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28.01.2019

Todesurteil Behinderung

Heiminsassen werden aus Ursberg deportiert. Das Foto ist eine von wenigen Aufnahmen, die den Abtransport direkt zeigen. Es war bei Höchststrafe verboten, entsprechende Bilder anzufertigen.
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Heiminsassen werden aus Ursberg deportiert. Das Foto ist eine von wenigen Aufnahmen, die den Abtransport direkt zeigen. Es war bei Höchststrafe verboten, entsprechende Bilder anzufertigen.
Bild: Dominikus Ringeisen Werk (Archiv)

Der 27. Januar erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus – darunter zahlreiche Menschen mit Behinderungen. Einige überlebten durch die Intervention von Angehörigen und der St. Josefskongregation.

Über 200000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen sind dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. Als „lebensunwert“ klassifiziert, wurden sie im Rahmen des geheimen Euthanasieprogramms „Aktion T4“ systematisch ermordet. „Unheilbar kranken“ Menschen sollte unter „kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustands“ der „Gnadentod“ gewährt werden. Durch diesen von Adolf Hitler zu Kriegsbeginn 1939 persönlich verfassten Geheimerlass kam eine Mordmaschinerie von unvorstellbarem Ausmaß in Gang.

Auch 379 Menschen, die zu dieser Zeit in den Einrichtungen des Dominikus-Ringeisen-Werks lebten, zählen zu den Opfern. Doch trotz des Grauens gab es ein paar Lichtblicke in dieser Zeit: Mehrere Menschen konnten durch die Intervention von Angehörigen und der St. Josefskongregation gerettet werden. Darunter war auch Maria P. Im Jahr 1921 geboren, kommt sie in den 1930er Jahren nach Ursberg. Die Schulbehörde in Wasserburg am Inn hatte ihr bescheinigt, sie sei „nicht förderbar“, eine Beschulung sei nicht möglich. In Ursberg lebt sie sich dagegen gut ein.

Als der Zweite Weltkrieg begann war sie 18 Jahre alt

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, Maria P. ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt, erreichen sogenannte Meldebögen aus dem Reichsinnenministerium in Berlin das Dominikus-Ringeisen-Werk. Mittels dieser sollen Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen erfasst werden. Die detaillierte Abfrage erweckt bei den Schwestern der St. Josefskongregation Misstrauen. Ratlos lassen sie die gesetzte Frist zunächst verstreichen, ohne einen Meldebogen zurückzuschicken.

Nachdem der Druck aus Berlin auf die Leitung der St. Josefskongregation jedoch immer größer wird, schickt die Anstaltsleitung bis März 1940 einen Teil der Meldebögen zurück. Als im Oktober 1940 Informationen über umfangreiche Verlegungen und Todesfälle in der Stiftung Liebenau bei Ravensburg bekannt werden, entschließt sich die St. Josefskongregation, keine weiteren Meldebögen mehr auszufüllen. Trotz der Ankündigung des Reichsinnenministeriums, bei weiterer Weigerung notfalls ärztliche Selektionskomitees nach Ursberg zu schicken, halten die Schwestern auch in der Folgezeit daran fest. Verhindern können sie die Deportationen dadurch jedoch nicht.

Trotz aller Bemühungen der St. Josefskongregation, die ihr anvertrauten Personen zu schützen, werden bis August 1941 insgesamt 519 Menschen „verlegt“. 379 von ihnen kommen gewaltsam zu Tode. Selten kommen die Opfer aber direkt in die eigens dafür eingerichteten Tötungsanstalten. Um die Morde zu verschleiern und Spuren zu verwischen, werden sie, offiziell aus Gründen der „Reichsverteidigung“, zunächst in die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten Günzburg, Kaufbeuren und Eglfing-Haar verlegt. Auch Maria P. wird mit dem letzten Transport im August 1941 von Ursberg nach Kaufbeuren deportiert.

Die Schwestern durften über die Deportationen nicht sprechen

Die staatlichen Behörden hatten der St. Josefskongregation strengstens untersagt, Angehörige über anstehende Verlegungen in Kenntnis zu setzen. Eine schriftliche Information durfte erst nach der erfolgten Verlegung verschickt werden. Die Schwestern des Ursberger Pflegebüros hatten jedoch in Erfahrung gebracht, dass häufige Besuche von Angehörigen in den staatlichen Anstalten, mündliche und schriftliche Anfragen an die Anstaltsleitungen sowie die Zusicherung der privaten Pflegekostenübernahme die Chance auf eine Rückverlegung beziehungsweise eine Entlassung erhöhen konnten. Diese Empfehlung gaben die Schwestern auch der in München lebenden Pflegemutter von Maria P. Daraufhin wurde diese bei der Anstaltsleitung in Kaufbeuren und beim Landesfürsorgeverband Oberbayern so regelmäßig vorstellig, dass ihre Pflegetochter zunächst in die Anstalt nach Eglfing-Haar wechseln durfte und am 18. Januar 1943 schließlich von ihr abgeholt und nach Ursberg zurückgebracht werden konnte.

Immer wieder gelang es Angehörigen, durch energisches Auftreten gegenüber der Regierung und der Anstaltsleitungen, Familienmitglieder zu retten. Offensichtlich wollten die staatlichen Behörden unter allen Umständen vermeiden, dass Details über das laufende Euthanasieprogramm an die Öffentlichkeit gelangten. Vermutlich gaben sie deshalb dem Druck der Angehörigen nach. So konnten 70 Personen noch vor Kriegsende zurück nach Ursberg geholt werden. Zwölf Menschen kamen bei ihren Angehörigen unter.

Tausende verhungerten qualvoll

Trotz der Geheimhaltungsmaßnahmen sickerten immer mehr Informationen nach außen. Der damit entstehende Druck auf die Nationalsozialisten und der Protest der Kirchen führten dazu, dass die „Aktion T4“ am 24. August 1941 offiziell beendet wurde. Die Mordaktionen jedoch gingen unvermindert weiter. Insbesondere durch die sogenannte „Entzugs-Kost“ verhungerten in den staatlichen „Heil- und Pflegeanstalten“ unter anderem in Kaufbeuren und Eglfing-Haar Tausende Menschen qualvoll. Man kann nur erahnen, wie knapp Maria P. damit der Mordmaschinerie der Nazis entkommen ist. Sie lebte in der Folgezeit in der Wohneinrichtung St. Martha in Ursberg. 1997 starb sie im Alter von 76 Jahren.

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