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Gersthofen

17.01.2021

Wie Ilona Kramer aus Gersthofen ehrenamtliche Hospizhelferin wurde

Ilona Kramer engagiert sich ehrenamtlich als Hospizhelferin. Wenn sie aus dem Hospiz kommt, zündet sie zu Hause eine Kerze an und trinkt eine Tasse Kaffee, denkt an die Menschen, die sie betreut, und kehrt dann aber auch wieder zurück in ihr Leben.
Foto: Diana Zapf-deniz

Plus Ilona Kramer betreute einst ihre pflegebedürftige Mutter. Heute engagiert sich die Gersthoferin in ihrer Freizeit als Hospizhelferin in Augsburg-Oberhausen.

In Gersthofen kennt man Ilona Kramer durch den Theaterverein als zweite Vorsitzende und ihre Rolle beim Brandner Kasper im Jahr 2019 gut. Denn das Theater ist ihre große Leidenschaft. Als ihre Mutter vor einigen Jahren pflegebedürftig wurde, betreute die heute 60-Jährige sie bis zum Tod. "Das Pflegen und Betreuen ist mir damals gut gelungen und ich hatte keinerlei Berührungsängste mit dem Tod", erinnert sich Kramer zurück. Als ihre Tochter später einmal im Urlaub war, kümmerte sie sich um den Kater. Auch hier hatte sie das richtige Gespür. "Der Kater forderte mich jeden Tag auf, dass ich ihn streichle. Eines Tages wollte er, dass ich bei ihm bleibe. Ich bin geblieben und nachts um 1.30 Uhr ist er friedlich eingeschlafen."

"Da hatte meine Tochter die Idee mit der Hospizarbeit." Neben ihrer beruflichen Tätigkeit im Außendienst bei der Molkerei Müller wollte die Gersthoferin schon immer etwas Soziales machen. Die Idee mit dem Hospiz gefiel ihr. "Also meldete ich mich vor eineinhalb Jahren im St. Vinzenz-Hospiz Augsburg in Oberhausen." Dort machte sie eine Ausbildung, die ein Jahr lang dauert und über 100 Theoriestunden und 40 Praxisstunden umfasst. Inhalte der Ausbildung sind unter anderem "Einen eigenen Zugang zu Krankheit, Leid und Sterben finden" sowie "Grundwissen über Trauer und Trauerbegleitung". Hospizhelfer fungieren als wichtige Stütze für schwer kranke Menschen und deren Angehörige. Das kann zu Hause sein, aber auch in Heimen für Senioren und Behinderte sowie Pflegeeinrichtungen, aber auch auf der Hospizstation. "Ich habe mich für das Stationäre entschieden, denn das kann ich neben meinem Beruf gut planen", erklärt Kramer.

Gersthofer Hospizhelferin: Es entsteht eine tiefe und ehrliche Dankbarkeit

"Ich bin ein Mensch, der gerne gibt." Doch Hospizarbeit ist für die ehrenamtliche Helferin nicht nur Geben. Im Gegenteil. "Du bekommst so eine tiefe und ehrliche Dankbarkeit. Das erdet und lässt einen erkennen, was im Leben wirklich wichtig ist", berichtet Kramer und ihre Augen strahlen dabei freudig. "Wenn man sterbende Menschen sieht, dann merkt man, dass viele Dinge im Leben so unwichtig sind." Auch wenn Kramer noch gar nicht so lange Hospizhelferin ist, so sagt sie doch: "Ich mache das mit Herz und es ist genau mein Ding."

Während des ersten Lockdowns durfte sie nicht in das Hospiz und generell sei es während Corona schwierig. "Im St.-Vinzenz-Hospiz sind 16 Gäste. Da braucht jeder unterschiedliche Ansprachen." Manche könnten gar nicht mehr reden, andere hätten ungeheuren Gesprächsbedarf. "Wenn ich komme, frage ich die Pfleger, wer denn am meisten Bedarf zum Reden hat. Wir müssen zu niemandem und man kann auch nein sagen, wenn man nicht klar kommt." Man müsse sich gegenseitig gut tun und jeder habe das Recht abzulehnen.

Mit den Gästen betet die Agnostikerin aus Gersthofen auch

Kramer selbst ist Agnostikerin. Sie hat kein Problem, mit Menschen zu beten. "Kürzlich war da eine Frau, die mich immer wieder gefragt hat, ob ich meine, dass danach noch etwas kommt." Die Sterbende hatte Angst, dass alles vorbei ist mit dem Tod. "Wenn Sie eine gläubige Frau sind, dann beten Sie und vertrauen Sie darauf, denn der Glaube gibt Zuversicht", sprach ihr Ilona Kramer zu. "Eine andere Frau, die schon ihr ganzes Leben ängstlich war, wollte, dass ich nur ihre Hand halte. Das habe ich eine Stunde lang gemacht." Der Pfleger löste danach ab und war erstaunt: "So ruhig war die Frau noch nie. Du hast ihr so gut getan."

"Das hat mich unglaublich berührt", erzählt die Gersthoferin. Wenn sie nach den Besuchen, mindestens jeden zweiten Sonntag von neun bis 13.30 Uhr, zu Hause ankommt, zündet sie sich eine Kerze an und trinkt eine Tasse Kaffee. "Ich denke dann an die Leute und komme wieder in meinem Leben an. Das ist ganz wichtig. Ich fühle mit, aber ich leide nicht mit. Das habe ich in dem Kurs gelernt."

Für die Gersthofer Hospizhelferin waren stille Momente anfangs schwierig

Als lebenslustiger Mensch waren für sie Situationen, wo man stille Momente aushalten muss, schwierig zu Beginn. "Man denkt, man muss die Leute unterhalten, aber das braucht es gar nicht. Die Stille hat manchmal viel mehr Kraft." Dass es in einem Hospiz totenstill ist, sei ein Vorurteil. "Manche Menschen sind humorvoll bis zum Schluss", weiß Kramer. "Es gibt sehr nette und auch witzige Momente und die Gäste freuen sich, wenn sie mit jemandem lachen können." Es lägen ja nicht alle in dunklen Zimmern. "Da ist Leben da und viele können noch laufen und gehen. Da ist alles da, so wie das Leben ist." Im Durchschnitt würden die Gäste 14 Tage bis drei Wochen im Hospiz verweilen.

Den Satz "Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben" hat Kramer für sich verinnerlicht – auch für ihr eigenes Leben. "Das Hospiz hat mir den Schrecken vor dem Sterben genommen." Ilona Kramer würde auch für sich später einmal eine solche Einrichtung wählen. "Dort versucht man alles zu machen, was machbar ist. Da ist alles mit so viel Würde." Zudem sei dort jeder willkommen. Für die Sterbenden und Angehörigen sei Corona sehr schwierig. "Es dürfen beispielsweise nur Angehörige, aber keine Nahestehenden zu Besuch kommen."

Einen Rat gibt Kramer jedem mit: "Machen Sie unbedingt eine Patientenverfügung. Es entlastet die Angehörigen. Denn offiziell dürfen Angehörige nicht viel machen. Mit einer Vollmacht jedoch schon." Sie selbst habe das Thema lange vor sich hergeschoben, weil es nicht einfach sei, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. "Aber wenn man es mal gemacht hat, dann ist es sehr beruhigend." Die Arbeit im Hospiz sei für sie zugleich Therapie. "Es tut mir gut, was Gutes zu tun." In Kürze wird sie das erste Mal Oma. Darauf freut sie sich sehr.

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