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Emersacker

31.12.2020

Silvester-Böller müssen in Emersacker im Bunker bleiben

In einem Bunker mit 30 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden hat Raketen- und Feuerwerksspezialist Robert Klima aus Emersacker jede Menge Pyrotechnik gelagert.
Bild: Marcus Merk

Plus Robert Klima trifft das Verbot des Verkaufs von Feuerwerkskörpern hart. Er befürchtet Gefahr durch selbst gebastelte Knaller. Welche Ladenhüter nun zu Dauerbrennern werden.

An den letzten drei Tagen des Jahres herrscht auf dem Gelände der Raketenmodellbau-Firma Klima in Emersacker Hochbetrieb. Bis zu 2000 Kunden strömen in die Holzwinkel-Gemeinde, um sich mit Raketen und Böllern für das Silvesterfeuerwerk zu versorgen. Den ganzen Tag über sind die Parkplätze belegt. Bereits um sechs Uhr morgens warten die ersten Kunden vor dem Ladengeschäft, das von einer riesigen Dogge bewacht wird. Nur an den letzten drei Tagen im Jahr dürfen Feuerwerkskörper verkauft werden. In diesem Jahr werden sie vergebens auf die Öffnung warten. Nachdem die Bundesregierung den Verkauf und das Abbrennen in der Öffentlichkeit verboten hat, bleiben die Türen verschlossen.

Das Corona-Konzept war bereits fertig

"Dass wir nur mit großem Aufwand und der Einhaltung der Hygienevorschriften öffnen dürfen, hätten wir ja noch akzeptiert“, sagt Inhaber Robert Klima, "aber gar nichts zu verkaufen – damit haben wir nicht gerechnet. Das hat uns schwer getroffen.“ Das Corona-Konzept war bereits fertig.

Die Kassen müssen geschlossen bleiben. In der großen Lagerhalle war schon alles für einen Verkauf von Silvesterfeuerwerk nach den Corona-Maßnahmen bereitet.
Bild: Marcus Merk

Der Verkauf hätte in der großen Lagerhalle stattfinden sollen. Regale und Kassen waren bereits aufgebaut, Internet verlegt. „Alle Abstandsregeln hätten eingehalten werden können.“ Doch am 13. Dezember kam nach der Konferenz der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten das Aus für jegliches Silvester-Feuerwerk. „Wir haben viel Arbeit investiert. Alles für die Katz“, ärgert sich Klima, der 2013 im Gewerbegebiet am Ortsrand von Emersacker eine Lagerhalle samt Ladengeschäft und Produktion für Modellbauraketen erstellt hat. Bis zuletzt hatte er gehofft, wenigstens einen Abholservice anbieten zu können.

631 Schuss in fünf Minuten

Statt einem vollen Haus hat er jetzt ein volles Lager. "Unsere Silvesterware ist bereits im Juli per Gefahrguttransport eingetroffen. Die Rechnungen sind bezahlt“, sagt Klima, der 1991 als Jugendlicher eine Europameisterschaft im Raketenfliegen gewonnen hat, ein Jahr später in den USA Zweiter bei einer Weltmeisterschaft geworden ist. Palettenweise ist in einem Bunker hinter 30 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden Pyrotechnik gelagert. Batterien mit klangvollen Namen wie "Wonderland“, "Thunder“, "Grand Slam“ oder "Atomiser“, aber auch welche, die bis zu 32 Kilogramm wiegen und innerhalb von fünf Minuten mit einem Anzünden 631 Raketen mit insgesamt vier Kilogramm Explosivmaterial in den Himmel feuern. Diese Größenordnung, deren Verkaufspreis stolze 380 Euro beträgt, bekommt man nicht beim Discounter“, weiß Klima, dessen Kunden bis aus Stuttgart in den Holzwinkel kommen.

Jugendfeuerwerk wird vom Ladenhüter zum Dauerbrenner

Doch echte Feuerwerk-Fans geben nicht auf. Noch in der Nacht, als das Verbot publik wurde, hat sich ein regelrechter Boom auf ganzjährige erlaubte, jugendfreie Artikel eingestellt. Im Sekundentakt sind Bestellungen eingetroffen. Es sind palettenweise Tischbomben, Fontänen oder Wunderkerzen, die man auch im geschlossenen Raum verwenden darf, bestellt worden. "Innerhalb von zwei Stunden waren wir ausverkauft“, kann es Klima kaum fassen, dass sich sonstige Ladenhüter zu Dauerbrennern entwickelt haben.

Ausverkauft ist Kinderfeuerwerk, das auch in geschlossenen Räumen gezündet werden kann.
Bild: Marcus Merk

Er macht sich deshalb Sorgen: "Ich befürchte, dass sich einige Chaoten nun selbst ihre Kracher basteln oder sich Böller und Raketen aus Polen besorgen. Manche Leute nehmen einfach alles, was man anzünden kann.“ Auch auf dem Schwarzmarkt und im Internet hat er rege Aktivität festgestellt. "Ob das dann ungefährlicher ist, als wenn jemand zugelassene Feuerwerksartikel im eigenen Garten zündet?", fragt sich Klima. Das Feuerwerksverbot auf öffentlichen Plätzen und das Verbot von großen Menschenansammlungen sei jedoch in Ordnung.

Robert Klima vermutet allerdings, dass hinter diesem rigorosen Verbot noch andere Dinge stecken: „Das ist gewollt. Feuerwerk hat viele Gegner, weil es angeblich umweltschädlich sein soll.“ Für die deutschen Hersteller sei diese Maßnahme tödlich. Die ersten hätten für Januar schon Insolvenz angekündigt.

Ein typisches Vater-Sohn-Hobby

Zehn bis 15 Prozent seines Jahresumsatzes macht Robert Klima in den letzten drei Tagen mit dem Verkauf von Feuerwerksartikeln. "Das ist zum Glück nicht unser Hauptgeschäft“, ist er mit seinem Unternehmen bisher gut durch die Corona-Krise gekommen, obwohl auch private Feuerwerke sowie Rauch und Bengalos für Geburtstage und Hochzeiten stark zurückgegangen sind. Auch zehn Messen mit Direktverkauf sind ausgefallen. Positiv entwickelt haben sich jedoch die Absatzzahlen für Raketenmodell-Bausätze. "Das ist ein typisches Vater-Sohn-Hobby, für das man schon in der ersten Welle viel gemeinsame Zeit hatte“, freut sich Robert Klima: "Wir mussten sogar zwei Leute einstellen, weil wir mit der Produktion hinterher waren.“

Für das kommende Jahr wurde ihm bereits ein Stand für die Messe "Intermodellbau“ bestätigt. Ob er dann wieder raketenhaft durchstarten kann?

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