„Nauf ist Augsburg, nah ist Donauwörth, numm ist Wertingen, drieb ist Thierhaupten. Und mittendrin ist Ellgau.“ Und wie schön es dort, mittendrin im Lechtal ist, zeigten die Ellgauerinnen und Ellgauer unserer Redaktion am Donnerstagnachmittag stolz bei einer Ortstour, samt Badespaß, Doppelkirche und kuriosen Geschichten. Die Tour war detailliert geplant, samt Referenten; Überraschungen blieben dennoch nicht aus.
Ein kunterbunter Haufen zieht bei Sonnenschein los. Vorneweg Hermine Zwerger im Kostüm einer Magd samt Strohhut. Entlang des „Historischen Rundgangs“ schildert sie regelmäßig die Entwicklung des Ortes, der eng mit dem Lech verbunden ist. Der sorgte früher nicht nur für saftige Wiesen und saftige Streitereien mit Münster um die Lechwiesen - immer wieder ertrank jemand in dem mäandernden Fluss. „Nach jeder Schmelze, nach jedem Starkregen, sah der Lech anders aus“, erzählt Zwerger.
Wer ertrank, musste in Ellgau früher illegal bestattet werden. „Wir hatten hier bis 1876 gar kein Begräbnisrecht und keinen Friedhof“, weiß Kirchenpfleger Martin Koch. Laut Klaus Pudel (er ist alles, von Bauhofmitarbeiter über Hausmeister und Bestatter bis Kantor) fanden in Ellgau bis 2006 noch Leichenzüge vom Wohn- zum Leichenhaus statt.
Ellgaus Friedhof schmiegt sich an zwei Kirchen, die aneinander gebaut wurden - also zwei in eins. Im November ist es genau 30 Jahre her, dass die St.-Ulrichs-Kirche in Ellgau eingeweiht wurde. Welche Bedeutung die Menschen für die Kirche haben, sieht man draußen an der Mauer: Alle, die sich ehrenamtlich in der Pfarrgemeinde engagieren, sind dort abgebildet.
Den Kontrast zur hellen, klaren, modernen Ulrichskirche bildet das alte Kirchlein. Die Orgel ist in beiden zu hören. Viele Jugendliche hätten früher während des Gottesdienstes in der alten Kirche mit den Fingernägeln ihre Initialen in die Bänke geritzt. Sofort wird nach Namen gesucht. „Da steht ‚Klaus‘ - ist das Deiner?“, fragt eine Frau lachend eine andere.
In der Bücherei im gleichen Gebäude balanciert gerade Andrea Steger ihre Tochter Elina und fünf Bücher „Das magische Baumhaus“ auf dem Arm. Um die Ecke spielen ihre Söhne Fabian und Jonah mit Hannes Lego-Fußball. Elisabeth Wagner-Engert leitet die Bücherei - und empfiehlt als Sommerlektüre spontan „22 Bahnen“ von Caroline Wahl.
Nicht nur die Kirche - viel hat sich seit mit der Dorferneuerung in den vergangenen 20 Jahren in Ellgau geändert, man sprach damals von einer „Runderneuerung“. Dazu gehört die gepflasterte Ortsmitte mit kleinem Wasserlauf und einem großen Floß, was auf die Flößerei in Ellgau verweist. Nur wenige Meter weiter hinter einer Kurve - ein beliebtes Kleinod am Mühlbach. Dort schlüpfen die Ellgauer aus den Schuhen und stapfen durchs Wasser. „Das war schon immer unser Badestrand“, rufen sie. Ein großer Trafoturm thront über der neu angelegten Badestelle am Mühlbach mit Brücke, Kneippbecken, Bänken und Bäumen. Ein Mädchen hält seinen Rock hoch und juchzt, während man sich an die Geschichte von dem Bub erinnert, der dort einst Gänse hüten sollte. Weil er aber lieber mit den anderen Kindern toben wollte, wollte er die Tiere wie Hunde anbinden. Das Ende der Gänse. Der Bub war Jahrgang 1908. Das Treiben am Bach lockt Schreinermeister Rudolf Wenninger aus seiner Werkstatt. Viel Zeit hat er nicht, er arbeitet am Geschenk eines Opas für seinen fünfjährigen Enkel.
Dass sich auch Auswärtige in Ellgau wohlfühlen, weiß Ute Lichti. Sie betreibt den Herrlehof, ein großes Gut, nördlich der Gemeinde. Neben der Landwirtschaft vermietet sie Wohnungen und Appartements, bietet Urlaub auf dem Bauernhof an. „Wir sind sehr gut ausgelastet.“
Miriam Wenninger aus Biburg zog der Liebe wegen nach Ellgau. Während sie ihren Kinderwagen durch ein Gässle am „Badestrand“ schiebt, schwärmt sie von dem abwechslungsreichen Programm für Kinder, von den vielen Vereinen, die bei jedem Fest gemeinsam anpacken. Ellgau sei lebenswert und praktisch, auch dank Kindergarten und Schule. Sie selbst ist bei der Feuerwehr aktiv - die ihrerseits selbst ein neues Gebäude hat.
Das gute Miteinander der Vereine ist auch baulich sichtbar. So ist die Mehrzweckhalle an der Grundschule komplett ausgelastet, nicht nur mit Schulsport, sondern vor allem mit dem Angebot des Sportvereins. Von den 800 Mitgliedern sei ein Viertel Jugendliche. 580 Mitglieder allein habe die Gymnastikabteilung mit ihren acht Gruppen, berichtet Monika Wenninger. Die Theaterproben finden ebenfalls dort statt, darunter ist der Jugendraum „Elli“. „Unsere Kinder sollten einen Treffpunkt haben“, erzählt Christine Baumgartner, die sich zusammen mit Sabine Rieger darum kümmert. Denn nach der vierten Klasse verteilen sich die Schülerinnen und Schüler auf weiterführende Einrichtungen im Landkreis. Dank „Elli“ könnten sie sich dann weiter sehen.
Unter der Winterlinde im Pausenhof, zwischen Verkehrsübungsplatz und Wiese, sind alle am Kauen: Erst wurde Ulrich Schädles Apfelwiese mit 35 Bäumen verschiedenster Sorte überquert. Er verteilte große „Jakob-Fischer-Äpfel“. Dann wirbt unerwartet Herbert Schlembach vor seinem Haus für seine Zwetschgen. Mit Zwetschgen oder Apfel im Mund lauscht man dem Bericht über das Bulldoggfest am vergangenen Wochenende. Bulldoggfreunde und Theaterleute gehören zum Obst- und Gartenbauverein, erzählt Josefine Stuhler. Bis zwei Uhr früh wurde gefeiert, 200 Bulldoggs standen unter Schädles Apfelbäumen. Alle Vereine trugen etwas dazu bei, etwa auch der Musikverein. Der wiederum betreut seit 2014 das Vereinszentrum, das zwischen Schule und Gastwirtschaft steht. Rund 25 Auftritte haben Stammkapelle und andere Musikgruppen im Jahr, inklusive „Ständle“ für Jubilare, schildert Georg Zwerger. Die Tour endet an der Gastwirtschaft „Zum Floß“ und der Frage, ob auf Äpfel und Zwetschgen noch ein Eis oder eine griechische Spezialität von Wirt Konstantinos Dimarelis passt. Oder man noch schnell in einen der Ellgauer Badeseen hüpft.
Am Donnerstag, 29. August, setzen wir unsere Ortstour um 15 Uhr in Achsheim fort.
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