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Gersthofen

12.07.2019

Würden Sie helfen? Jugendliche in Gersthofen testen Zivilcourage

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Bei der Aktion Zivilcourage auf dem Rathausplatz Gersthofen spielen Schüler einen Verletzten. Sie wollen die Reaktion der Passanten testen. Manch einer läuft achtlos vorbei, andere reagieren sogar mit Beleidigungen.
Bild: Marcus Merk

Plus Ein „blutender“ Siebtklässler liegt mittags auf dem Gersthofer Rathausplatz. Er ist Teil eines Versuchs. Manche der Passanten reagieren mit Beleidigungen.

Es regnet. Maximilian liegt mit zwei Platzwunden am Kopf vor dem City-Center. Er nimmt die Hände vor das Gesicht und wälzt sich auf dem Boden. Einige Passanten sehen ihn und gehen vorbei. Andere helfen sofort, als sie ihn sehen. Doch der Siebtklässler ist in Wahrheit nicht verletzt, sondern Teil eines Schulprojekts, das sich um Konflikte und Nächstenliebe dreht.

Elf Schüler der siebten Jahrgangsstufe der Heinrich-von-Buz Realschule sind an diesem Freitagvormittag gleich nach dem Unterricht nach Gersthofen gefahren. Sie sind alle im katholischen Religionsunterricht von Yvonne Paul. Zusammen mit den Referendarinnen Tanja Alfia und Sissy Egloffstein testen sie dieses Jahr insgesamt zum siebten Mal die Hilfsbereitschaft von Passanten. Der Auslöser waren die unzähligen Berichte über unterlassene Hilfeleistungen oder fehlende Zivilcourage, die Schüler und auch Yvonne Paul im Fernsehen verfolgt haben. Deshalb haben sie dann die Initiative ergriffen und den Selbstversuch gewagt. „Es ist wichtig für die Schule. Damit können wir den Schülern zeigen, wie die Welt funktioniert“, meint die Lehrerin.

Schlechte Erfahrungen gab es selten

Die ersten fünf Tests waren in Augsburg, letztes und dieses Jahr in Gersthofen auf dem Rathausplatz. Schlechte Erfahrungen gab es selten, sagt Yvonne Paul. In Augsburg habe ein Mann mal extrem aggressiv reagiert, als er den Schüler auf dem Boden liegen sah. Doch diesmal kam es anders.

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Maximilian und Josef werden zehn Minuten vor dem Beginn von ihrer Mitschülerin Loey geschminkt. Das Schminken und die Schauspielerei haben sie schon davor im Unterricht geübt. Nachdem sich Schüler und Lehrerinnen beraten haben, wo sich Josef und Maximilian hinlegen sollen, teilen sich die übrigen Schüler in drei Gruppen auf. Eine Gruppe beobachtet wer hilft, die andere wer hinsieht aber weitergeht und die dritte, wer den Verletzten gar nicht beachtet. Jede Gruppe befragt dann einige Passanten nach dem Grund des jeweiligen Verhaltens.

Viele wollen dem Siebtklässler helfen

Kurz nachdem sich Maximilian hingelegt hat, beugen sich schon vier Menschen über ihn, um zu helfen. Auch zwei Minuten danach herrscht immer noch rege Beteiligung. Viele wenden sich dem Siebtklässler zu und wollen ihm helfen. Bernd Schwarz ist einer von ihnen. „Ich habe gefragt, ob er Hilfe braucht. Einfach aus Zivilcourage. Ich habe hier nämlich schon mal einen Fall mit einem echten Verletzten miterlebt“, sagt er.

Doch mit der Zeit beachten immer weniger Leute den am Boden liegenden Schüler und gehen vorbei. Auch nachdem sich Josef für Maximilian auf den Boden legt, ändert sich nichts. Nach rund 30 Minuten wird der Test beendet.

Lehrer und Schüler ziehen ein erstes Fazit. Die Gruppen haben grob mitgezählt, um festzustellen, wie viele Passanten einfach vorbeigelaufen sind, wie viele geholfen haben und wie viele hingesehen haben, aber nicht zur Hilfe kamen. Nach den Schätzungen der Schüler sind doppelt so viele vorbeigelaufen, wie geholfen haben. Das wäre eine Verbesserung gegenüber dem vorherigen Jahr. Damals haben von 94 Passanten nur 34 geholfen.

Schüler werden teils wüst beleidigt

Die Schüler hätten aber auch einige negative Erlebnisse gemacht, da manche Befragte den Test falsch aufgefasst hätten. Bei den Leuten die nicht geholfen haben, seien viele empört gewesen. Die fragenden Schüler seien teilweise auch wüst beleidigt worden. „Halt´s Maul“ oder „verpiss dich“ sollen durchaus vorgekommen sein. Das hat sie sehr getroffen. Eine Passantin habe zu den verantwortlichen Lehrern gesagt, dass die Aktion „eine unglaubliche Unverschämtheit“ sei und den Versuch als eine „Schweinerei, die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen“ bezeichnet. Das ist im Vergleich zum letzten Jahr ein gravierender Unterschied. Derartige Äußerungen sind damals nicht gefallen. Die Stimmung war positiver.

Die Schüler waren auf der Heimfahrt sehr emotional, wie Tanja Alfia berichtet. „Ich dachte, ich lebe in einer Welt, in der mir geholfen werden würde. Ich bin enttäuscht“, sagte eine Schülerin.

Ein Trend scheint sich aber zu halten. Wie auch letztes Jahr wurden von den Schülern beobachtet, dass vor allem viele junge Menschen sich sehr zögerlich oder ahnungslos verhalten haben. Größtenteils wären es ältere Leute gewesen, die den Siebtklässlern zur Hilfe eilen wollten.

Drei Passanten, die ohne zu helfen vorbeigelaufen sind, haben allerdings bemerkt, dass es sich um einen Test handelt. Teilweise auch, weil sie selbst im Bereich der Pflege arbeiten. Yvonne Paul will im nächsten Jahr mit einer neuen Klasse wieder testen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Regine Kahl: Vom Mut und seinen Tücken

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