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Landkreis Augsburg

18.02.2021

Sie waren am Durchstarten: Was Künstler aus dem Landkreis dank Corona erlebten

Melanie Loracher (links) und Birgit I. Hartl hatten ihr neues Atelier in Gersthofen gerade fertig als der zweite Lockdown kam und konnten daher nicht eröffnen.
Foto: Marcus Merk

Plus Seit knapp einem Jahr können viele Künstler mit ihrer Arbeit den Lebensunterhalt nicht mehr verdienen. Hier erzählen drei von ihnen, wie Corona ihr Leben verändert hat.

Sie singen oder tanzen auf der Bühne oder zeigen Bilder oder Skulpturen in Galerien. Doch seit fast einem Jahr, mit einer kurzen Unterbrechung im Herbst haben Kunstschaffende praktisch keine Möglichkeit mehr, mit ihrer Kunst den Lebensunterhalt zu verdienen. Für unsere Serie über Unternehmer, die voriges Jahr einen Neustart wagten, hat unsere Redaktion mit drei Künstlern gesprochen.

Der Comedian Nick Schmid war deutschlandweit mit seinem ersten großen Soloprogramm "Straight Outta Augschburg" unterwegs bis Corona kam. Der 27-Jährige aus Untermeitingen trat im Quatsch-Comedy-Club auf und war Bestandteil der offenen Comedybühne in München beim „Lola Land Open Mic“. "Weil ich ja sehr viel unterwegs gewesen wäre, hatte ich mir schon die Bahncard 100 gekauft, die circa 4000 Euro kostet." Als im März 2020 der erste Lockdown ausgerufen wurde, war es für den Comedian aus mit den Auftrittsmöglichkeiten - und damit mit den Einnahmen. "Ich falle genau durchs Raster und bekomme kein Überbrückungsgeld", sagt Schmid. "Ich habe zu wenig verdient und bin nicht in der Künstlersozialkasse." Im Moment habe er Hartz IV angemeldet und komme finanziell grade so über die Runden.

Corona war für Comedian Nick Schmid wie ein Kinnhaken

"Corona war schon ein Kinnhaken", beschreibt er seine damalige Stimmung. "Für mein erstes Soloprogramm habe ich jahrelang gebraucht." Nun ist ein neues in Arbeit. "Man kann aber auch in dieser Zeit neue Wege finden."

Standup Comedian Nick Schmid aus Untermeitingen hat seit rund einem Jahr keine Auftritte mehr auf der Bühne.
Foto: Marcus Merk

Die Stand-Up-Comedy vor Publikum sei notgedrungen zur Seite gerückt. "Ich fokussiere mich jetzt auf Kanäle wie Youtube und jetzt auch die Plattform Tiktok." Aber ihm fehlt das Publikum. "Eine Onlineshow ist damit nicht vergleichbar. Sie macht mir im Grunde keinen Spaß." Weil es im letzten Jahr sehr schwierig lief, hofft der Comedian nun, dass der Lockdown bald aufgehoben wird. "Aber dann wird es sicher eine Zeit dauern, bis wieder Auftritte gebucht werden", befürchtet Schmid.

Durch die Corona-Maßnahmen böse ausgebremst worden ist auch die Galeristin Melanie Loracher aus Gersthofen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Birgit I. Hartl hatte die 48-Jährige ein Jahr lang eine Galerie in Neusäß. Damit hatten sich die beiden, die vorher andere Berufe gelernt hatten, ihren großen Traum erfüllt. "Dann sollte das Haus in dem wir waren, verkauft werden und wir sind nach Gersthofen gezogen." Das Atelier war gerade startbereit, dann kam der Lockdown. "Alles, was wir anbieten, haben wir selbst gefertigt." Tierfotografien, wie Melanie Loracher sie unter anderem macht, kaufe man nicht online, ein Bild wolle man zuerst live sehen. "Ich will den Leuten endlich wieder zeigen, was ich habe, und mit den Menschen kommunizieren", hofft sie auf ein Ende des Lockdowns. Birgit I. Hartl arbeitet derzeit, um etwas Geld zu verdienen, übergangsweise im Seniorenheim.

Für eine Anmeldung zur staatlichen Neustarthilfe fehlte der Online-Antrag

Sie stieß auch sonst auf Schwierigkeiten bei der staatlichen Unterstützung. Die Neustarthilfe konnte sie noch nicht einmal beantragen, denn es gibt noch keinen Onlineantrag dafür. "Mein Mann zahlt die Miete, sonst würde es nicht gehen." Doch sie und ihre Kollegin bleiben positiv gestimmt. "Wir haben so lange unseren Traum gehegt, wir lassen uns das nicht verderben", betont Melanie Loracher.

Sogar auf einen neuen Lebensweg gebracht hat Corona den Tänzer Michael Steven Carman, der in Langweid aufwuchs und am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen sein Abitur machte. Am 18. Februar 2020 tanzte er noch bei Orchester- und Bühnenproben am Züricher Opernhaus. "Dann wurden die Oper und andere Theater geschlossen und ich stand auf einen Schlag ohne jegliche Möglichkeiten, vorzutanzen oder aufzutreten da."

Erst mit 19 mit der Tanzausbildung angefangen

Der 27-Jährige war ein Spätberufener beim Tanzen. Nach dem Abitur machte er zunächst eine Ausbildung in einer Praxis als Medizinischer Fachangestellter und Praktika am damaligen Zentralklinikum. "Ich habe immer in den Musicals am Paul-Klee-Gymnasium mitgewirkt", erzählt er.

Der Tänzer Michael Carman bekommt seit der Theaterschließung keine Engagements mehr und studiert nun Medizin.
Foto: Jens Ihnken

Er wirkte in einem Musical beim "Jungen Ensemble für Musiktheater" des Staatstheaters Augsburg mit und entdeckte dort seine Liebe zum Tanz. "Ich merkte, ich wollte lieber Tänzer werden, so lang es körperlich noch geht." Er begann die Ausbildung bei der Augsburger Ballettakademie Erich Payer und studierte an der Musikhochschule Frankfurt. Mit 23, während des dritten Studienjahrs und noch vor dem Abschluss, erhielt Carman bereits einen Vertrag am Staatstheater Chemnitz. Er war Teilnehmer beim Bundeswettbewerb für Tanz bei der Biennale in Berlin.

Nach der Theaterschließung musste er die Schweiz verlassen und kam zunächst bei seiner Familie in Augsburg unter. "Schnell war klar, dass es wohl künstlerisch nicht weitergehen wird", so Carman. Er entschloss sich, nach Frankfurt zu gehen, hat dort seine Bachelorarbeit eingereicht und das Ballettstudium noch abgeschlossen. "Ich habe dann in einem Medizinischen Versorgungszentrum gearbeitet und konnte mit einige Patienten tanztherapeutisch arbeiten."

Er beschloss, nun Humanmedizin in Frankfurt zu studieren. "Ich habe hier die Gelegenheit, mit Psychologen und Neurologen zu erforschen, wie sich Tanz auf Depressionen oder Parkinson auswirken können." Carman betont: "Ich bin und bleibe Tänzer und will später meine tänzerische Erfahrung in die Medizin integrieren." Selbstverständlich habe es in den vergangenen Monaten auch Phasen gegeben, wo er nicht wusste, wie es weitergeht. Eins hat er in der Corona-Zeit festgestellt: "Viele Menschen haben Hemmungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und einen Neuanfang zu machen." Dabei habe jeder Mensch mehr als eine Begabung, ist Michael Carman überzeugt.

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