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Vorlesetag

21.11.2014

Sie war schon als Kind ein Bücherwurm

Petra Wagner aus Dinkelscherben ist eine von 50000 Vorleserinnen am bundesweiten Vorlesetag.
Bild: Manuela Rauch

Bücher begleiten Petra Wagner aus Dinkelscherben schon ihr ganzes Leben. Lesen ist für sie ein Grundrecht

Schon Johann Wolfgang von Goethe wusste: „Vorlesen ist die Mutter des Lesens.“ Mehr als 50000 Vorleser in ganz Deutschland beteiligen sich heute am bundesweiten Vorlesetag – eine von ihnen ist Petra Wagner. Die Dinkelscherberin liest in der Helen-Keller-Schule. Vor ihr liegt ein Stapel Bücher, so ganz entscheiden kann sie sich noch nicht. Erich Kästner, Christine Nöstlinger oder ein spannender Fantasy-Roman. „Jede Geschichte hat ihren Reiz“, sagt sie. Zudem bleibt ihr bei den jüngeren Kindern nur kurze 15 Minuten, um den Funken überspringen zu lassen. „Die sollen ja auf den Geschmack kommen“, sagt sie.

Petra Wagner ist eine kleine zierliche Frau mit einem festen Händedruck. Um ihre Augen herum hat die 59-Jährige kleine Lachfalten, und wenn sie über Bücher und Geschichten redet, dann fangen die Augen an zu blitzen. Ein Bücherwurm sei sie schon in der Kindheit gewesen. „Bücher waren alles für mich“, erzählt sie. Aus Mangel an Ideen war eine Ausbildung in der Bibliothek für die damalige Abiturientin dann auch das Naheliegendste. Wagner schmunzelt und zuckt mit den Achseln: „Ich wusste sonst nicht, was ich machen sollte.“ An der Technischen Universität München machte sie ihr Diplom als Wissenschaftsbibliothekarin. „Die ganz großen Archive“, erinnert sie sich und kommt ins Schwärmen.

Petra Wagner bringt drei Kinder zur Welt, zwei Mädchen und einen Buben. Als dann ihr Mann wenig später beruflich in die USA geht, kommt die ganze Familie mit. Da war das jüngste Kind nicht mal zwei Jahr alt. Ein Jahr leben die fünf in Utah, in einem verschlafenen Nest einer Mormonen-Gemeinde. „Das war eine großartige Zeit“, sagt sie. Vor allem der Nachwuchs hatte seinen Spaß. „Es gab ja immer jemand zum Spielen“, erzählt sie und lacht. Dass es sich bei den neuen Nachbarn aus dem fernen Deutschland um erzkonservative Katholiken handelt, war für die mormonische Religionsgemeinschaft kein Problem. Freundschaften bildeten sich, die auch mehr als zwanzig Jahre der Trennung überdauerten. 2008 war Petra Wagner das letzte Mal dort. „Und alle Nachbarn waren da.“

Sie war schon als Kind ein Bücherwurm

Nach der Rückkehr in die Heimat will die Familie sesshaft werden und landet in Freiburg im Breisgau. „Uns war wichtig, dass die Kinder ihre Schulzeit an einem Ort verbringen und Freunde finden“, sagt Wagner. Mehr als 25 Jahre bleibt sie, dann stirbt ihr Mann. Da war er gerade 50 Jahre alt, die Kinder noch nicht erwachsen und sie mit 46 Jahren Witwe. Doch resignieren wollte sie nie. Die zierliche Frau nimmt ihr Schicksal in die Hand und schreibt sich an der Freiburger Universität ein. „Klar hätte ich ein Seniorenstudium machen können, aber ich wollte es schon richtig durchziehen.“ Sie studiert Ethnologie im Hauptfach, historische Anthropologie und Spanisch. Den Doktor in Ethnologie hat sie „noch draufgesetzt“, wie sie sagt.

Sie kehrt nach Dinkelscherben zurück, lernt ihren zweiten Mann kennen und findet noch einmal das Glück. Heute führt sie den Lotto- und Zeitschriftenladen an der Hauptstraße im Ort. Die Liebe zu Büchern ist geblieben. In ihrem Geschäft hat sie eine „Book-Crossing“- Ecke eingerichtet. Das System ist so einfach wie genial. Die Leute nehmen die Bücher kostenlos mit und stellen von zu Hause ausgelesene Exemplare wieder hinein.

Für Petra Wagner ist das Lesen ein Grundrecht. „Ich will, dass die Leute an Bücher kommen, ohne dass es sie etwas kostet“, erklärt sie. Auch das Vorlesen hatte in ihrer Familie immer einen hohen Stellenwert. In den abendlichen Vorleserunden musste jeder mal ran, da ging das Buch reihum. „Jeder, der lesen konnte, hat ein Kapitel gemacht.“ Gerade habe sie mit ihrem Sohn telefoniert und ihm auch vom Vorlesetag erzählt. „Ich habe ihn gefragt, ob er sich noch an sein erstes Buch erinnern kann.“ Natürlich konnte er. Petra Wagner lacht: „Karl May’s ,Winnetou‘. Aber den las er nur, nachdem ich den ersten Teil vorgelesen hatte.“

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