endokrinologen wenden könnte, wenn sie wollte. „Aber ich will nicht mehr. Ich lebe jetzt damit und bin haarlos glücklich.“ Aus der Frustration und Depression wuchsen Lebenswille und Selbstakzeptanz. „Gerade auf dem Dorf fällt man mit kahlem Haupt auf und mit einer Horde Kinder dazu erst recht“, lacht die zierliche Frau, die erst vor drei Monaten ihr fünftes Kind zur Welt brachte und sich einfach nicht mehr verstecken wollte. Allerdings wird die Krankheit manchmal ungewollt zum Thema in der Familie. Als Tochter Nora in der zweiten Klasse war, kam sie einmal weinend nach Hause und schluchzte: „Mama, musst Du sterben?“

Bei den Mitschülern war die fehlende Behaarung von Noras Mama wohl Gespräch zu Hause und einige nahmen an, dass Anika Schwarz Krebs habe. „Das war sehr schmerzhaft und ein tiefer Schlag. Wir haben zu Hause lange darüber gesprochen und ihr erklärt, dass das nicht böse gemeint war, sondern nur Unwissenheit ist.“ Solche Situationen könne man abwenden, wenn man sie offen frage. „Manche sehen weg, andere glotzen und wieder andere denken, dass es mir bestimmt ganz schlecht geht und kehren das Thema lieber unter den Teppich, damit es weg ist. Aber es ist nicht weg“, runzelt die 33-jährige Frau die Stirn.

Alopecia Areata: Die ganze Familie habe gelernt damit umzugehen

Das Hinter-dem-Rücken-Tuscheln sei unangenehm, doch die ganze Familie habe gelernt damit umzugehen. Von den Kindern kam einst die Frage, ob sie selbst diese Krankheit bekommen könnten. Besonnen antwortete die Mutter: „ Ja, das kann passieren. Aber das weiß keiner, ob es passiert. Und wenn es passiert, dann stehen wir das zusammen durch. Das ist kein Weltuntergang.“ Anika Schwarz erfreut sich seitdem besonders an den schönen Haaren ihrer Kinder: „Es macht mir Spaß, ihre langen, dicken Haare zu kämmen.“

Da ihr eigener Kopf nicht durch das Kopfhaar geschützt ist, sei Sonnenschutz mit einem hohen Lichtschutzfaktor sehr wichtig, ebenso eine Kopfbedeckung, da sie schnell friere und sich leicht einen Sonnenbrand hole. An Festtagen gibt es statt einer tollen Frisur eben eine außergewöhnliche Kopfbedeckung. „Ich muss mich damit wohlfühlen. Mit einer Perücke würde ich mich verkleidet fühlen. Die kommt für mich gar nicht infrage.“

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