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Grenzgänger-Serie

01.12.2018

Wie sich der Wanderreporter fast an der Landkreis-Grenze verlief

Endlich! Am Ortsausgang von Affaltern, auf dem Taubenrain, kehrt der Handyempfang zurück.
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Endlich! Am Ortsausgang von Affaltern, auf dem Taubenrain, kehrt der Handyempfang zurück.
Bild: Marcus Merk

Auf seiner Wanderung wird unser Autor im wahrsten Sinne zum Grenzgänger, als er ohne Handynetz und Orientierung nach dem richtigen Weg suchen muss.

Wanderer, kommst du zur Mittagszeit nach Feigenhofen – solltest du keinen Hunger mitbringen. In dem Biberbacher Ortsteil gibt es kein Wirtshaus. So müssen ein paar Nüsse von dem großen Walnussbaum herhalten, die hinter dem kleinen Kirchlein steht. Die Türen des Gotteshauses sind verschlossen. Weit und breit ist niemand zu sehen, der einem Einlass gewähren könnte. Ja, es ist eigentlich gar niemand zu sehen. Nur ist Günter Kamrad ist weithin zu hören – er macht im Hof eines nicht mehr bewirtschafteten Anwesens Holz.

Ein geheimer Tipp für den Grenzgänger auf seiner Wanderung

Vor 40 Jahren ist er von Augsburg nach Feigenhofen gezogen. Wer für die Kirche zuständig ist, weiß er: „Peter Unger. Er wohnt gegenüber der Kirche“, gibt er dem Grenzgänger einen heißen Tipp. Unger ist als langjähriger Mesner eine Institution in Feigenhofen. Auf unser Klingeln öffnet der 74-Jährige. Einen Schlüssel hat er nicht mehr, da er sein Amt inzwischen abgegeben hat. Aber gerne erzählt er von früheren Zeiten, vom im vergangenen Jahr verstorbenen Lehrer und Organisten Karl Gritsch, unter dem er selbst noch drei Jahre die Schule in Eisenbrechtshofen – heute ein Gemeindesaal – besucht hat.

Peter Unger bittet den Grenzgänger sogar in die gute Stube. Die Augsburger Allgemeine liegt aufgeschlagen auf dem Küchentisch. „Gerade bin ich mit dem Zeitunglesen fertig geworden“, sagt er und bringt ein Fotoalbum, das Karl Gritsch für ihn ganz persönlich zum 40. Jubiläum als Mesner liebevoll erstellt hat. Ich erlebe Zeitgeschichte aus erster Hand.

Handynetz gibt es nur oben auf dem Berg

Peter Unger bringt weiteren Unterlagen. Mit Mühe kann ich die in deutscher Schrift verfassten Beiträge entziffern. Das Schwelgen in Erinnerungen und die Erzählungen von Peter Unger könnten noch lange weitergehen, aber der Wanderer hat noch eine ziemliche Strecke vor sich. Ich muss mich verabschieden.

Feigenhofen liegt ja auf beiden Seiten der Kreisstraße A 12. Um wieder auf den Fußweg zu kommen, muss ich sie überqueren. Etwas weiter von der Straße entfern geht es jetzt über den Weiler Salmanshofen Richtung Affaltern.

Würde man nach rechts Richtung Osterbuch abbiegen, wäre man in wenigen Minuten im Landkreis Dillingen. Am Biber-Bach-Erlebnis-Pfad kann man was erleben. Kurz vor Affaltern lädt am Biotop ein Bänkchen zum „Was(s)erleben“ ein. In einem Glasgefäß sind Flyer mit einer Landkarte deponiert, auf der alle Stationen eingezeichnet sind. In Affaltern fällt als Erstes die Pfarrkirche St. Sebastian auf. Am 29. April 1758 wurde hier die erste Taufe gespendet. Die Kapelle mit dem Schulterwundenheiland wurde 2007 restauriert.

Das Drei-Generationen-Trio: die Einzigen, die dort unterwegs sind

Zur Logistik der Grenzgänger-Wanderungen gehört es auch, sich immer wieder mit dem Fotografen zusammenzurufen. Das war schon in Feigenhofen schwierig, in Affaltern ist es schlichtweg unmöglich. „Kein Netz!“, zeigt das Smartphone hartnäckig an. „Da müssen Sie schon zum Taubenrain oder zum Buchberg rauf“, klärt Ingrid Mair auf, die zusammen mit ihrer Tochter Julia und Enkelin Melina (11 Monate) einen Spaziergang macht. „Hier gibt es nicht nur kein Netz, was wir uns sehr wünschen würden“, sagt Julia Mair, „hier gibt es eigentlich nichts. Zum Einkaufen muss man nach Biberbach oder Welden.“ Doch so wirklich scheint sie das nicht zu stören. Nach zwei Jahren in Wertingen ist Julia Mair wieder nach „Apfeltrach“, wie Affaltern von den Einheimischen genannt wird, zurückgezogen. „Hier kennt man alle“, lacht sie. Und vor allem kennt man die Mairs.

In der Tat: Gertrud Nowak, die gerade mit Josef Domler und Vitus Fischer, der seinen Hund Ricky Gassi führt, vor der Wertstoffsammelstelle in Lauterbrunn ein kleines Schwätzchen hält, kennt das Drei-Generationen-Trio aus dem Nachbarort: „Das sind die einzigen Menschen, die dort auf der Straße unterwegs sind“, lacht sie. Man empfiehlt uns den Weg über das Stettener Kreuz, zu dem einmal im Jahr eine Landkreis-übergreifende Wallfahrt der Pfarreien Lauterbrunn, Heretsried, Osterbuch, Bocksberg, Affaltern und Laugna stattfindet. „Das ist nicht so weit“, sagt Gertrud Nowak. Der Kilometer scheint in Lauterbrunn allerdings 1500 Meter zu haben.

Zum Abschluss ein Bier oder Kaffee? Fehlanzeige in Emersacker. Jonnys Kneipe ist vor wenigen Tagen ausgebrannt

Wir marschieren ziemlich lange durch den Wald, bis wir die Lichtung mit dem großen Kruzifix erreichen, von der fünf Wege abzweigen. Beschilderung: Fehlanzeige! Doch wen soll der Grenzgänger fragen, wo es nach Emersacker geht? Franz und Ingeborg Helmschrott aus Geratshofen sowie Hans-Jürgen Wiedermann und Erna Nowotworsky aus Zusamzell sind die Einzigen, die ihm begegnen. Sie sind laufend unterwegs. Das Ehepaar Helmschrott hat sogar schon die 2700 Kilometer des Jakobus-Pilgerwegs gemeistert. Sie verraten mir einen Weg, der genau an der Landkreisgrenze entlang verläuft. Hier bin ich ein Grenzgänger im wahrsten Sinne des Wortes. Während das Johannisbächlein linker Hand im Landkreis Augsburg gluckert, laufe ich im Landkreis Dillingen. Direkt an der Staatsstraße 2036 geht es nach Emersacker hinein. Im Industriegebiet fällt sofort ein Gebäude auf, aus dem eine große, rote Rakete herausragt. „Kann ich hier eine Rakete kaufen?“, frage ich. „Selbstverständlich!“, antwortet Inhaber Robert Klima. Im tiefsten Holzwinkel werden von neun Mitarbeitern tatsächlich Modellraketen gebaut, die weltweit exportiert werden. Erst kürzlich hat man expandiert. Im Laden kann man ganzjährig Silvesterraketen und Böller kaufen. „Dazu braucht man aber während des Jahres eine Genehmigung der Gemeinde“, erklärt Robert Klima.

Jetzt würde ich zum Abschluss meiner Wanderung noch gerne ein Bierchen oder einen Kaffee trinken. Doch da sieht es in Emersacker schlecht aus. Jonnys Kneipe im alten Schloss ist erst vor wenigen Tagen ausgebrannt, der einzige Bäcker öffnet nur vormittags. So muss der Grenzgänger hungrig und durstig in die Redaktion zurückfahren.

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